Jede Woche treffen sich Lehrer und Schüler zu einem persönlichen Gespräch. Die intensive Betreuung schätzen beide Seiten. Foto: Stoppel

Der enge Kontakt zwischen Lehrern und Schülern macht vieles möglich – und den Modellversuch „„Ausbildungsvorbereitung Dual“ zum Erfolgsprojekt. Im Rems-Murr-Kreis bieten die Berufschulzentren Schorndorf, Backnang und Waiblingen den Bildungsgang an.

Schorndorf - Mina möchte Hotelfachfrau werden. Der Weg dorthin scheint weit zu sein: Die junge Frau kommt aus Afghanistan, lebt erst seit zwei Jahren in Deutschland, hat keinen Schulabschluss und tut sich noch schwer mit der deutschen Sprache. Seit September besucht sie die Grafenbergschule in Schorndorf, absolviert dort den Bildungsgang „Ausbildungsvorbereitung Dual“.

In den wenigen Monaten seit Schulbeginn ist sie ihrem Traumberuf in großen Schritten näher gekommen. „Ich muss im Unterricht immer deutsch reden, deswegen ist es schon viel besser geworden“, erzählt die 23-Jährige. Ihr erstes Blockpraktikum hat sie im Schorndorfer Restaurant Courage absolviert, ihr zweites wird im Hotel Lamm in Hebsack stattfinden. Ihre Lehrer und Begleiter sind begeistert von ihrem Fleiß und ihrer Zielstrebigkeit.

Neue Form der Berufsvorbereitung

Davon hätte Jannis im vergangenen Schuljahr auch ein wenig mehr brauchen können. „Ich habe meinen Hauptschulabschluss nicht geschafft, ich war zu wenig in der Schule“, erzählt der 15-Jährige aus der Parallelklasse von Mina. Jetzt möchte er sich mehr anstrengen, „weil ich gute Noten und meinen Abschluss schaffen will“. Wie ihm der Bildungsgang AVdual dabei hilft? „Die vielen Gespräche sind schon gut, auch wenn sie manchmal nerven. Wir bekommen gesagt, was wir falsch machen.“

Die beiden stehen stellvertretend für das, was die neue Form der Berufsvorbereitung leisten kann, aber auch für ihre Herausforderungen. Den Bildungsgang besuchen Jugendliche, die keinen Hauptschulabschluss haben oder mit ihren schwachen Abschlussnoten keine Ausbildung finden – ein jeder bringt eine andere Geschichte, bringt sein Sorgenpäckchen mit. „Seit 2015 melden sich zudem viele Flüchtlinge an“, erzählt Norbert Hübsch, der an der Grafenbergschule den Fachbereich AVdual führt. Damit ist die Heterogenität der Schüler noch größer geworden.

Intensive Beratung zeigt Wirkung

Aufgefangen wird das bei AVdual vor allem durch die hohe Beratungsdichte, die auch ein Merkmal des einjährigen Bildungsgangs ist. Das beginnt an der Grafenbergschule bereits vor dem ersten Schultag. „Beim Aufnahmegespräch werden die Weichen für das Schuljahr gestellt. Ich will wissen, in welche berufliche Richtung es gehen soll, ich will aber auch wissen, warum der Schüler bisher so schlecht war“, sagt Norbert Hübsch. Fest im Stundenplan verankert sind jede Woche Gespräche mit den Lernbegleitern. „Da entsteht ein großes Vertrauen. Wir formulieren Ziele neu, besprechen die Noten“, berichtet Hübsch.

Zusätzlich gibt es an der Grafenbergschule mit den Sozialpädagoginnen Monja Kircher und Veronika Karger zwei Begleiterinnen, die beim Landratsamt angestellt sind und die Verbindung zwischen den Schülern, Familien und Betrieben schaffen. „Wir helfen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz, aber auch während dem Praktikum und halten Kontakt zu den Betrieben“, berichtet Veronika Karger. Für die Lehrer ist das eine große Erleichterung. „Das können wir gar nicht leisten“, sagt Norbert Hübsch. Auch bei der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb können die beiden AVdual-Begleiterinnen, die einen direkten Draht zum Jobcenter haben, den Schülern unter die Arme greifen.

Abbrecher gibt es immer wieder

Momentan gibt es an der Grafenbergschule vier dieser besonderen Klassen mit 80 Schülern. Wieviele von ihnen tatsächlich direkt in eine Ausbildung wechseln werden? „Man hat immer Schüler, die abbrechen, aus persönlichen Gründen oder wegen den äußeren Umständen“, sagt Norbert Hübsch. Der Rest mache entweder an der Schule weiter oder trete eine Ausbildung an. „Das hat auch damit zu tun, dass wir in Schorndorf viele kleine und mittlere Handwerksbetriebe haben“, sagt Hübsch.

Weil aber nicht nur in Schorndorf die Erfahrungen gut sind, wurde der Schulversuch auf immer mehr Modellregionen ausgeweitet: „AVdual wird von Schülern und Lehrern äußerst positiv aufgenommen. Das pädagogische Konzept stellt die eigenen Bedürfnisse und Voraussetzungen der Schüler in den Mittelpunkt“, sagt die Kultusministerin Susanne Eisenmann. Auch Norbert Hübsch möchte den Bildungsgang nicht mehr missen: „Es war ein langer Weg, alle Elemente einzuführen. Aber im fünften Jahr haben wir Routine. Die intensive Betreuung und Beziehungsarbeit sind aufwendig, aber es lohnt sich.“

Hier erfährt man mehr über AVdual

An der Grafenbergschule Schorndorf findet am Montag, 11. Februar, von 18 Uhr an ein Infoabend im Raum 1.106 statt.

Ein Erfolgsmodell macht Schule

Idee:
In fünf Modellregionen – darunter sind der Rems-Murr-Kreis und der Kreis Ludwigsburg – wurde der Bildungsgang AVdual zum Schuljahr 2014/2015 eingeführt. Ziel ist es, den Hauptschulabschluss zu erwerben und/oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Es gibt zwei Blockpraktika, klassischen Unterricht und offene Lernzeiten.

Entwicklung:
Mittlerweile wird der Bildungsgang in 20 Modellregionen an 42 Standorten erprobt. Ein begleitendes Monitoring zeigt den Erfolg: Für das Schuljahr 2017/18 haben laut dem Kultusministerium insgesamt 36 Schulen zurückgemeldet, dass 36 Prozent der Schüler in eine Ausbildung übergegangen sind. Der Wert ist laut Pressestelle stabil, obwohl der Anteil der Schüler, die ohne Schulabschluss die AVdual begonnen haben, von rund 36 Prozent auf knapp 54 Prozent gestiegen ist. Der Rest gehe an eine berufliche Schule oder auf die Berufsfachschule.

Standorte
: Im Rems-Murr-Kreis gibt es AVdual an den Berufschulzentren Schorndorf, Backnang und Waiblingen.

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