Mehrfach pro Woche fahren der Mobilitätsmanager Martin Kerner (l.) und der Fahrradbeauftragte Volker Schmid mit dem Rad zur Uni. Kurz sind ihre Wege nicht. Foto: Julia Bosch

Ab Herbst 2020 sollen alle Parkplätze an der Universität Hohenheim etwas kosten. Der neue Mobilitätsmanager hält dies für legitim. Gemeinsam mit dem neuen Fahrradbeauftragten will er noch mehr Menschen vom eigenen Auto aufs Fahrrad, in Bus und Bahn oder auch auf einen E-Scooter bekommen.

Hohenheim - Beim einen kommen die Aufgaben zum normalen Job obendrauf, der andere macht es vier Tage die Woche: Martin Kerner ist seit einem knappen Jahr hauptberuflich Mobilitätsmanager der Universität Hohenheim. Er arbeitet viel mit dem ehrenamtlichen Fahrradbeauftragten Volker Schmid zusammen. Im Interview erklären die beiden, wie sie noch mehr Menschen davon überzeugen wollen, ihr Auto stehen zu lassen.

Herr Schmid, Herr Kerner, konnten Sie schon jemanden an der Universität Hohenheim überzeugen, seine oder ihre Art der Mobilität zu überdenken?

Volker Schmid: Wir haben Rückmeldungen erhalten, die tatsächlich darauf schließen lassen. Von Juli bis Oktober hatten wir eine Pedelec-Testflotte an der Uni, bei der man kostenlos und ohne Verkaufsdruck fünf Räder ausprobieren konnte. Wir haben von mehreren gehört, dass diese Testfahrten sie überzeugt haben, sich ein Pedelec zuzulegen.

Martin Kerner: Außerdem wurden kürzlich auf dem Campusgelände 47 Duschen, die teilweise bisher nur von einigen wenigen Mitarbeitern genutzt werden konnten, für alle Uni-Angehörigen geöffnet. Danach wurde uns zurückgemeldet, dass dies für manche das nötige Zünglein an der Waage gewesen sei, um künftig mit dem Rad zur Uni zu fahren.

Was mich überrascht: In der Erhebung, wie Studenten und Mitarbeiter zur Uni kommen, sind keine Pedelec- oder E-Bike-Fahrer enthalten – zumindest im Winter . . .

M. Kerner: Leider ist die aktuellste Erhebung von 2015. Mittlerweile sind mit Sicherheit deutlich mehr Menschen mit E-Bike oder Pedelec unterwegs. Wir wollen so bald wie möglich neue Zahlen erheben.

V. Schmid: Es könnte sein, dass auch herauskommt, dass inzwischen weniger Uni-Angehörige mit dem Auto unterwegs sind. Denn immer mehr junge Menschen haben keinen Führerschein. Und das müsste sich ja im Mobilitätsverhalten unserer Studierenden niederschlagen.

Zum kommenden Wintersemester sollen die Parkplätze auf dem Campus kostenpflichtig werden. Begrüßen Sie diese Pläne?

M. Kerner: Ich glaube, dass es legitim ist, die Nutzung öffentlicher Flächen zum Parken mit einem Preis zu belegen. Studien zeigen, dass die Zahl der Autos mit dem Angebot von Parkplätzen steigt.

Wie wollen Sie noch mehr Menschen dazu bewegen, ihr Auto stehen zu lassen?

V. Schmid: Wir möchten noch mehr ein Bewusstsein für umweltfreundliche Mobilität schaffen, die Stimmung verändern und das Thema Radfahren präsent halten – zum Beispiel mit noch mehr Aktionen wie der Pedelec-Testflotte.

M. Kerner: Die meisten Menschen an einer Uni wissen vermutlich, dass es für das Klima und ihre Gesundheit besser wäre, mit dem Rad statt dem Auto zu fahren. Viele müssen aber ihren inneren Schweinehund überwinden. Dafür ist es hilfreich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Schöne, sichere, gut ausgebaute und gut beleuchtete Radwege sind enorm wichtig. Da gibt es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten, auf die wir hinweisen und die wir so gut wie möglich unterstützen.

Es gibt Menschen, die lieben ihr Auto. Wie wollen Sie an diese rankommen?

V. Schmid: Wenn das Autofahren eine Leidenschaft ist, wird es tatsächlich schwierig. Vielleicht mit „Vernunftargumenten“ aus den Bereichen Gesundheit, weniger Stress und Umwelt. Ich habe früher zum Beispiel sehr viel Schokolade gegessen. Erst als ich mir ausführlich klargemacht habe, wie Schokolade genau produziert wird und was da alles dranhängt, habe ich meinen Schoko-Konsum reduziert.

Was müsste sich auf dem Campus ändern?

M. Kerner: Wir arbeiten daran, dass auf dem gesamten Campus Tempo 30 eingeführt wird, damit Sicherheit und Aufenthaltsqualität steigen. Ideal wäre auch eine direkte Schienenverbindung in die Innenstadt – ohne Umsteigen. Außerdem muss die Fahrradinfrastruktur weiter verbessert werden; die Kirschenallee ist zum Beispiel ein Problem: Dort sind streckenweise bis zu zwölf Prozent Steigung, und es gibt zu wenig Platz, als dass Autofahrer Radfahrer sicher überholen könnten.

Welche Rolle spielen E-Scooter? Die Strecke zwischen der U-3-Haltestelle Plieningen und dem Campus wäre ja dafür prädestiniert, sich einen Roller auszuleihen . . .

M. Kerner: Das muss sich erst noch zeigen. Auf dem Uni-Campus sind erst seit Oktober, November die Roller der Firma Lime präsent. Und seitdem wurden bereits drei Scooter aus einem Teich in den Gärten gefischt. Wenn man mich persönlich fragt, so finde ich, dass es bessere Möglichkeiten zum Vorankommen gibt als E-Scooter – Stichwort Nachhaltigkeit, denn der Lebenszyklus eines Scooters ist im Vergleich zum Fahrrad nur sehr kurz. Aber generell begrüßen wir alle neuen Mobilitätsangebote, die es auf dem Campus gibt, fördern diese, fordern aber auch, dass die Regeln eingehalten werden.

Wie fahren Sie selbst zur Uni und zurück?

V. Schmid: Ich wohne in Wolfschlugen. Letzten Sommer bin ich eine Zeit lang jeden Tag mit dem Fahrrad gekommen, das waren 32 Kilometer täglich. Ich habe dann gemerkt, dass mir diese Belastung zu viel ist. Nun fahre ich circa dreimal die Woche mit dem Rad und sonst mit dem Bus.

M. Kerner: Bei mir ist es ganz ähnlich. Ich wohne in Musberg und wechsle zwischen Fahrrad und ÖPNV. Für mich ist es auch wichtig, zu erfahren, wo Hürden bestehen. Bis ich die Stelle in Hohenheim angetreten habe, habe ich 20 Jahre lang zentral in Berlin gelebt, wo alle paar Minuten eine Bahn fährt. Nun erfahre ich immer wieder, dass beim ÖPNV im ländlichen Raum die Randgebiete und die Randzeiten eine große Herausforderung sind.

Wie sehen Ihre Aufgaben konkret aus – und wie viel Zeit investieren Sie dafür?

V. Schmid: Bei mir ist das ein Ehrenamt, die Arbeit kommt also obendrauf. Ich bin hauptberuflich beim Hohenheimer Kommunikations-, Informations- und Medienzentrum in der Abteilung Informationssysteme. Grob geschätzt drei bis vier Stunden pro Woche bin ich zusätzlich als Fahrradbeauftragter tätig.

M. Kerner: Ich wurde gezielt als Mobilitätsmanager angestellt. Die Stelle ist auf zwei Jahre befristet, und ich bin vier Tage die Woche da. In der Vergangenheit haben meine Aufgaben mehrere Personen zusätzlich zu ihrer Kernaufgabe bewältigt, dies hat sich als zunehmend schwierig erwiesen. Nun kümmere ich mich um all diese Themen: das Mobilitätskonzept als Teil des Masterplans der Uni, gute Fahrradabstellplätze auf dem Campus statt der alten Felgenklemmer, ausreichend Duschen und Umkleiden und die Zertifizierung zum fahrradfreundlichen Arbeitgeber, welche uns an diesem Montag, 27. Januar, vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club verliehen wird.

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