Modedesign Der Junge, der auffallen will

Von Kathrin Thimme 

Wesley Petermann mit seinem Lieblingsteil aus seiner neuen Kollektion. Foto: Martin Stollberg
Wesley Petermann mit seinem Lieblingsteil aus seiner neuen Kollektion. Foto: Martin Stollberg

Wesley Petermann hat mit 14 Jahren sein erstes Kleid entworfen. Jetzt studiert er Modedesign.

Wangen - Wesley Petermann ist anders. „Er unterscheidet sich von Jugendlichen in seinem Alter“, so steht es auf seiner Homepage. Und so ist es auch. Wesley Petermann ist 18 Jahre. Ein bedeutsames Alter. Endlich erwachsen, der Führerschein winkt, Heranwachsende stecken in der Ausbildung oder fragen sich, wie’s weitergeht, wenn die Schule vorbei ist.

Doch solche Überlegungen beschäftigen den 18-Jährigen, der seit knapp einem Jahr in Stuttgart lebt, nicht. Sein Kopf ist voll mit Ideen und Plänen. Ein Shooting steht an, die Geschichte dazu ist schon ausgedacht, jetzt muss der passende Fotograf gefunden werden. Auch die nächste Modenschau wird kommen, und dann ist da noch die Ausbildung an der Berufsschule für Mode in Wangen. Dort studiert Wesley im zweiten Semester, lernt die Perfektion dessen, was er schon macht, seit er 14 Jahre alt ist: Modedesigner. Er hat schon einige Fashion-Shows und Fotoshootings organisiert, hat eine eigene Internetseite und verkauft seine Teile auf Anfrage.

Das Anderssein zieht sich durch Wesleys ganzes Leben. Mit drei Jahren kam er zusammen mit seinem Brüdern aus Brasilien zu seinen Adoptiveltern nach Wilchingen in der Schweiz, nahe Schaffhausen. „Das ist ein Dorf, in dem mehr Kühe als Menschen leben“, sagt er und lacht. „Wir waren fast die einzigen Schwarzen, da hat uns jeder gekannt“, sagt er. Doch die Hautfarbe allein war es nicht, weshalb er schon als Kind aus der Menge gestochen ist. Nachdem er im Fernsehen einen Beitrag über die Modewelt gesehen hatte, wollte er das auch können und ließ sich von seiner Mutter das Nähen beibringen.

Mit einem weißen Ballkleid fing alles an

„Mit 14 habe ich ein weißes Ballkleid für meine beste Freundin geschneidert“, erzählt Wesley. Die Resonanz war ziemlich gut, für eine andere Schulfreundin nähte er daraufhin noch ein Kleid. „Ich liebe es, aus Stoff ein Kleidungsstück zu machen“, sagt er, „trotzdem wollte ich es bei den beiden Kleidern belassen.“ Doch die Finger konnte er von der Nähmaschine nicht lassen. Er schneiderte T-Shirts um, änderte sie, malte Prints drauf oder gestaltete sie mit Pailletten oder Knöpfen um.

Sein Kinderzimmer diente als Nähstube, mit 15 erklärte er seinen Eltern, er brauche jetzt ein Atelier. Daraufhin wurde das Gästezimmer ausgeräumt. „Und dann ging es richtig los“, erzählt Wesley. „Es sammelten sich so viele Kleidungsstücke an, dass ich dachte, es wäre schon cool, wenn das andere Leute sehen könnten.“

Und da in Wilchingen gerade keine Modenschau anstand, organisierte der damals 16-Jährige die Show in Schaffhausen selbst. Die erste war ausverkauft, bei der zweiten musste irgendwann wegen Überfüllung geschlossen werden. Der Name seines Labels gab es da auch schon: Wisly. „Mein Spitzname, den mir Freunde angelehnt an eine Figur aus Harry Potter gegeben haben.“

Die ersten Kleider waren bunt und etwas kindlich

Seine Kollektion nannte er „Geboren für die Welt“. Sie war ziemlich bunt und auch noch ein bisschen kindlich. Sogar Legosteine verarbeitete er. Angespornt von dem Erfolg in Schaffhausen zeigte er sie später noch mal in erweiterter Form in Zürich in einer alten Lagerhalle. Danach wurden die Zeitung und das Fernsehen auf ihn aufmerksam. „Mein Name ging ein bisschen in der Schweiz rum“, sagt Wesley bescheiden. Er wurde als Gast zu den Fashion Days in Zürich eingeladen und erlebt den italienischen Modedesigner Roberto Cavalli aus nächster Nähe. Zu diesem Zeitpunkt stand der Realschulabschluss kurz bevor. Was er später machen wollte, war keine Frage mehr. Die Bewohner aus dem Dorf sind stolz auf den Exoten. „Die finden das gut, dass ich ein Ziel habe.“

Petermann liebt glatte Haare

Eine Modeschule in der Schweiz, die ihn aufnimmt, fand der extrovertierte Junge mit dem Kunsthaar auf dem Kopf allerdings nicht. Er kam nach Stuttgart. „Es sollte Baden-Württemberg sein wegen der Nähe zur Schweiz.“ Da ist schließlich die Familie, und da sind die Geschäfte.

Wesleys aktuelle Kollektion heißt „Black Rebel“. Die Kleidungsstücke können von Mann und Frau gleichermaßen getragen werden. „Männer können ruhig femininer sein“, findet er. Die Kollektion spiegelt sein Leben wider. Sie ist schwarz-weiß. Er hat viel Kunsthaar verarbeitet. Passend zur Kollektion trägt er selbst langes, glattes Haar mit weißen Strähnen. „Meine krausen Haare haben mir nie gefallen“, sagt er, „ich wollte immer glattes Haar, wie es Weiße haben.“ Die Entdeckung der chemischen Haarstreckung war ein Erlebnis für ihn. Seitdem ist nicht nur seine Kleidung extrovertiert, sondern auch seine Haarpracht. Mit seinem Lieblingsstück, einer Weste aus langem Kunsthaar, war er selbst auf der Königstraße unterwegs. Dass die Leute gucken, macht ihm nichts, im Gegenteil, er will auffallen. „Manchmal machen Leute Fotos oder tuscheln“, sagt Wesley. Das ist ihm egal. „Ich kann später wenigstens sagen, dass ich mich nicht versteckt, sondern mein Leben gelebt habe.“

Redaktion Wangen

Ansprechpartnerin
Caroline Friedmann
wangen@stz.zgs.de

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