Aufgrund der Topografie setzen viele Stuttgarter auf Pedelecs und Lastenräder mit E-Antrieb. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Gemeinderat wollte bis zum Jahr 2030 jeden vierten Stuttgarter aufs Rad bringen. Laut einer Prognose werden es nur zehn Prozent. Jetzt bittet die Stadt die Bürger um neue Ideen.

Sieben Jahre nach dem Gemeinderatsbeschluss zur Fahrradstadt ist klar: Stuttgart wird sein Ziel verfehlen. Statt der anvisierten 25 Prozent werden laut einer Prognose der Verwaltung 2030 nur zehn Prozent der Verkehrsteilnehmer auf dem Rad unterwegs sein. Nun soll ein neues Radverkehrskonzept die Wende bringen – mithilfe der Bürger.

 

Derzeit liegt der Anteil bei neun Prozent, 2017 waren es acht. „Auch wenn die Zahlen nicht ganz so steigen, wie es sich mancher wünscht, hat der Radverkehr deutlich zugenommen“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold. Bei der Auftaktveranstaltung zur Fortschreibung des Radverkehrskonzepts betonte er, täglich mit dem Rad unterwegs zu sein. Vor allem Pedelecs hätten die alte Ausrede widerlegt, wegen der Hügel könne man in Stuttgart nicht Rad fahren.

Neue Vorgaben für den Radverkehr

Stephan Oehler vom Amt für Stadtplanung und Wohnen stellte im Anschluss im Großen Sitzungssaal des Rathauses die rhetorische Frage: „Warum reicht das alte Konzept aus dem Jahr 2009 nicht?“ Die Antwort: Die Richtlinien und Vorgaben haben sich geändert, neue Regelwerke für den Radverkehr sind unter anderem durch die StVO-Novelle entstanden und die Flächenansprüche größer geworden. Der gestiegene Platzbedarf stellt aus Sicht von Bürgermeister Pätzold eine Herausforderung dar. „Wir können ihn an der einen oder anderen Stelle in einer dichten und engen Stadt nicht so einfach herstellen. Wie teilt man Flächen neu auf?“

Radverkehr spielte in den 90er-Jahren keine Rolle

Bei der Auftaktveranstaltung wurde auch in Nachbarländer wie die Niederlande geschaut. Vergleiche, die Oehler eigentlich nicht mag, weil Städte zu verschieden seien – dann zog er doch einen. In Münster sei das Rad schon vor fünf Jahrzehnten etabliert gewesen, in Stuttgart habe der Radverkehr dagegen bis Mitte der 1990er-Jahre kaum eine Rolle gespielt. „Er war nicht vorhanden, das lag am Leitbild der autogerechten Stadt.“ Erst im Jahr 2009 habe man den Radverkehr strategisch betrachtet und auch Hauptradrouten definiert. Radschnellverbindungen waren damals noch kein Thema. „Eine wertvolle Grundlage“, so Oehler, der betonte, dass man sich das derzeitige Netz noch einmal komplett anschauen müsse. „Sind das die richtigen Achsen, die wir bearbeiten? Sind wir auf dem richtigen Weg oder müssen wir nach knapp 20 Jahren irgendwelche Korrekturen vornehmen?“ Auch das Abstellen der Fahrräder am Start- und Zielort sowie die Verkehrssicherheit seien wichtige Punkte.

Projektleiter Volker Waßmuth von der PTV Transport Consult GmbH benannte bei der Veranstaltung auch Problemfelder: Deutschlandweit nehme die Zahl junger Radfahrer seit vielen Jahren ab. Das sei kein gutes Zeichen – schließlich sind die heutigen Kinder und Jugendlichen die potenziellen Radfahrer der nächsten Jahrzehnte. Zudem beobachte man eine „soziale Spreizung“: Wirtschaftlich schwächere Gruppen nutzen das Rad seltener als früher. Diese Entwicklung müsse man im Blick haben und analysieren, warum das so sei, sagte Waßmuth, der von einer großen Chance für Stuttgart sprach.

„Aus unserer Sicht kann man Auto- und Fahrradstadt kombinieren", betonte Pätzold. „Ziel ist es, die verschiedenen Verkehrsarten miteinander in Einklang zu bringen. Der Fußgänger wird zum Beispiel gerne vergessen, aber wir erhalten viele Beschwerden, dass Radfahrer Gehwege benutzen. Wie schafft man es, Verkehre anders zu verteilen? Jemand, der aufs Rad umsteigt und mit seinem Pedelec zehn Kilometer fährt, macht Platz auf der Straße für die, die aufs Auto angewiesen sind“, so Pätzold.

Das neue Radverkehrskonzept soll in den kommenden Monaten unter Einbeziehung der Bürger erarbeitet werden. Jetzt beginnt Phase zwei des Prozesses. Noch bis Freitag, 5. Juni, können Stuttgarter online ihre Erfahrungen und Vorschläge einbringen. Anschließend folgen Workshops. Im Herbst 2026 und im ersten Halbjahr 2027 wird über den aktuellen Arbeitsstand in den Bezirken und im Beirat Mobilität berichtet. „Wir möchten die Stadtgesellschaft mitnehmen“, sagte Oehler. Voraussichtlich im Herbst 2027 soll das neue Radverkehrskonzept öffentlich vorgestellt und die Umsetzung diskutiert werden. Es solle für die nächsten zehn bis 15 Jahre zutreffen.

Die Online-Bürgerbeteiligung ist unter https://stuttgart-meine-stadt.de/ zu finden.