Kultusminister Andreas Stoch Foto: dpa

Baden-Württemberg will in den kommenden Jahren den Islamunterricht ausweiten. Auch Gymnasien und Realschulen sollen einbezogen werden.

Stuttgart - Die furchtbaren Ereignisse in Frankreich zeigten, wie wichtig es sei, ­Kindern möglichst früh ein lebensbejahendes Bild von Religion zu vermitteln und sie nicht den Lehren von Extremisten zu überlassen, ­sagte Erdal Toprakyaran, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie Tübingen, bei einem deutsch-türkischen Workshop zur ­islamischen Religionspädagogik. Die Einrichtung an der Universität Tübingen ist eines von mehreren Zentren, die das Bundesbildungsministerium unterstützt, ­damit in Deutschland eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam stattfinden kann und islamische Theologen gut qualifiziert werden, bevor sie beispielsweise in Moscheegemeinden oder an Schulen arbeiten. Seit dem Wintersemester 2013/14 können dort auch Lehramtsstudenten islamische Religionslehre zusammen mit einem anderen Fach studieren – für den Unterricht an einem Gymnasium.

Derzeit gibt es in Baden-Württemberg an Gymnasien noch keinen Religionsunterricht für muslimische Schüler. Allerdings seien einige Gymnasien an einem solchen Angebot interessiert, sagte der Tübinger Islamwissenschaftler Ismail H. Yavuzcan. Die Landesregierung hat im vergangenen Jahr beschlossen, künftig auch Gymnasien und weitere Realschulen in das Modellprojekt einzubeziehen.

Seit 2006 gibt es in Baden-Württemberg islamischen Religionsunterricht, im vergangenen Schuljahr nahmen über 2000 Schüler daran teil. Von den 31 Schulen waren 24 Grundschulen, sechs Haupt- und Werkrealschulen und eine Realschule. In den nächsten Jahren sollen bis zu 20 weitere Schulen pro Jahr dazukommen.

Das Fach müsse endlich als ordentliches Unterrichtsfach angeboten werden, forderte Yavuzcan. Die Politik ziehe sich immer wieder darauf zurück, dass es – anders als bei den christlichen Kirchen – keine verlässlichen Ansprechpartner gebe. Derzeit prüft das Kultusministerium in Stuttgart Anträge der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), die eng mit dem türkischen Staat verknüpft ist, und mit dem Verband der Islamischen Kulturzentren. Vor dem Start des Modellversuchs im Schuljahr 2006/07 hatten mehrere Verbände jahrelang über Lehrpläne diskutiert, konnten sich aber am Ende mit dem Kultusministerium nicht auf einen Bildungsplan einigen.

Um dennoch beginnen zu können, genehmigte die Landesregierung seinerzeit im Rahmen eines Modellprojekts Anträge von Elternvereinen. Den Unterricht erteilen Lehrer, die eine Zusatzausbildung für islamische Religionspädagogik absolviert haben. Mittlerweile wird das Fach an vier der sechs Pädagogischen Hochschulen im Land angeboten – in Ludwigsburg, Karlsruhe, Freiburg und Weingarten.

Aus Sicht von Kultusminister Andreas Stoch ist das Modellprojekt ein voller Erfolg. Die Schulen berichteten, „dass die Schüler und deren Eltern durch den Religionsunterricht einen neuen Bezug zur Schule entwickelt und sich stärker in das Schulleben eingebracht haben“, sagte der SPD-Politiker. Die Eltern schätzten vor allem, dass ihre Kinder in deutscher Sprache und in der Gemeinschaft Kenntnisse über den Islam ­erhielten.

Nevzat Asikoglu, Botschaftsrat für Religiöse Angelegenheiten der Republik Türkei, forderte bei der Tübinger Tagung, die Erwartungen von Eltern stärker zu berücksichtigen. Andernfalls suchten diese Alternativen. Ein konfliktträchtiges Thema ist beispielsweise das Thema Kopftuch. Einige der Studentinnen würden später gern einmal an Schulen unterrichten, müssten dann allerdings in der Schule außerhalb des Islamunterrichts ihr Kopftuch ablegen. Das widerspreche ihrem Glauben.

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