Café und Tankstelle unterm Daimlerstern. Foto: Ines Rudel

Modelleisenbahnern haftet das Etikett des Spießers an. Zu Unrecht. Eine Sonderausstellung im Stadtmuseum im Storchen zeigt, dass die Liebhaber der Spielzeugbahnen der Baukunst der Nachkriegszeit ganz und gar nicht abgeneigt waren.

Göppingen - Modelleisenbahnen dampfen durch idyllische Ortschaften mit putzigen Fachwerkhäusern? Kann sein, muss aber nicht. Im Göppinger Stadtmuseum im Storchen sind Modellbauten zu sehen, an denen sich der Aufbruch in der Architektur zur Zeit des Wirtschaftswunders ablesen lässt. Moderne Hochhäuser, ein Turmcafé auf einem sogenannten Flugdach einer Tankstelle und flachgedeckte Bahnhofsgebäude, deren schlichter Kubus durch Eleganz und Funktionalität besticht, werden dort noch bis zum 27. Oktober gezeigt. Ein Knüller damals wie heute: die Villa im Tessin der Firma Faller. Für 4,75 Mark war sie einst zu haben – moderne Architektur zum Schnäppchenpreis.

Aus dem deutschen Architekturmuseum nach Göppingen

In Frankfurt hat Karl-Heinz Rueß, der Leiter der städtischen Museen und des Stadtarchivs, die Ausstellung „märklinMODERNE. Vom Bau zum Bausatz und zurück“ im Deutschen Architekturmuseum gesehen. Was lag da näher, als diese Schau nach Göppingen zu holen, der Heimat des traditionsreichen Spielzeugherstellers Märklin. Zudem liegt die Stadt inmitten eines Landstrichs, in denen Unternehmen wie Faller, Vollmer und Kibri alles herstellten, was das Herz des Modelleisenbahners höher schlagen ließ – und das auch immer noch tun. Kibri und Vollmer firmieren mittlerweile nicht mehr unter ihrem eigenen Namen. Sie wurden inzwischen mit ihren Produktpaletten von dem hessischen Unternehmen Viessmann Modelltechnik übernommen.

Karl-Heinz Rueß erinnert sich, dass er selbst in jungen Jahren mit Leidenschaft Modellbausätze zusammenbastelte – ein durchaus anspruchsvolles Hobby, wie er erklärt. Alle Teile müssten zunächst akkurat auseinandergefitzelt und dann exakt zusammengeklebt werden, damit die Bauten für die Modellplatte nicht in sich zusammenfielen, wie Kartenhäuschen.

Die Architektur der Nachkriegszeit ist in so manchen Hobbykeller eingezogen

Dass Modelleisenbahner Piefkes sind, das widerlegen Daniel Bartetzko und Katrin Berkemann, die Kuratoren der Ausstellung. Sie führen ins Feld, dass sich sogar des Spießertums völlig unverdächtige Persönlichkeiten wie die international bekannten Rockgrößen Rod Steward und Neil Young gerne als „Teilzeit-Lokomotivführer“ betätigten. Doch auch Otto Normalverbraucher war aufgeschlossener, als die Kuratoren erwartet hatten. Bei ihrer Spurensuche fanden sie heraus, dass die Architekturmoderne in den Hobbykellern der Sechziger- und Siebzigerjahre sehr wohl ihren Platz hatte. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass die Architektur der Nachkriegszeit von der Bevölkerung keineswegs so ungeliebt war, wie oft behauptet wurde.

Besonders anschaulich macht die Ausstellung, die anzusehen sich auch für Menschen lohnt, die nicht vom Modellbahnvirus befallen sind, der Kunstgriff, die Modellbauten ihren realen Vorbildern gegenüberzustellen. Großformatige Fotografien von Hagen Stier zeigen die Gebäude einst und heute. Auch die Villa im Tessin mit ihrem beschwingten Schmetterlingsdach existiert tatsächlich. In Ambri in der Nähe des Gotthardtunnels hatten die Brüder Hermann und Edwin Faller sie entdeckt. Sie waren so begeistert, dass ihr Hausarchitekt Leopold Messmer für den Firmensitz in Gütenbach im Schwarzwald ein ähnliches Wohnhaus entwarf. Gleichzeitig schufen die Modellbauer des Unternehmens den legendären Spritzgussbausatz „Villa im Tessin“, der in den Jahren 1961 bis 1984 produziert wurde. Der Modellbausatz wurde mit Unterbrechungen immer wieder aufgelegt. Seit 2016 hat das Unternehmen die Villa wieder im Sortiment. Auch das Modell Autorast, das von einem Daimler-Stern gekrönt wird, entstand im Jahr 1961 bei Faller nach einem realen Vorbild, dem Freiburger Autohaus „Breisgau“ mit seinem gläsernen Turmcafé im Obergeschoss, das heute als Restaurant genutzt wird.

Selbst vorgefertigte Bausätze bieten mehr Freiraum als man erwartet

Überdauert hat auch das Postamt Badenweiler, das der Böblinger Firma Kibri (Kindler & Briel) für einen Modellbausatz Pate stand und das heute noch in der kleinen Kurstadt durch seine zwei übereinandergelegten, klaren Kuben überzeugt. Sogar moderne Kirchen sind auf den Modellplatten jener Jahre zu finden. Faller stellte einen Modellbausatz nach dem Vorbild der 1965 geweihten römisch-katholischen Kirche St. Katharina her.

Dass selbst vorgefertigte Bausätze dem Modellbaumeister einen enormen Freiraum bieten, beweisen die Exponate von Gerald Fuchs. Er verschachtelt die Villa im Tessin mehrfach ineinander, errichtet monumentale Hochhäuser aus mehreren gleichen Stadthaus-Bausätzen. Und da die Ausstellung in der Märklinstadt gezeigt wird, hat Karl-Heinz Rueß sie ergänzt. Am Anfang des Rundgangs im ersten Stock ist der Göppinger Bahnhof für die Spur 7 aus Märklin’scher Produktion zu sehen.

Führungen, Modellgeschichten und Begleitbuch

Buch:
Begleitend zu der Ausstellung haben die Kuratoren Daniel Bartetzko und Karin Berkemann den Band „märklinMODERNE – Vom Bau zum Bausatz und zurück“ herausgegeben. Die Texte darin sind auf Deutsch und Englisch zu lesen. Das Buch ist im Jovis-Verlag erschienen und für 28 Euro im Göppinger Stadtmuseum erhältlich.

Führungen:
An diesem Donnerstag, 15. August, sowie an den Sonntagen, 25. August, 15. September, 13. und 27. Oktober, werden Rundgänge durch die Sonderausstellung angeboten. Sie beginnen jeweils um 15 Uhr. Gruppen und Schulklassen können die Schau nach Voranmeldung unter der Telefonnummer 0 71 61/650-9922 auch außerhalb der Öffnungszeiten besuchen.

Kinder:
Zu Baumeistern dürfen Mädchen und Jungs im Alter von acht bis zwölf Jahren am Mittwoch, 19. Oktober, werden. „Modellgeschichte(n): Von Bauten und Bausätzen“ heißt es dann von 15 bis 16.30 Uhr im Stadtmuseum. Da maximal zehn Kinder an dieser Veranstaltung teilnehmen können, ist eine Anmeldung im Museum unter der Telefonnummer 0 71 61/650-9911 oder per E-Mail unter museen@goeppingen.de erforderlich.

Öffnungszeiten:
Das Stadtmuseum öffnet dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr sowie an Sonntagen von 11 bis 17 Uhr. Erwachsene bezahlen zwei Euro Eintritt. Für Kinder und Jugendliche sowie Inhaber von Bonuskarten ist der Eintritt frei.

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