Models präsentieren im Februar in Paris Entwürfe von Yves Saint Laurent. Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

Immer noch eine Kollektion und noch eine. Damit soll nun Schluss sein. Führende Modedesigner wie Giorgio Armani fordern eine Entschleunigung der Mode. Doch was sagen die Unternehmen, die hinter den Luxus-Marken stecken?

Paris/Mailand/Berlin - „Nichts wird je wieder so sein, wie es war“, lautet ein Mantra in der Corona-Krise. Für die Modewelt könnte die Prophezeiung tatsächlich wahr werden. Während die Boutiquen und Kaufhäuser geschlossen waren und die Menschen in Jogginghosen im Homeoffice arbeiteten, haben sich die Designer Gedanken über die Zukunft ihrer Branche gemacht. Und viele kamen zu dem Schluss: Der rasende Wahnsinn des Modezirkus muss ein Ende haben – die vielen Fashion-Weeks, die Überproduktion, die dann schon vor Beginn der Saison verramscht wird.

Den Anfang machte Anthony Vaccarello, Designer der Nobelmarke Yves Saint Laurent, im April mit seiner Ankündigung, dieses Jahr nicht an der Fashion Week in Paris teilzunehmen. Von nun an werde „die Marke ihrem eigenen Rhythmus folgen und das Tempo selbst bestimmen“, erklärte er.

Statt fünf Modeschauen nur noch zwei?

Vergangene Woche schloss sich Alessandro Michele von Gucci der Revolte an. „Kleider sollten ein längeres Leben haben“, sagte er auf einer virtuellen Pressekonferenz in Mailand und kündigte an, dass seine Kollektionen von nun an nicht mehr an eine Saison gebunden sein würden. Statt bei fünf Modenschauen will er die Models nur noch zwei Mal pro Jahr über den Laufsteg schicken. Dabei ist Alessandro Michele kein kapitalismuskritischer Rebell, sondern ein kluger Kopf, der mit seinem ironisch-kitschigen Stil Gucci zum Goldesel der Luxus-Firmengruppe Kering gemacht hat.

Nicht nur die jungen Designer wollen das Hamsterrad abbremsen. Es sei an der Zeit, „das Überflüssige wegzulassen“ und das mörderische Tempo zu zügeln, verkündete Altmeister Giorgio Armani, mit 85 immer noch im Geschäft. Die Krise „gibt uns die einzigartige Chance, eine menschlichere Dimension zu finden.“

Er halte es für „unmoralisch“, wenn die Luxusmode das Tempo von Fast Fashion übernimmt und „vergisst, dass Luxus Zeit braucht, um erreicht und wertgeschätzt zu werden“, schrieb Armani dem Branchenmedium „Women’s Wear Daily“: „Es macht keinen Sinn, dass eines meiner Jackets oder einer meiner Anzüge in einem Geschäft drei Wochen leben, bevor sie obsolet werden, ersetzt von neuen Waren, die nicht allzu verschieden sind.“

Designer fordern grundlegenden Wandel

Der belgische Designer Dries Van Noten und seine französische Kollegin Marine Serre forderten in einem offenen Brief, das System der Luxusmode zu überdenken. Mehrere hundert Akteure der Branche – Marken, Modeschöpfer und Kaufhäuser – schlossen sich dem Aufruf an. Sie wollen einen „grundlegenden Wandel, der die Unternehmen umwelt- und sozialverträglicher macht.“ Erste Gespräche darüber mit den Organisatoren der vier großen Modewochen in Paris, Mailand, New York und London gibt es bereits.

Van Noten will auch dem Rabattwahnsinn wie zum Beispiel dem „Black Friday“ ein Ende bereiten. Die Kleidung solle der Jahreszeit entsprechend verkauft werden und länger in den Läden bleiben, fordert er. „Es ist doch nicht normal, Winterklamotten im Mai zu kaufen“, sagte er. „Und auch nicht, dass die Kleidungsstücke nach einem Monat schon wieder um 50 Prozent reduziert werden.“

Van Noten beklagt Teufelskreis aus Verschwendung und Überproduktion

Die gegenwärtige Einzelhandelskultur schaffe einen „Teufelskreis“ aus Verschwendung und Überproduktion, sagte der 62-jährige belgische Modedesigner der französischen Tageszeitung „Le Monde“. „Nach dem Sale brauchen die Geschäfte Neues, und wir werden gedrängt, immer mehr Kollektionen herauszubringen.“

Die Corona-Krise sei eine „Chance, Verantwortung zu übernehmen“, sagt auch Designerin Serre, die für ihre Mode auch bisher schon gebrauchte Materialien wiederverwendet. Unabhängige Designer hätten es leichter. „Der Vorteil ist, dass nicht das Geld die Motivation ist. Was zählt, ist die Qualität der Arbeit.“

Diejenigen, die das Sagen haben, schweigen

Auch die österreichische Designerin Marina Hoermanseder glaubt, dass die Corona-Krise die Branche verändern wird. „Die allgemeine Entschleunigung wird auch in der Modebranche spürbar sein – weniger Angebot und kleinere Kollektionen. Ein Trend, dem ich sehr entgegenfiebere, ist die Nachhaltigkeit – Kunden wollen wissen, woraus ihre Kleidung ist und wo sie gefertigt wurde“, sagte sie unserer Zeitung.

Unklar bleibt, ob die Unternehmen hinter den großen Luxusmarken die Forderungen der Designer mittragen. Der Modekonzern Kering, dem Gucci und Saint Laurent gehören, wollte sich nicht dazu äußern. Auch LVMH, der weltgrößte Luxusgüterkonzern, zu dem Louis Vuitton und Dior zählen, schwieg bislang.

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