Sicher und relativ eben: Die zwei Kilometer lange Extraspur in der Marbacher Straße. Foto: factum/Simon Granville

Umkämpft, umstritten und wenig genutzt: Seit einem Jahr gibt es für Radfahrer die komfortable Route zwischen Neckarweihungen und dem Residenzschloss. Gezählt werden dort allerdings relativ wenige. Ob sich das ändert?

Ludwigsburg - Ein gutes Jahr ist es her, dass Ludwigsburg den Radweg in der Marbacher Straße fertiggestellt hat – doch kommunalpolitisch ist das Thema noch immer eine Baustelle. Andernfalls hätten die Freien Wähler wohl nicht gewagt, sich eine Umweltspur in der Marbacher Straße zu wünschen: Diese Spur, so die Erklärung, sollen sich Radfahrer und Linienbusse teilen. So würde die Nutzung des ÖPNV attraktiver, weil Busse auf der separaten Spur an eventuellen Staus vorbeifahren könnten.

Nun, aus der Umweltspur wird nichts. Die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestbreiten an solche Fahrbahnen lassen dies nicht zu. Das ist, ganz kurz zusammengefasst, das Ergebnis einer ausführlichen Prüfung der Stadtverwaltung. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der zwei Kilometer langen Radstrecke dürfte damit aber trotzdem nicht ein für alle Mal erledigt sein. Dafür wird sie zu wenig genutzt.

Auf beliebten Wegen fahren am Tag bis zu 1000 Radler

Tatsächlich liefern die Messstellen, die bei der Neckarbrücke eingebaut sind, überschaubare Zahlen: Bei schönem Wetter wurden seit Mitte des vergangenen Jahres rund 300 Radler am Tag stadteinwärts gezählt, bei nicht so schönem Wetter nur 130. In die andere Richtung sind es an Spitzentagen über 400, ansonsten im Schnitt 200, teilt der zuständige Bürgermeister Michael Ilk mit – gibt aber zu bedenken, dass die Messstelle stadteinwärts ein paar technisch bedingte Aussetzer hatte. Zum Vergleich: Auf dem Radweg in der Alleenstraße, der durch den Schulcampus führt, werden werktäglich mehr als 1000 Radler gezählt.

„Die Nutzung des Radwegs ist nicht attraktiv“, sagt Reinhardt Weiss, dessen Freie Wähler gegen den Bau der Strecke in der Marbacher Straße waren. Auch Klaus Herrmann, der Fraktionschef der CDU, sieht sich bestätigt: „Dieser Radweg war eine Fehlentscheidung.“ Dass die Nutzung der 930 000 Euro teuren Strecke etwas reger sein könnte, sieht Michael Ilk auch so. Allerdings ist der Bürgermeister zuversichtlich, dass das noch so kommen wird. „Da ist ein unheimliches Potenzial da.“

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Die Route zwischen Neckarweihingen und dem Ludwigsburger Schloss war und ist der erste Baustein des 2014 verabschiedeten Radroutenkonzepts. Und sie war und ist die erste Verbindung, für die in Ludwigsburg eine Autospur zurückgebaut worden ist. Dies wiederum war der Grund für die heftigen Debatten im Vorfeld. Ende 2015 hatte sich der Gemeinderat mit knapper Mehrheit gegen den Bau entschieden, im Sommer 2016 mit knapper Mehrheit dafür. Im Sommer 2017, als es eigentlich nur noch um die Vergabe der Bauarbeiten gehen sollte, kippten CDU und Freie Wähler diesen Beschluss wieder. Wenige Wochen später, nach einem weiteren, geradewegs legendär eskalierten, Streit wurden die Kritiker dann aber endgültig überstimmt: Der Radweg konnte gebaut werden.

Wenig Einschränkungen für Autofahrer

Und all diese Auseinandersetzungen sollen nun umsonst gewesen sein? Nein, meint Christine Knoß von der grünen Ratsfraktion. „Die Zukunft liegt im Radweg“, sagt sie, und dass es „obskur“ wäre, ihn zugunsten einer Umweltspur umzubauen. Auch Margit Liepins, deren SPD mehrheitlich für den Bau war, ist „fest davon überzeugt“, dass sich die Frequenz steigern wird. Spätestens wenn in der anstehenden Baustellensaison der Verkehr in der Stadt zum Erliegen komme, würde der Umstieg auf das Fahrrad attraktiver, fügt die Fraktionschefin sarkastisch hinzu.

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Tina Murphy von der Radinitiative findet es schade, dass der Weg noch immer so in Frage gestellt wird. Denn unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt sei er top: Für Radler biete er eine sichere und relative flache Möglichkeit von A nach B zu kommen. Und für Autofahrer sei er mit wenig Einschränkungen verbunden.

Just dies, so Murphy, wäre bei anderen, mutmaßlich stärker befahrenen Strecken nicht möglich gewesen. Denn dass die Marbacher Straße keine Kernstrecke ist, sei von Anfang an klar gewesen. Oder, wie sie anschaulicher formuliert: „Man hat eine Schüssel Rohkost in die Ecke gestellt und wundert sich nun, dass keiner isst.“

Der befürchtete Dauerstau bleibt aus

Wobei die geografische Abgeschiedenheit des prominenten Radwegs zumindest mittelfristig Geschichte sein soll. Dann nämlich, wenn es in der Stadt ein Radwegenetz gibt, das diesen Namen verdient – und Radler, die letztlich am Residenzschloss angekommen sind, ihre Tour komfortabel fortsetzen können.

Wann dies der Fall sein könnte, wird womöglich im Mobilitätsausschuss am kommenden Donnerstag etwas klarer. Auf der Tagesordnung steht ein Sachstandsbericht zur Radverkehrsplanung und ein „Ausblick auf die nächsten Jahre“.

Zurück zur Marbacher Straße. Die allerschlimmsten Befürchtungen der Gegner haben sich übrigens nicht bewahrheitet: Der motorisierte Individualverkehr hängt nach dem Wegfall einer Fahrspur nicht im Dauerstau. Im Gegenteil. Mit der Fahrspur sind nämlich auch lärmende und den Verkehrsfluss störende Überholvorgänge weggefallen. „Wie an einer Perlenschnur aufgereiht“ fließe der Verkehr nun, hat der Bürgermeister Michael Ilk beobachtet. Anwohner der Marbacher Straße, berichtet er, schreiben ihm sogar Briefe. Aus Dank für die neu gewonnene Ruhe.

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