So sieht das neue Auto „Model 3“ aus, mit dem Tesla vom Luxus- in den Massenmarkt vordringen will Foto: Tesla Motors

Seit Jahren investieren deutsche Autohersteller Milliarden in das Auto mit Elektromotor. Doch das Tempo des Fortschritts gibt das kleine US-Unternehmen Tesla vor. Warum eigentlich?

Stuttgart - Herr Diez, mit dem neuen Mittelklasse-Fahrzeug „Model 3“ will der amerikanische Elektroauto-Hersteller Tesla nun auch den Massenmarkt erobern. Täuscht der Eindruck, dass Tesla den deutschen Herstellern immer ein paar Wagenlängen voraus ist?
Tesla geht immer wieder sehr mutige Schritte. Kein anderer Hersteller hat Elektroauto so mit Emotionen aufgeladen und zu einem Lifestyle-Produkt gemacht wie Tesla. Davon können sich die deutschen Hersteller durchaus eine Scheibe abschneiden. Andererseits aber sind die Absatzzahlen von Tesla keineswegs überwältigend. Tesla hat die deutschen Hersteller nicht abgehängt.
Die Amerikaner werben mit gewaltigen Reichweiten für ihre E-Autos. Nehmen sie den deutschen Herstellern auch den Ruf als Technologieführer weg?
Das Konzept von Tesla besteht bisher darin, viele Klein-Akkus miteinander zu vernetzen. Und die Reichweiten, die Tesla damit nach eigenen Angaben erzielt, sind in der Tat enorm. Testet man aber, wie weit die Autos im realen Fahrbetrieb kommen, schmilzt der Unterschied zu deutschen Fahrzeugen sehr zusammen. Hinzukommt, dass deutsche Hersteller bereits intensiv an Antworten arbeiten. So will BMW bald den i3 mit einem neuen Batteriesystem und höheren Reichweiten auf den Markt bringen.
Warum muss den deutschen Herstellern überhaupt ein kleiner Konkurrent wie Tesla auf die Sprünge helfen?
Tesla hat natürlich den großen Vorteil, sich ganz auf batterieelektrische Antriebe konzentrieren zu können. Und ein kleines Start-Up-Unternehmen kann ein anderes Tempo vorlegen als ein großer Konzern. Doch das Geschäftsmodell von Tesla hat auch seine Schwächen. Das Image ist zwar hervorragend, doch in den Geschäftszahlen schlägt es sich bisher nicht wieder.
Tesla schreibt seit Jahren fast durchgängig rote Zahlen. Wie lange wird Firmengründer Elon Musk die Geldgeber noch bei Laune halten können?
Für ihn wird es sehr wichtig sein, mit dem neuen Modell Erfolg zu haben und den Aktienkurs wieder zu steigern. Nach dem Ausstieg von Daimler ist kein neuer Investor in Sicht – allenfalls kann er aus seinem Privatvermögen noch Geld einbringen. Er braucht jetzt dringend außer der Aufmerksamkeit auch den geschäftlichen Erfolg.
Bisher hat Tesla die Termine zur Markteinführung immer weit überschritten. Wie viel Geduld haben Kunden und Geldgeber mit Musk?
Die Verschiebung von Marktstarts belastet die Finanzen, weil kein Geld in die Kasse kommt. Zudem erwarten die Kunden gerade beim Model 3 Liefertreue. Schließlich müssen sie bereits mit der Bestellung 1000 Dollar Anzahlung leisten. Es ist deshalb gut, dass Tesla sich mit Ende 2017 kein allzu ehrgeiziges Ziel für den Start der Auslieferung gesetzt hat.
Welcher deutsche Hersteller ist am besten dafür gerüstet, Tesla Paroli zu bieten?
Die beste Antwort hat aus meiner Sicht BMW – dort wird nicht nur in bestehende Modelle ein Elektromotor eingebaut, sondern mit dem i3 und dem i8 ein eigenständiger Ansatz für E-Autos verfolgt. Bisher allerdings fehlt ein Modell, das emotionaler ist als der nüchterne i3 und günstiger als der sehr teure i8. BMW ist aber am ehesten in der Lage, die gesamte Palette von Elektrofahrzeugen auszurollen.
Wie ist aus ihrer Sicht Daimler aufgestellt?
Daimler muss da noch zulegen und die Palette bei der Elektromobilität ausbauen - schon allein, um die künftig noch schärferen Grenzwerte für den Ausstoß von Kohlendioxid einhalten zu können. Es ist aber gut, dass Daimler nicht nur auf batterieelektrische Antriebe setzt, sondern auch auf die Brennstoffzelle und sich damit auf die Möglichkeit einstellt, dass diese Technologie sich durchsetzen wird.
Daimler war ja mehrere Jahre lang an Tesla beteiligt und ist 2014 ausgestiegen. War das angesichts des Erfolgs der Amerikaner ein Fehler?
Es ist immer schwierig, wenn ein großes Unternehmen wie Daimler mit einem kleinen Unternehmen zusammengeht – erst recht vor dem Hintergrund, dass Tesla sehr stark geprägt ist durch die charismatische Persönlichkeit Elon Musk. Insofern hat mich der damalige Einstieg mehr gewundert als der spätere Ausstieg.
Musk baut ja in den USA eine eigene Batteriefabrik – ist das für einen einzelnen Hersteller überhaupt sinnvoll?
Für einen einzelnen Hersteller ist es sicher schwierig, auf die nötigen Stückzahlen zu kommen. Es wäre aber sehr sinnvoll, wenn nicht nur die deutsche, sondern die europäische Autoindustrie einen Verbund bilden würde, um gemeinsam Batteriezellen fürs E-Auto zu produzieren. Auf diese Zellen könnte dann alle Hersteller zugreifen und sie für ihre jeweiligen Fahrzeuge anpassen. Der Wettbewerb leidet darunter sicher nicht, denn die Batteriezellen werden am Ende ohnehin kaum einen Unterschied zwischen den einzelnen Herstellern machen. Dass Musk vorangeht und selbst eine Fabrik baut, sollte für Europa ein Anstoß sein. Es geht dabei schließlich auch um die Frage, wer am Ende die Standards setzt, an die sich die anderen anpassen müssen.
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