Himmelwärts: 911er-Modelle am Kreisverkehr in Zuffenhausen Foto: Jan Reich

Beim Kampf gegen Luftschadstoffe in der Landeshauptstadt hat Porsche vorgelegt.Das Unternehmen zahlt seinen Beschäftigten die Fahrt an allen Feinstaubtagen und setzt auf E-Mobilität. OB Fritz Kuhn hofft auf Nachahmer.

Stuttgart - Es war schon immer etwas Besonderes, bei Porsche zu arbeiten. Die Sonderstellung als kleiner, aber feiner, einst familiengeführter Sportwagenhersteller unterstreicht die AG, die inzwischen im Volkswagen-Konzern aufgegangen ist, Jahr für Jahr mit einer dicken Bonuszahlung. 8911 Euro waren es zuletzt für jeden fest angestellten Mitarbeiter, einerlei, ob er als Ingenieur in der Denkfabrik Weissach die Zukunft der Mobilität mit entwickelt oder in Zuffenhausen in der Kantine schafft. Man wolle keine Unterschiede machen, jeder habe Anteil am Erfolg des Unternehmens, heißt es bei dem Autobauer.

Am Mittwoch haben der Porsche-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume und der mächtige Konzernbetriebsratschef Uwe Hück im Doppelpass mit Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) eine Vereinbarung bekannt gegeben, auf die viele andere Arbeitnehmer neidisch werden könnten. Bei den Feinstaubalarmen, die Kuhn vom 15. Oktober an wegen Grenzwertüberschreitungen gezwungenermaßen wieder ausrufen wird, zahlen alle Porsche-Mitarbeiter in der gesamten Region in Bussen und Bahnen des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) nicht wie die anderen Fahrgäste den halben Fahrpreis. Sie zahlen einfach nichts. Sie werden bei Kontrollen nur lächelnd ihren Mitarbeiterausweis zücken: „Geht aufs Haus!“ Porsche zahlt, und macht auch da keinen Unterschied.

Um die Halbpreis-Variante für alle Fahrgäste hatte Kuhn, wie berichtet, schon zu Jahresanfang gekämpft, die Schlacht aber zunächst verloren. Land und die Träger des VVS waren zunächst nicht zur Subvention bereit. Im zweiten Anlauf gibt es nun doch die Zuschüsse. „Das Feinstaubticket ist ein Highlight, da besteht Vorreiterschaft“, sagte Kuhn nun ein wenig gestelzt zum Vorpreschen Porsches. Der Autobauer nehme seine Verantwortung für die Ökologie und Luftreinhaltung wahr. Der OB würde sich freuen, wenn viele andere Unternehmen einsteigen. Immerhin 450 Firmen subventionierten inzwischen das VVS-Jahresticket, seit dem 1. September auch Porsche. Zehn Euro pro Ticket werden übernommen.Ein Gefährt mit dem Stadtwappen auf der Haube würde sich Kuhn trotz der Öko-Richtung, in die Porsche lenkt, nicht in den Fuhrpark stellen. Sein Dienstfahrzeug ist ein Hybrid, Mercedes E-Klasse. Für den Bürgermeister-Fuhrpark wurden im Rathaus-Innenhof vor ein paar Wochen fünf Ladesäulen an die Sandsteinfassade des Altbaus gedübelt. „Die Einfahrt ist zu schmal“, wand sich OB Fritz Kuhn bei der Frage nach einem Porsche-Dienstwagen. Porsche-Chef Blume lächelt vielsagend.

Die genauen Kosten kann Porsche nicht nennen

„Wir freuen uns, wenn viele Mitarbeiter diese Möglichkeit des Feinstaubtickets mit dem Mitarbeiterausweis in Anspruch nehmen“, sagte Blume bei der Pressekonferenz im Rathaus. Kosten? Könne er nicht nennen. Ein paar Hunderttausend Euro werden der Pressestelle zufolge wohl zusammenkommen, denn die Feinstaubperiode dauert bis Mitte April 2017, und theoretisch könnten an die 20 000 Mitarbeiter an den hiesigen Standorten die Regelung nutzen. 8500 arbeiten allein in Zuffenhausen, bald sollen es zwischen 9500 und 10 000 sein. Die Regelung sei nicht nur versuchsweise, sondern auf Dauer angelegt. Dafür gab es einen langen Vorlauf mit detaillierten Umfragen in den Werken. 80 Prozent nutzen bisher keine Fahrgemeinschaft, für 83 Prozent ist das eigene Auto das wichtigste Verkehrsmittel zur Arbeit, 45 Prozent würden doch gern öffentlich fahren. „Dazu müssten die Öffentlichen aber flexibler sein“, sagte Hück mit Blick auf den OB, der auch VVS-Aufsichtsratsvorsitzender ist. Die Summe, die Porsche für Bus und Bahn berappt, interessiert angesichts von einer Milliarde Euro, mit der das Stammwerk in Zuffenhausen zukunftsfest gemacht werden soll und muss, nicht wirklich. An der Geburtsstätte des 911er und der nur noch von vier Zylindern befeuerten 718 Boxster und Cayman geht es darum, den Anschluss nicht zu verpassen. Tesla, dieser junge kalifornische Autobauer mit seinem charismatischen Chef Elon Musk elektrisiert die Branche. Dessen E-Autos haben auf bestimmten Märkten Repräsentationslimousinen von Daimler und BMW von der Spitze verdrängt. Das mit einem verstärkten Batteriesatz ausgestattete Model S von Tesla beschleunigt wie ein Porsche.

Das gesamte Werk wird umgekrempelt

In Zuffenhausen hat man verstanden. Man befindet sich auf der Mission E, so jedenfalls heißt das Modell, das schon im Mai 2019 in der komplett neuen Fabrik vom Band laufen soll. Für Kuhn klingt das wie eine Verheißung. Für ihn ist die E-Mobilität „der Schlüssel zur Lösung der Stick­oxidprobleme“.

Für Mission E wird in kurzer Zeit das gesamt Werk umgekrempelt. Da ist das Feinstaubengagement auch eigennützig. Es sollen Autos gebaut, nicht abgestellt werden. „Wir wollen die Autos nicht nach Zuffenhausen holen“, sagte Hück. Daher gibt es eine Mitfahrer-App, den kostenlosen Pendelausweis zwischen Zuffenhausen und dem neuen Bürostandort Weilimdorf, es gibt Shuttles zwischen Zuffenhausen, Weissach, Mönsheim, Heimsheim, Flacht, Rutesheim, Hemmingen und Ludwigsburg, und bald eine Park-App, die freie Stellplätze anzeigt. Anwohner, die der Suchverkehr nervt, würden so entlastet. Für kürzere Fußwege zwischen altem und neuem Werksteil wird eine Bahnunterführung gebaut. Obendrauf werde es noch ein Elektrorad geben, das wie ein Dienstwagen bezahlt und am Ende mit 300 bis 400 Euro Ersparnis übernommen werden könne, rechnete Hück vor. Weil die Porsche-Mitarbeiter auf den Cent schauen, werden Jahreskarteninhaber ein paar Euro erhalten, ihnen entgeht ja der Vorteil der kostenfreien Feinstaubfahrt.

„Wir gehen neue Wege“ , sagte der 48-jährig studierte Maschinenbauer Blume. Man bleibe aber Porsche.

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