Ein Taxi mit einer Werbung für die Uber-App. Foto: dpa

Traditionelle Hersteller wandeln sich vom klassischen Autobauer zum Mobilitätsanbieter. Welche Rolle der Fahrdienst Uber dabei spielt.

Stuttgart - Das Wettrennen um künftige Geschäfte mit der Mobilität zwischen traditionellen Autobauern und neuen Anbietern nimmt gehörig an Fahrt auf. Aktuelle Protagonisten sind das US-Start-up Uber und der heimische VW-Konzern. Aber das ist nur eine Momentaufnahme mitten in einer sich rasant wandelnden Autobranche. Aufsteigerkönig ist fraglos der bei Behörden und Taxiunternehmen umstrittene Fahrdienst Uber aus San Francisco, der mittlerweile an der Börse mit über 62 Milliarden Dollar (55,6 Milliarden Euro) bewertet wird. Am erst vor sechs Jahren gegründeten Unternehmen beteiligte sich nun auch Saudi-Arabien per Finanzspritze von 3,5 Milliarden Dollar. Dagegen nehmen sich die 300 Millionen Euro noch recht bescheiden aus, die VW soeben in Uber-Konkurrent Gett investiert hat. Insgesamt haben die bei Börsianern gefeierten Kalifornier bei Investoren für ihre globale Expansion damit bereits über elf Milliarden Dollar eingesammelt. Das hat noch kein Start-up-Unternehmen zuvor geschafft.

Fahrdienste aller Art gelten unter Branchenkennern als die automobile Schlüsselanwendung der Zukunft. Nirgendwo werden höhere Margen prognostiziert, weshalb traditionelle Autobauer diese Entwicklung nicht verschlafen dürfen, wollen sie nicht in absehbarer Zukunft zu bloßen Zulieferern einer sich neu definierenden Mobilitätsindustrie degradiert werden. Die Entwicklung wird nicht nur in traditionellen Automärkten vorangetrieben, wie das Beispiel Saudi-Arabien zeigt. Ein Fahrdienst wie Uber hat dort besonders gute Startchancen, weil im arabischen Kernland Frauen nicht selbst Auto fahren dürfen und deshalb mit 80 Prozent Anteil eine große Kundengruppe stellen.

Für Uber zählt die arabische Welt zu den größten Wachstumsmärkten

Die saudischen Milliarden stammen im aktuellen Fall vom staatlichen Investmentfonds Pif, der angesichts des enorm gestiegenen Marktwerts der Kalifornier dafür nur überschaubare fünf Prozent an Uber erhält. Pif versteht den Einstieg als Beginn einer strategischen Partnerschaft. Der Ölstaat will sich unabhängiger machen von Einnahmen durch das schwarze Gold. Für Uber wiederum zählt die arabische Welt mit aktuell 19 000 Fahrern in Nordafrika und dem Nahen Osten zu den größten Wachstumsmärkten. Gleichzeitig suchen derzeit Autobauer weltweit Kontakt zu Fahrdiensten aller Art. Bei Uber ist vor wenigen Tagen der japanische Branchenriese Toyota eingestiegen, während VW jetzt auf den Uber-Angreifer Gett setzt und für seine 300 Millionen Dollar mutmaßlich ein Drittel am israelischen Startup erhält. Wie BMW oder Daimler sind die Wolfsburger nun dabei, sich vom klassischen Autobauer zum Mobilitätsanbieter der Zukunft zu wandeln, wo Autos nicht mehr zwingend verkauft sondern verliehen, vermietet oder über andere Konzepte zur kurzfristigen Benutzung freigegeben werden. Die Details des Bündnisses zwischen VW und Gett bleiben vorerst geheim. Unbestritten ist aber dessen Bedeutung. Für die Niedersachsen soll es die Basis für ein neues Dienstleistungsstandbein neben dem Autobau werden. „Jetzt müssen wir alle feststellen, dass sich die Autoindustrie in einem dramatischen Transformationsprozess befindet“, hat VW-Boss Matthias Müller beim Gett-Einstieg eingeräumt. Mit der Diesel-Affäre habe der Schritt nichts zu tun. VW müsse sich der Zukunft stellen.

Geld verdienen wird die Autoindustrie in den nächsten zehn oder 20 Jahren weiter vorwiegend durch den Verkauf ihrer Gefährte. Das wird aber nicht so bleiben und die Weichen für die Zukunft werden jetzt gestellt – mit Mobilität in allen Formen als neuem Kernprodukt. Größere Umsätze mit Mobilitätsdiensten dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wann das Duo VW/Gett hier zu Lande mit einem Fahrdienst startet, ist indes noch offen. Auch ein eigner Premiumdienst exklusiv mit Porsche- und Audi-Fahrzeugen ist für VW denkbar.

Auch abseits der traditionellen Autoindustrie werden Bündnisse geschmiedet

Das Rad der Verflechtung von Autobauern und Fahrdiensten dreht sich sichtbar immer schneller. Jüngst hatte unter anderem auch die US-amerikanische Opel-Mutter General Motors ihren Einstieg beim Uber-Rivalen Lyft mit einer halben Milliarde Dollar verkündet. Auch abseits der traditionellen Autoindustrie werden Bündnisse geschmiedet. So steckte der Computerriese Apple soeben eine Milliarde Dollar in den chinesischen Uber-Konkurrenten Didi.

Große Erwartungen werden auch in selbstfahrende Autos gesetzt, denen vor allem in Form von Roboter-Taxis eine große Zukunft vorausgesagt wird. Heute werden drei Viertel aller weltweit gefahrenen Kilometer von Privatwagen zurückgelegt. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sagt voraus, dass dieser Anteil binnen 15 Jahren auf 50 Prozent sinkt, während Roboter-Taxis bis dahin einen Anteil von einem Viertel auf sich ziehen werden. Noch dramatischer sieht das bei der prognostizierten Gewinnverteilung aus. In einer vom Autobau zur Mobilitätsbranche gewandelten Industrie werden Roboter-Taxis 40 Prozent aller branchenweiten Gewinne einfahren, sagen die Berater voraus.

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