Auf die neuen Züge mussten die Fahrgäste – hier im Hauptbahnhof – bisweilen ganz schön lange warten. Nun bleiben sie fürs Erste zur Instandsetzung in der Werkstatt in Plochingen. Foto: Max Kovalenko

Die Bahn setzt das S-Bahn-Modell ET 430 so lange nicht mehr ein, bis die Probleme mit dem ausfahrbaren Schiebetritt gelöst sind. Hersteller Bombardier Transportation bedauert die vermasselte Einführung der neuen Züge laut einem Sprecher sehr.

Stuttgart - Der S-Bahn-Betreiber DB Regio hat die Reißleine gezogen. Nachdem am Dienstag um 16.31 Uhr an der Haltestelle Universität in Vaihingen bereits zum vierten Mal ein Exemplar der neu entwickelten S-Bahn ET 430 liegengeblieben war, beschloss S-Bahn-Chef Hans-Albrecht Krause, die bisher zwölf gelieferten von 87 bestellten Zügen aus dem Verkehr zu ziehen. „Weitere Beeinträchtigungen des Bahnbetriebs, die aus der Unzuverlässigkeit der neuen Züge resultieren, können wir im Sinne unserer Kunden nicht akzeptieren“, sagte Krause und stellte die Firma Bombardier Transportation in den Blickpunkt. „Die Verantwortung für einen störungsfreien Betrieb der Fahrzeuge liegt beim Hersteller. Wir fordern Bombardier Transportation auf, umgehend und nachhaltig dafür zu sorgen, dass alle Fahrzeuge störungsfrei funktionieren und in einen vertragskonformen Zustand versetzt werden.“

Schon bei einer Feier zum Start des neuen S-Bahn-Vertrags für die Jahre 2013 bis 2028 von Auftraggeber Verband Region Stuttgart (VRS) und Auftragnehmer DB Regio am Montag in Plochingen hatte Bahn-Vorstandsmitglied Ulrich Homburg alle Zughersteller angegriffen: „Es wird leider zunehmend zur Regel, dass neue Zuggenerationen auf den Markt gebracht werden, die nicht so funktionieren wie gedacht.“

Michael Stephan, Projektleiter für den ET 430 bei der Deutschland-Tochter des kanadischen Schienenunternehmens Bombardier, hatte 2010 rund 50.000 Test-Kilometer für die ersten neun Fahrzeuge angekündigt. Bombardier-Sprecher Sebastian Heindrichs bestätigte am Mittwoch gegenüber unserer Zeitung, dass „das Problem Schiebetritt im Probebetrieb und bei Testfahrten kein Thema war“. Es sei erst im Härtetest im Stuttgarter Netz aufgetreten. Im regionalen Verkehrsausschuss kritisierten am Nachmittag mehrere Fraktionen, dass die Tests nur mit Sandsäcken gemacht wurden.

Probleme ließen nicht lang auf sich warten

Die ersten beiden neuen Züge waren seit dem 25. April auf der S 1 im Einsatz. Danach kamen weitere zehn, doch die ersten Probleme ließen nicht lange auf sich warten. Zum einen verspäteten sich die Züge, weil sich der Vorgang des Türöffnens von gut drei auf rund sieben Sekunden verlängerte. Zum anderen fielen Züge ganz aus: Vor zwei Wochen etwa musste ein Techniker von Bombardier in der Station Stadtmitte einen Schiebetritt von Hand zurückschieben. Der Zug verweigerte aber trotzdem die Weiterfahrt, da die Fehlermeldung im Bordcomputer blieb. Am Dienstag waren laut S-Bahn-Chef Krause gleich mehrere Türen betroffen.

Um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, reduzierte die Bahn die Zahl der eingesetzten Fahrzeuge zunächst auf acht, dann auf drei. Nun nahm sie die Züge außer Betrieb. Bombardier-Sprecher Heindrichs gab sich demütig: „Wir bedauern die Probleme sehr.“ Man stehe im engen Kontakt mit dem Zulieferer des Schiebetritts, dem französischen Unternehmen Faively Transport mit Deutschland-Tochter in Witten (Nordrhein-Westfalen). Schnell wird die Lösung aber nicht kommen. Da bei Bombardiers Maßnahmenpaket nach Informationen unserer Zeitung auch die Sicherheit der Türen berührt ist, müssen Aspekte mit dem Eisenbahnbundesamt abgestimmt werden. Die Bonner Behörde gab keine Stellungnahme ab.

Rainer Ganske (CDU) nannte Krauses Entscheidung „mutig, aber notwendig, sonst werden wir massiv Kunden verlieren“. Er verlangte „einen finanziellen Ausgleich an die Fahrgäste“ – den der Vertrag allerdings nicht vorsieht. Ingrid Grischtschenko (Grüne) kritisierte „ständige Tariferhöhungen und dass dann keine Gegenleistung erfolgt“, Bernhard Maier (Freie Wähler) sah auch beim Gremium eine Schuld: „Wir wollten die Bretter, und jetzt funktionieren sie nicht.“ Das ließ Infrastrukturdirektor Jürgen Wurmthaler so nicht stehen: „Bei einer Investition von Hunderten Millionen Euro kann man erwarten, dass man den Stand der Technik bekommt.“ Bei einem S-Bahn-Gipfel im Herbst sollen alle Themen auf den Tisch – auch die empfindliche Türsteuerung.

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