Das trägt die traditionsbewusste Frau von heute. Unser Blick auf alte Postkarten zeigt wie es früher aussah - in unserer Bildergalerie. Foto: in.Stuttgart

Diesen Freitag beginnt das Volksfest. Uns bewegt weniger die Frage, wie viele Schläge OB Fritz Kuhn beim Fassanstich benötigt, sondern was er dazu anzieht. Und wie seine Gattin erscheint. Womöglich stilecht in Württemberg-Tracht – furchtlos und treu.

Stuttgart - Wir leben in heraldischen Zeiten. Denn nichts anderes als das Wappen des Königreiches Württemberg von 1817 bis 1918 ist es, das dieses Gewand für Männer und Frauen adelt und Heimatverbundenheit signalisiert. Golden prangen Hirsch und Löwe auf dem Dirndl-Mieder in Rot oder Grün zum schwarzen Rock, es ziert die seidene Schürze, und es gehört selbstverständlich auch auf die Lederhose.

Nein, wir meinen jetzt nicht die Lederne für das Mannsbild, sondern die fesche Variation für seine schmucke Begleiterin. Denn so viel kann man jetzt schon sagen: In diesem Jahr werden die Damen auf dem Volksfest die Hosen anhaben. Die Firma Spieth & Wensky, gewissermaßen Hoflieferant, seit sie bei der Ausschreibung für eine Württemberg-Tracht überzeugen konnte, ist daher gar nicht umhingekommen, die Kollektion um die kessen Beinkleider zu erweitern. Mit einer Kniebundhose und einer kurzen, die aber fast bis zum Knie reicht. Damit steigen die Mädels sicher noch lieber zum Tanzen auf den Tisch, weil die Kerle nicht lüstern unter den Rock schauen können.

Die modischen Hotpants, in Jeansblau bis Türkis oder anderen himmelschreienden Grellfarben und sexy bis zum Anschlag, haben natürlich im Zeichen königlichen Standesbewusstseins nichts verloren.Gut, die Monarchie hat längst abgedankt. Aber ein bisschen royaler Glanz putzt doch ungemein. Darum ist auf den Janker für den Herrn nicht nur das Wappen mit dem Württemberg-Wahlspruch „Furchtlos und treu“, sondern auf dem Rücken auch noch ein Krönchen aufgestickt. Winzig zwar, man ist ja demokratisch, aber unübersehbar. Dazu standesgemäß die gesamte Ausstattung: Vom heraldisch aufgeputzten Hemd bis zu den Westen in Samt und Leder und als allerneuesten modischen Schrei statt Haferlschuhen Sneakers im Trachtenlook mit Wappen.

Für rund 800 Euro perfekt ausstaffiert ins Wasengetümmel stürzen

Kaum hat der Herr etwa 800 Euro investiert, kann er sich perfekt ausstaffiert ins Wasengetümmel stürzen. „Damit zeigt man auch seine Heimatverbundenheit“, sagt Marcus Christen, Abteilungsleiter von in.Stuttgart, der Gesellschaft, die das Volksfest veranstaltet und mit der von ihr initiierten Württemberg-Tracht an die jahrelange Diskussion um ein patriotisches Gewand ohne bajuwarische Anleihe endlich einen Knopf dran gemacht hat. Denn schon 1972 hat der frühere Verkehrsdirektor und Wasen-Hausherr Peer-Uli ­Faerber zur Volksfesteröffnung ein neues Wasen-Häs vorgestellt und propagiert: ein Kostüm für die Dame, einen Anzug für den Herrn, in Blitzblau, elegant und gänzlich ohne Chichi.

Durchgesetzt hat sich die Kreation nicht, auch wenn ihn der damalige OB Arnulf Klett brav zum Fass-Anstich getragen hat und Robert Kauderer vom Cannstatter Volksfestverein jahrelang zum Volksfest aus dem Schrank geholt hat. Zum 170. Volksfest ist ja nun hoffentlich der Durchbruch geschafft und die Zeiten-wende erreicht. Kein Schielen mehr auf die Münchner Wiesn und die bayerische Tracht, über die sich in den sozialen Netzwerken ein Shitstorm ergießt? „Bazitrachten raus aus Stuttgart“, heißt es da. Und dass billige bayerische Trachtennachbildungen auf dem Volksfest nichts zu suchen hätten. Vor allem an Frauen, die von dieser Tradition keine Ahnung hätten. Keine Wasenmaß schäumt je so über wie dieser Bierernst.

Geht’s auch eine Nummer kleiner? Volkskundler haben uns doch längst darüber aufgeklärt, dass Tracht noch nie ein Spross der Tradition, sondern eher ein Wechselbalg der Mode war. Wulf Wager, TV-Moderator, Brauchtums-Experte und Organisator des Volksfestumzuges, kann mit historischen Postkarten von 1910 belegen, dass sich das Landvolk damals schon für das Volksfest herausputzte und im Sonntagsstaat an der Königsloge vorbeiflaniert sei: Die Männer in lederner Kniebundhose, Janker, Weste, weißen Strümpfen und Hut, die Weiberleut‘ in einem festlichen Dirndl, wohl meist in Schwarz.

„Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl“

„Man machte sich schön“, sagt Wager, möglich sei das aber erst nach Aufhebung der Ständeordnung mit den strengen Kleidungsvorschriften zum Ende des 19. Jahrhunderts gewesen. Er selbst besitzt natürlich die Württemberg-Tracht und bekennt, dass er nichts gegen eine entsprechende Kleidervorschrift einzuwenden hätte: „Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl.“

So weit, was wetten wir, wird es nicht kommen. Bei der verlockenden und attraktiven Vielfalt vor allem der Dirndl wären die Damen ja schön dumm, sich Einschränkungen gefallen und was vorschreiben zu lassen. Im Trend, hört man in den Fachgeschäften, ist die Rückbesinnung auf klassische Einfachheit. In Leinen und Baumwolle, ohne Prunk, Perlen, Glitzersteinen und Spitzen. Was natürlich nicht heißt, dass modische Verrücktheiten und Flitterkram völlig verbannt wären. Ein schulterfreies Dirndl geht gar nicht, weder auf dem Wasen noch auf der Wiesn.

Und Rosen auf Organza? Na ja. Wer es blumig mag, schmückt sich mit einem Blütenkranz im Haar. Sieht sehr romantisch aus. Und passt zu jedem Württemberg-Dirndl. Die Württemberg-Kollektion kann unter www.shop.wasen.de oder Montag bis Freitag (9 bis 16 Uhr) im Verwaltungsgebäude der in.Stuttgart (Mercedesstraße 50) erworben werden. Oder direkt auf dem Volksfest im Info-Pavillon neben der Fruchtsäule.

Außerdem im neuen Trachten-Outlet-Laden „TrachtenHit“ (Eber­hardstraße 35). Die Dirndl kosten 159 Euro, der passende Walkjanker dazu 79 Euro, die Lederhosen 239 Euro. Herren müssen 700 bis 800 Euro investieren, um von Kopf bis Fuß perfekt ausstaffiert und stilecht im Bierzelt einzulaufen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: