Legendäre Vogue-Chefin Anna Wintour Foto: Foto: AP

Vogue-Chef Anna Wintour provoziert mit ihren Allüren. Der Modenachwuchs steht bereit.

Paris - Es ist nicht leicht mit Anna Wintour und ihrem Terminplan. Zuerst änderten die Veranstalter der Mailänder Modewoche für sie die Abläufe. Jetzt provoziert Wintour mit ihren Allüren auch noch Paris. Doch für die 60-jährige Modekönigin könnte es ein Pyrrhussieg gewesen sein. Der Modenachwuchs steht bereit.

Im modeverrückten Paris kennt man momentan nur ein Thema: Wann verlässt Anna Wintour, legendäre Chefin der US-Ausgabe des Modemagazins "Vogue", die Prêt-Õ-porter-Schauen in Paris? Werden die Designer der Stadt genauso kuschen wie ihre Mailänder Kollegen? Weil Wintour wider Erwarten nur drei Tage in Mailand blieb, hatte man dort den sorgfältig zusammengesteckten Terminplan umdisponiert. Selbst Nobelmarken wie Dolce & Gabbana und Armani verlegten ihre Defilees vor.

Seit Dienstagabend laufen die Schauen in Paris. Bisher bewahrt man dort die Contenance. Man könne das Programm doch nicht von einer einzelnen Person abhängig machen, ließ Didier Grumbach, der Präsident des Französischen Modeverbands, bereits vorab wissen. Anna Wintour ist Rummel um ihre Person gewöhnt - und sie erwartet ihn auch. Während das internationale Publikum in erster Linie Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld und Jean-Paul Gaultier als die Stars am Laufsteg erachtet, gilt in Wirklichkeit Wintour als die mächtigste Persönlichkeit der Branche. Aber hat sie dieses Mal ihre Macht überschätzt?

Seit mehr als 20 Jahren an der Spitze der US-"Vogue" entscheidet die gebürtige Londonerin maßgeblich über Farben und Schnitte, Trends und Karrieren im Modebusiness. Selbstverständlich legen die Designer allergrößten Wert darauf, dass sie zu ihren Schauen kommt. Hebt sie, die stets von ihrem Chauffeur vorgefahren und am Catwalk auf dem besten Platz in der ersten Reihe platziert wird, anerkennend den Daumen, können die Couturiers jauchzend die Champagnerkorken knallen lassen.

Ihren Platz könnte eine Modebloggerin einnehmen

So war es bisher. Doch in den ersten Reihen sitzen jetzt auch immer mehr jüngere Kritikerkollegen, nicht selten haben sie ihre Netbooks auf dem Schoß. Nicht nur deren Alter ist für Wintour ein Affront. Die Urteile fordern ihr vermeintliches Meinungsmonopol heraus. Die Mode-Bloggerinnen und -Blogger gewinnen an Anhängern. Der exklusive Kreis der Eingeweihten ist durchbrochen. "Früher war Mode ein Monolog, jetzt ist sie ein Dialog", sagte vor kurzem die Kritikerin Suzy Menkes, eine der einflussreichsten Stimmen der Modewelt. Noch bevor Wintour den Daumen hebt, wurde längst im Internet über die neuesten Trends abgestimmt.

Doch die Zeichen der Zeit haben noch nicht alle erkannt. Die Kreativdirektorin Grace Coddington, mit 68 Jahren ebenfalls eine Berühmtheit der Modewelt, glaubt nach wie vor an die Unfehlbarkeit von Anna Wintour: "Sie ist nicht die Hohepriesterin der Mode, sondern der Papst."

Der Vergleich mit dem Christentum ist nicht unangebracht: Wintour hat ihr Magazin tatsächlich zu einer Modebibel geformt. Die September-Ausgabe der "Vogue" war mit rund 800 Seiten fast so dick wie die "Gelben Seiten" von Manhattan. Der Hollywood-Spielfilm "Der Teufel trägt Prada" ist eine Hommage an Anna Wintour. Längst ist sie zu einem genauso glamourösen Star aufgestiegen wie die berühmten Designer und ihre atemberaubenden Models, über die sie schreibt. Der Pagenschnitt, die schwarzen Gläser ihrer Sonnenbrille und High Heels sind ihre Markenzeichen. Stets erscheint sie in stilvollen, edlen Kostümen oder engen Röcken. Erst wenn sie am Laufsteg ihren Platz eingenommen hat, auch bei Verspätung, darf das Spektakel beginnen.

Prall gefüllt war ihr Terminplan am Freitag. Tags zuvor ließ sie sich im schwarz-weißen Kostüm morgens um 10 Uhr am mondänen Hotel de Crillon an der Place de la Concorde vorfahren, um die Präsentation von Balenciaga zu verfolgen. Ein Defilee mit hohem Promi-Faktor, neben ihr nahmen die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg, Mélanie Laurent und Salma Hayek Platz. Als sie das Luxushotel verließ, huschte ein sparsames Lächeln über ihr Gesicht. Ja, sie habe die Show genossen, verriet sie den wartenden Fotografen. Wie lange sie nun in Paris ausharren wird, bleibt eine spannende Frage. Am Sonntagmorgen steige sie in den Flieger, um abends bei der Oscar-Verleihung in Hollywood dabei zu sein, berichten Vertraute.

In diesem Fall würde sie allerdings die äußerst wichtigen Schauen von Karl Lagerfeld, Chanel und Valentino verpassen. Dann hätte die Grande Dame Wintour nicht nur die Modemacher gereizt, sondern sich selbst überschätzt. Ihre Macht ist nicht grenzenlos. Ihren Platz in der ersten Reihe könnte eine Modebloggerin einnehmen. Es wäre ein Bild voller Symbolik.

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