Mit Housing First sollen Wohnungslose die Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen. Foto: dpa

Wer auf der Straße oder in einer Notunterkunft lebt, kämpft oft noch mit anderen Dingen wie Sucht oder Arbeitslosigkeit. Nach dem Housing-First-Prinzip will Esslingen diesen Menschen eine Wohnung anbieten, die ihnen den Start in ein besseres Leben ermöglicht.

Was „Housing First“ ausmacht, steckt bereits im Namen: Zuerst muss eine dauerhafte Unterkunft her, erst dann kümmert man sich um die restlichen Probleme. Das Konzept, das den verbreiteten Hilfeansatz für Wohnungslose auf den Kopf stellt, kommt aus den USA und wird in Europa vor allem in Finnland erfolgreich umgesetzt. In Deutschland gibt es bisher nur in knapp einem Dutzend Städte Housing-First-Projekte, darunter Stuttgart. Neu dazu kommen jetzt Esslingen und fünf weitere Kommunen in Baden-Württemberg, in denen das Sozialministerium und die Vector-Stiftung mit insgesamt 1,6 Millionen Euro Modellkonzepte zu „Housing First“ drei Jahre lang fördert.

 

Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist oft mit vielen weiteren Problemen verbunden wie Drogen- oder Alkoholsucht, Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit. „Personen mit multiplen Problemlagen, die zusätzlich oft über wenig Sozialkontakte verfügen, haben auf dem Esslinger Wohnungsmarkt kaum eine Chance Wohnraum zu finden“, so Simon Lenk vom Amt für Soziales, Integration und Sport der Stadt , der zusammen mit Tina von Rasch das Esslinger Projekt ausgearbeitet und jetzt im Sozialausschuss vorgestellt hat. Gerade eine eigene, dauerhafte Wohnung verschaffe dieser Klientel aber erst die Ruhe und Sicherheit, um sich ein menschenwürdiges Leben in der Gesellschaft aufbauen und die eigenen Probleme langfristig in den Griff bekommen zu können.

Unterstützung auf freiwilliger Basis

Die Betroffenen werden bei dem Neustart individuell unterstützt, sie werden aber zu nichts gezwungen. Wohnen und Betreuung sind also nicht notwendigerweise miteinander verknüpft, so ein weiterer Grundgedanke von „Housing First“, der auch in der Esslinger Konzeption umgesetzt wird. Bislang ist es in der Regel so, dass persönliche Schwierigkeiten vorher angegangen werden müssen, um für eine Wohnung in Frage zu kommen. Dieser Ansatz wird nun umgekehrt.

Ziel sind 15 Wohnungen für obdachlose Menschen

Bei dem Projekt Housing First Esslingen, für das Landesfördermittel von fast 270 000 Euro bereit stehen, kooperiert die Stadt mit der Fachberatungsstelle der Evangelischen Gesellschaft (Eva) und der Heimstatt Esslingen, die beide seit Langem in der Wohnungslosenhilfe aktiv sind. Aus dem Topf werden unter anderem zwei Sozialarbeiterstellen und eine Stelle zur Wohnraumakquise mit einem Umfang von jeweils 40 Prozent bezahlt. Eva und Heimstatt haben ihre Posten bereits besetzen können.

Die Stadt will die Stelle eines Wohnraum-Scouts jetzt ausschreiben und sucht nach einer Bewerberin oder einem Bewerber, der gezielt private Vermieter und Wohnungsbaugesellschaften wie etwa die EWB ansprechen, das Konzept vorstellen und so Mietobjekte generieren soll. Ziel sei, dass innerhalb des Projektzeitraums, der 2026 endet, insgesamt 15 Wohnungen möglichst verteilt über das ganze Stadtgebiet zur Verfügung stehen, erläutert Simon Lenk. Noch in diesem Jahr sollen die ersten drei Umzüge begleitet werden. Aufgenommen in das Projekt, für das die Stadt 30 000 Euro Eigenmittel beisteuert, werden nur Personen, die ihren Lebensmittelpunkt in Esslingen haben.

Der umkämpfte Esslinger Wohnungsmarkt stellt eine Hürde dar

Im Sozialausschuss wurde der neue Ansatz von Vertretern aller Fraktion positiv aufgenommen. „Je länger Menschen in Sozialunterkünften leben, desto mehr verwahrlosen sie“, sagte Hermine Perzlmeier, beratendes Mitglied der Linken. Es sei ein Puzzleteil, das bestehende Angebote ergänze, so Joachim Schmid (SPD). Das Gremium brachte auch zum Ausdruck, dass die Akquise im umkämpften Esslinger Wohnungsmarkt eine Herausforderung ist. „Das Projekt wird aber gut begleitet, Vermieter können sich gut darauf einlassen“, warb Annette Silberhorn-Hemminger (Freie Wähler).