E-Bike-Fahren sollte gelernt sein, zumal die Verkehrsdichte zunimmt. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Die Anzahl der Radfahrten und der Fahrräder mit elektrischer Unterstützung nimmt ständig zu. Doch die Infrastruktur ist dem Boom noch lange nicht gewachsen.

Stuttgart - Die Zahlen des Radverkehrs in Stuttgart kennen seit Jahren nur eine Richtung – nach oben. Seit 2014 sind die beiden Zählstellen entlang der Hauptradroute 1 in Kaltental und auf der König-Karls-Brücke aktiv. Seither stieg die Zahl der Fahrten bis 2017 um etwa acht Prozent jährlich. 2018 waren es dann stolze 21,2 Prozent, wobei der gewaltige Anstieg zumindest teilweise dem nahezu regenfreien und fast sechs Monate langen Sommer im vergangenen Jahr geschuldet war. Aber auch die Rekordmarken 2018 werden in diesem Jahr trotz weniger stabilem Wetter gestreift werden. Bis zum 22. August wurden bereits 897 819 Rad-Passagen an den beiden Zählpunkten registriert, im gleichen Zeitraum waren es vor einem Jahr 856 101. Der Fahrradverkehr ist also schon wieder um knapp fünf Prozent gegenüber 2018 angestiegen. Bis Ende des Jahres dürfte wohl auch die Millionengrenze vor dem Leuze fallen, die 2018 mit 990 866 Fahrten noch knapp verfehlt wurde.

Bis zu 90 Prozent der Neukäufe sind E-Bikes

Stuttgart ist also mehr und mehr mit dem Fahrrad unterwegs und vor allem immer mehr mit elektrischer Unterstützung. Die Pedelecs sind aus dem Markt bei Neukäufen nicht mehr wegzudenken, bei manchen Radmodellen wie dem Mountainbike dominant und bei Lastenrädern bis auf wenige Ausnahmen sogar Standard. 2018 hatte laut Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) gut jedes vierte in Deutschland verkaufte Rad elektrische Unterstützung. In Stuttgart sind die Zahlen viel höher. Rudi Schorp vom Reutlinger Radhändler Transvelo spricht von etwa 65 Prozent E-Bikes bei Neurädern. In der Stuttgarter Filiale des Unternehmens, das alle gängigen Radmodelle anbietet, seien es sogar gut 75 Prozent. Bei Bikes n’Boards in der Tübinger Straße schätzt man den E-Anteil auf etwa 40 Prozent. Bei Bike Sport Stuttgart am Marienplatz ist das E mittlerweile fast Standard: „Wir verkaufen 90 Prozent unserer Räder mit Motor“, sagt Inhaber Armin Feldmer, der sich auf hochwertige Räder spezialisiert hat und der feststellt: „Der Motor ist auch beim Rennrad immer mehr im Kommen.“ Wie eben das gesamte E-Segment. In Stuttgart verkaufen die Händler Stromrad und eRadwerk ausschließlich Räder mit eingebautem Rückenwind.

Motorunterstützung ideal für Stuttgart

Für Cornelius Gruner ist der rasante Anstieg an E-Bikes nur logisch. Der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) für Stuttgart sagt: „Das E-Bike ist in unserer Stadt mit ihren großen Höhenunterschieden ideal.“ Musste man bisher sportlich doch einigermaßen fit sein, um zwischen der City und den Höhenlagen mit dem Rad unterwegs zu sein, kann heute mit dem E-Bike nahezu jeder das Rad für Alltagsfahrten nutzen, ohne groß außer Atem zu kommen.

Die schnelle Zunahme hat aber nicht nur positive Seiten. „Der Radverkehr wächst deutlich schneller als die Infrastruktur“, sagt Gruner und bemängelt, dass die Stadt zu wenig Verkehrsflächen für Radler zur Verfügung stellt und bei der Umsetzung von Plänen zu langsam sei. Die von OB Fritz Kuhn (Grüne) angepeilten 25 Prozent Radfahranteil seien jedenfalls in dem bestehenden Radwegenetz unvorstellbar. An den Finanzen liegt das im Übrigen nicht, im Doppelhaushalt 2018/2019 sind 11,2 Millionen Euro für Investitionen in die Rad-Infrastruktur vorgesehen. Bis Ende 2018 sind aber nur 2,1 Millionen Euro abgeflossen. Wie löchrig Stuttgarts Radwegenetz ist, zeigt exemplarisch die Hauptradroute 1 zwischen Rohr und Bad Cannstatt, wo auf knapp 20 Kilometern die Radler nur auf 5,3 Kilometern unter sich sind. „Die Wertigkeit, die eine Hauptradroute haben sollte, hat die Stadt offenbar noch nicht erkannt“, klagt Cornelius Gruner.

Zu viel Mischverkehr im Radwegenetz

Dabei wäre ein Ausbau gerade wegen der Zunahme der E-Bikes wichtig. Auf 258 Kilometern der insgesamt 336 Kilometer der in Stuttgart ausgewiesenen sogenannten Radverkehrsanlagen herrscht Mischverkehr mit Fußgängern, auf 141 Kilometern davon ist für Radfahrer sogar Schrittgeschwindigkeiten Vorschrift, was mit E-Bikes nahezu unmöglich ist.

Probleme schafft die neue Mobilität auch in puncto Sicherheit. Laut Gruner würden sich viele ein elektrisch unterstütztes Rad kaufen „die seit Jahrzehnten nicht mehr im Sattel gesessen haben“. In Verbindung mit dem Vortrieb des Motors kann die mangelnde Routine schnell Probleme machen. Der ADFC will sich deshalb künftig mehr in der Schulung für ein sicheres Fahren mit dem E-Bike engagieren. Denn eines ist klar: Die Zahl der Räder mit elektrischem Antrieb wird in der Stadt mit mehr als 300 Metern Höhenunterschied weiter rasch steigen.

Pedelecs und ihre Risiken

Knapp eine Million Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor wurden 2018 in Deutschland verkauft. Pedelecs unterstützen bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern die Muskelarbeit des Fahrers. Mit voller Motorzuschaltung erreichen so normal trainierte Hobbyfahrer bergauf Geschwindigkeiten, wie sie sonst nur Rennfahrer in den Beinen haben. E-Bikes gelten trotzdem rechtlich als normale Fahrräder. Ausnahmen sind die S-Varianten, die bis 45 Stundenkilometer unterstützen. Diese schnellen E-Bikes machen aber nur ein halbes Prozent der verkauften Räder aus.

Neben dem Vorteil, dass nahezu jeder für Alltagsfahrten das Auto gegen ein E-Bike tauschen kann, gibt es aber auch Risiken. Der Umgang mit der Beschleunigung muss geübt werden, die Räder verhalten sich durch ihr Gewicht beim Bremsen anders. Gefährlich ist auch, dass die Geschwindigkeit von E-Bikes von anderen Verkehrsteilnehmern oft unterschätzt wird.

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