Maryna Turinina musste 2022 mit Tochter und Enkel aus der Ukraine flüchten. Mittlerweile hat die Modedesignerin etwas Fuß gefasst im Rems-Murr-Kreis und lebt ihre Leidenschaft weiter: passgenaue Unikate aus edlen Stoffen kreieren.
Als die Panzer immer näher gerückt sind und der beängstigende Lärm der Raketen und des Fliegeralarms beinahe unerträglich wurde, war für Maryna und Yuliia Turinina klar, dass es höchste Zeit ist, zu gehen. Also packten Mutter und Tochter etwas zu Essen ein, die Laptops, Papiere und genügend Windeln sowie Decke, Kissen und Kuscheltier für Yuliias Tochter Milana. „Von den Klamotten hatten wir nur das dabei, was wir am Leib trugen. Dazu praktische Schuhe für die elfstündige Reise im Stehen. Alles andere musste in der Wohnung in Kiew zurückbleiben, als wir uns auf die Flucht nach Deutschland machten“, sagt Yuliia Turinina.
Die Frauen ließen nicht nur Hab und Gut, sondern auch ihre Träume zurück
Doch die Frauen ließen nicht nur Hab und Gut zurück, sie gaben auch ihre Träume im Heimatland auf – jedenfalls eine Zeit lang. Für Maryna Turinina hieß das, sich von ihrem geliebten Atelier zu verabschieden, in dem die ukrainische Modedesignerin hochwertige Mode erschaffen und für teures Geld an wohlhabende russische Frauen verkauft hatte. Doch Maryna Turinina wäre nicht mit Leib und Seele Künstlerin, wenn sie es nicht schaffen würde, auch in der Fremde wieder der großen Leidenschaft ihres Lebens nachzugehen. „Im ersten Jahr mussten wir ankommen, uns berappeln und Sprachkurse machen. Aber mittlerweile sind wir gelandet und bauen uns hier eine Zukunft auf“, sagt Yuliia Turinina, die ihre Mutter tatkräftig – unter anderem als Model – dabei unterstützt, im Rems-Murr-Kreis als Designerin Fuß zu fassen.
Ein Besuch zeigt: Auch in der kleinsten Kellerwohnung kann Großes entstehen
Mit Erfolg: Ein Besuch im neuen Zuhause in Korb, in dem Maryna Turinina mit ihrer Tochter Yuliia und dem Enkelkind Milana untergekommen ist, zeigt, dass auch in der kleinsten Kellerwohnung große Kunst entstehen kann. Der Raum, in dem sie schläft, ist gleichzeitig ihr improvisiertes Atelier – mit Tisch, Nähmaschinen, Kleiderstangen und Schneiderpuppe. Dort, auf den wenigen Quadratmetern, erschafft die 52-Jährige hochwertige Unikate aus edlen Stoffen: Fein säuberlich aufgereiht hängen da Kreationen aus Spitze und Seide, gefilzte Einzelstücke, Zweiteiler aus Lochspitze, perlen- und paillettenbesetzte Kleider, Opulentes mit blumigen Akzenten. „Ich fertige alle Skizzen selbst an und male auch mit Ölfarben, und auch meine Kleider sind wie Gemälde, alles passt zusammen“, sagt Maryna Turinina, bei der es kein Stück doppelt gibt. Das fände sie langweilig. Statt Mode von der Stange braucht sie die Herausforderung, für jeden Kunden ein neues, kreatives Unikat zu fertigen. Dafür arbeitet sie auch mal durch. „Es gibt Leute, die behaupten, meine Mutter sei bereits mit einer Nadel in der Hand auf die Welt gekommen“, sagt Yuliia Turinina.
Maryna Turinina träumt von einem größeren Atelier und vielen Aufträgen
Was Maryna Turinina, die von einem größeren Atelier und vielen Aufträgen träumt, aktuell anfertigt, steht unter dem Motto Frieden. Denn beim Café International in Korb stellt die Künstlerin am Sonntag ihre Kunst im Rahmen einer Modeschau vor. Das Model, das die Schau beendet, wird eine weiße Spitzenkombi mit aufwendigem Blumenkranz auf dem Kopf tragen. „Das soll dafür stehen, dass die Erde, der Planet, Frieden braucht“, sagt die 52-Jährige, die auch studierte Psychologin und Kunsttherapeutin ist und der es wichtig ist, was im Inneren der Menschen vor sich geht, das will sie herausfinden – auch bei ihrer Kundschaft. Denn nur dann kann sie passgenaue Kleidung auf den Leib schneidern. Sie hat noch viel vor und genügend Energie, um in der neuen Heimat durchzustarten.
Dass die Modeschöpferin übersprudelt vor Ideen und Erzählungen, wird spätestens dann klar, wenn sie voller Ungeduld darauf wartet, dass ihre Tochter endlich damit fertig wird, das von ihr Gesagte ins Deutsche zu übersetzten. Noch während Yuliia Turinina die Träume und Pläne der 52-Jährigen fehlerfrei übersetzt – sie war bereits 2015 als Au-pair in Deutschland und will schon allein wegen ihrer kleinen Tochter dieses Mal auch bleiben – fallen ihrer Mutter schon wieder drei neue Aspekte ein. Zum Beispiel den, dass sie schon als Kind begeistert vom Nähen und Malen war. „Meine Mutter hat mal erfolglos einen Rock gesucht, den hatte ich zerschnitten und meinem Teddy auf den Leib geschneidert. Später hat mein Stiefvater meine Fähigkeiten gefördert“, sagt sie.
Es findet auch mal ein Schal neue Verwendung als Tunika
Ein solches Talent ist wohl auch das genaue und filigrane Arbeiten mit verschiedensten Materialien. Dabei findet auch mal ein Schal neue Verwendung als Tunika. Oder der Pulli sowie die taillierte Jacke können auf beiden Seiten getragen werden. Ein Hochzeitskleid hat Maryna Turinina ebenfalls schon mal geschneidert – mit edler Seide und Swarovski-Steinen. Verkauft hat sie es für 3000 Euro. Bevor sie mit der Arbeit beginnt, geht die passionierte Modedesignerin in einen Fachmarkt. Dort, wo sie die edlen Stoffe fühlen und bewundern kann, ist Maryna Turinina ganz in ihrem Element. „Sie ist dann wie ein Schmetterling. Fliegt von Stoff zu Stoff, fühlt, fliegt weiter und ist glücklich und voller Ideen“, sagt Yuliia Turinina.
Wer Kontakt mit Maryna Turinina aufnehmen und Interesse an ihrer Mode hat, kann sich unter turinina.m@gmail.com bei ihr melden.