Sibylle Lehner war Mitarbeiterin der ersten Stunde im Geschäft des Vaters und führt dies seit sie Anfang 30 ist. Foto: Daniel Gräfe

Seit 50 Jahren führt Sibylle Lehner in Stuttgart-Degerloch „Henry Moden“. Mittlerweile ist sie 73 Jahre. Wie schafft sie das in diesen Zeiten?

Das einzige Mal, dass Sibylle Lehner mitten im Geschäft ihren Modeladen schloss, war vor knapp zehn Jahren. Damals erschien eine Frau mit Begleitern – eine arabische Prinzessin, wie sich herausstellte. Sie nutzte einen Krankenhausaufenthalt, um ihre Garderobe aufzufüllen. Weil der Kauffluss nicht zu verebben schien, verriegelte Lehner die Tür für das Personal Shopping. Als Belohnung wuchs der Bon auf eine knapp fünfstellige Zahl.

 

Seit 50 Jahren gibt es „Henry Moden“, es ist ein ungewöhnlicher Name für ein Geschäft für gehobene Damenmode. Bei der Gründung 1976 stand sich Lehners Vater – Oswald Rudolf Heinrich – selbst Pate. Die Kurzform von Heinrich klang cool genug für einen Jeansladen, wie sie Mitte der 1970er Jahre im Trend lagen. Lehner wiederum war nach einer Lehre bei Breuninger mit Anfang 20 Mitarbeiterin der ersten Stunde – auch ihre Mutter und Schwester halfen zu dieser Zeit aus.

Damals lag der Laden in einer Seitenstraße der Epplestraße. Und beinahe täglich lag im Laden eine Kundin zu Füßen von Lehner auf dem Boden, um in möglichst enge Jeans von Levi‘s, Wrangler oder Pioneer schlüpfen zu können, wie sie in Mode waren. Bei Bedarf drückte eine Freundin den Bund zusammen, während die Käuferin den Reißverschluss hochzog. Die Zeiten von Stretch-Jeans und Elastan folgten erst später.

Mit Anfang 30 übernahm Lehner das Geschäft, zog es in die Epplestraße um, fokussierte sich auf Damenmode und führt es seitdem allein. Fünf Jahrzehnte ist sie nun dabei und stemmt mit 73 Jahren noch immer den Laden. Für die Modebranche ist das ungewöhnlich: Wer heute in Zeiten von Fast Fashion und asiatischer Billigkonkurrenz von Temu, Shein & Co. ein Geschäft eröffnet, wird kaum so lange durchhalten. Lehner hat viele Modehändler kommen und gehen sehen – „alleine in Degerloch vier oder fünf“, wie sie sagt. „Ich hatte immer wieder mal Herzklopfen, wenn ein Wettbewerber ein neues Geschäft eröffnete.“

Ihr selbst half die zentrale Lage in der Nähe der U-Bahn, benachbart zu Schrade, Tchibo und Alnatura. Und ihr nutzte, dass sie den Laden nie vergrößert hat. Inzwischen liegen kleine Geschäfte und Showrooms gar im Trend.

Lehner ist mit ihren Kundinnen älter geworden

Drei von vier Besucherinnen zählen zur Stammkundschaft. Viele von ihnen sind mit Lehner älter geworden. Sie sind dankbar über kurze Wege und den persönlichen Service, manchmal liefert Lehner auch nach Hause. Auch der Änderungsservice ist dabei, um die eine oder andere Rundung zu kaschieren. Durch die Konzentration auf rund ein Dutzend angesagter Marken hat Lehner auch jüngere Kundschaft gewonnen. „Ich bediene ja nicht nur das Augustinum“, betont sie . Wer will, kann auch einen Termin für ein „Personal Shopping“ ausmachen, allerdings ohne Ladenschließung.

Schließen musste Lehner nur in den Coronajahren, monatelang, der staatlichen Auflagen wegen. Ans Aufhören habe sie deshalb nicht gedacht, obwohl Gleichaltrige schon längst in der Rente waren. Zum Glück hatte sie die nötigen Rücklagen. Auch für ihre Rente hat sie bereits genügend erwirtschaftet. „Manche vergessen das leider.“

Auch jetzt will sie noch nicht Schluss machen – zumindest nicht im Moment. Zu sehr genieße sie die Arbeit. „Ich gehe gerne mit Menschen um“, meint sie. „Jede Kundin hat ihre eigene Persönlichkeit. Es ist wichtig, das wahrzunehmen, manche Kundin möchte hofiert werden.“

Vier Minijobberinnen helfen ihr dabei. Werktags steht Lehner von 9.30 bis 18.30 Uhr und samstags bis 14 Uhr im Geschäft. Danach gingen die Leute in Degerloch ohnehin nur noch Lebensmittel kaufen, wie sie sagt. Abends und an den Wochenenden sind an der Epplestraße die Bürgersteige meist hochgeklappt – hier ist sich der Stadtbezirk treu geblieben.

Der Einzelhandel an der Degerlocher Einkaufsmeile ist dennoch gut aufgestellt, auch weil Pro-Kopf-Einkommen, Wohnlage und ärztliche Versorgung hochwertig sind. Die Rennstrecke zwischen U-Bahn und Bäckerei Treiber ist tagsüber belebt, die Branchenvielfalt und die Mischung aus Traditionshändlern und Filialisten stimmt bis in die Seitenstraßen hinein. Auch Corona und die schlechte Konsumlaune infolge der Kriege in der Ukraine und in Nahost haben in den vergangenen Jahren daran nichts geändert. Zieht ein Händler aus, folgt rasch ein anderer.

Ein Selbstläufer sei es dennoch nicht, betont Lehner. „Von allein funktioniert das nicht, man braucht viel Herzblut.“

So wird vielleicht auch ihr Sohn an diesem Freitag zur Jubiläumsfeier die Mutter charakterisieren, Händler aus der Nachbarschaft und der Stuttgarter OB haben sich angekündigt. Wie Lehners Tochter hat auch ihr Sohn einen anderen Beruf gewählt. Sie selbst sagt über sich, dass sie „ein Schafferle“ sei. Eine, die etwas tue und auch zu tun brauche im Leben. Und dass sie sich noch immer am liebsten mit den schönen Dingen im Leben umgebe.