Die angehenden Hauswirtschafter im dritten Lehrjahr stellen sich beim Kochen schon geschickt an. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

An der Hedwig-Dohm-Schule in Stuttgart lernen 43 Azubis, wie Hauswirtschaft funktioniert – und Deutsch. Das Modellprojekt mit der vierjährigen Lehre könnte auch zukünftig eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein – nicht nur in der Hauswirtschaft.

Stuttgart - Mit flinken Händen formt Sofie Robakibze aus kleinen Hefeteigbällchen längliche Pide-Schiffchen, in die sie Schafskäse und Spinat füllt. „Wir haben den Teig aus frischer Hefe gemacht, mit Vorteig“, versichert die Georgierin in flüssigem Deutsch in der Lehrküche. Seit drei Jahren ist die 34-Jährige in Deutschland und macht an der Stuttgarter Hedwig-Dohm-Schule und im Haus am Weinberg eine Lehre als Hauswirtschafterin. Es ist ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt, das sich gezielt an Flüchtlinge und Migranten wendet.

25 Frauen und 21 Männer aus 17 verschiedenen Herkunftsländern, viele aus Afrika, nutzen dieses Angebot und besuchen die bisher drei Modelljahrgänge. Das Besondere daran: „Wir haben die reguläre dreijährige Ausbildung auf vier Jahre gestreckt“, erklärt Schulleiter Dieter Göggel. Im ersten Lehrjahr werden die Lehrlinge massiv in Deutsch gefördert – „mindestens zehn Stunden pro Woche“; und in den ersten zwei Jahren haben sie zwei Schultage pro Woche und nur drei im Betrieb. Nur acht Azubis brachen ab, weniger als in anderen Klassen.

Einen zweiten Berufsschultag für Flüchtlinge fordern auch andere Berufsschulen

Einen zweiten Berufsschultag würden sich auch andere Berufsschulen und auch in anderen Fächern wünschen, wie die geschäftsführenden Leiter der beruflichen Schulen in Stuttgart kürzlich im Schulbeirat verlangt haben. Aus gutem Grund: Denn fehlende Sprachkenntnisse seien die größte Hürde, um die Ausbildung zu bestehen.

Es gibt aber noch eine weitere Besonderheit bei dem Projekt an der Hedwig-Dohm-Schule, wie Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch bei ihrem Besuch dort deutlich machte: „Hauswirtschaft wird immer unterschätzt – man hat dem Beruf zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.“ Die Folge gingen die Ausbildungszahlen in den Keller. „Von 2005 bis 2015 haben sich die Ausbildungszahlen in Baden-Württemberg halbiert – auf 145 neu abgeschlossene Ausbildungsgänge“, sagte Daniela Katz-Raible. Sie ist Mitarbeiterin von Oikos – der Ausbildungsinitiative Hauswirtschaft, die 2015 von der Diakonie ins Leben gerufen wurde. Oikos fungiert als Netzwerker zwischen Betrieben, Schulen, Flüchtlingseinrichtungen, hilft dabei, die Richtigen für diesen Beruf auszusuchen und wird je zur Hälfte von Bundesbildungsministerium und Europäischem Sozialfond finanziert. Noch. Inzwischen sei die Zahl der neuen Azubis auf über 200 gestiegen – und man könnte noch mehr brauchen.

Viele Betriebe und Heime suchen händeringend Hauswirtschafter

„Wir haben ein großes Fachkraftproblem in der Hauswirtschaft“, sagte Oikos-Leiterin Ursula Schukraft. Gurr-Hirsch nannte auch die Gründe für diese Entwicklung: „40 Prozent der Menschen essen nicht mehr zuhause, sondern in Kita, Schule, Betrieb, Krankenhaus, Seniorenheim – überall muss gekocht und Wäsche gewaschen werden.“

Das haben auch die Lehrlinge entdeckt: „Hauswirtschaft ist nicht nur Kochen“, sagt ein afrikanischer Azubi, „ist auch mit unserer Geldtasche“. Sprich, es geht auch um ökonomisches Planen, Einkaufen, Organisieren. Es sei „eine ganz tolle Ausbildung“ meinen auch seine Mitschüler. Sofie Robakibze versichert: „Ich mache das sehr gerne, mit alten Menschen umgehen – wir sind sehr dankbar.“ Da bekommt sie spontan Szenenapplaus von all ihren Mitschülern.

Beeindruckt von den Koch-, Servier- und Dekokünsten der Azubis zeigt sich auch Gurr-Hirsch, selbst gelernte Hauswirtschafterin. Kürbissuppe, Pide, Linsensalat und Apfeltiramisu lässt sie sich nicht entgehen.

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