Die Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg würdigt die Stadt für ihre Arbeit. Zudem gibt es jetzt einen neuen Runden Tisch mit Vertretern der Polizei sowie der Fußgänger- und Radfahr-Lobby.
Wie in vielen Kommunen, so gehen auch in Fellbach die Ansichten über die Qualität des Radnetzes auseinander – und ebenso, was für die Fußgängerinnen und Fußgänger noch verbessert werden müsste.
Wenn die Lastwagen über der Radstreifen rauschen
Schließlich wissen passionierte Radlerinnen und Radler einige neuralgische Stellen in Fellbach aufzulisten. Da ist zum Beispiel die Strecke entlang der Schorndorfer und Stuttgarter Straße, die zum Fellbacher Part des künftigen Radschnellwegs zwischen Schorndorf und Stuttgart ausgebaut werden soll – allerdings als sogenannte stadtverträgliche Lösung mit schmaleren Streifen als eigentlich vorgesehen. Im Bereich des Stuttgarter Platzes sind immer mal wieder knifflige Situationen zu beobachten. Kritisch ist auch der Bereich weiter westlich in Richtung Lindle und Bad Cannstatt nahe der Höhenstraße, wo der Radverkehr auf die eigentliche Fahrbahn verlagert wird und es angesichts der von hinten heranrauschenden Lastwagen ganz schön ungemütlich sein kann. Die Stadt hat dort mittlerweile Tempo-30-Schilder aufgestellt, an die sich aber keineswegs alle Brummi- oder Autofahrer halten.
Auch auf der Bahnhofstraße ist es oft ungemütlich für Radelnde. Dort besteht zwar baulich weiterhin neben dem Gehweg ein Radweg, der ist aber offiziell nicht mehr als solcher gedacht. Der Bauhof hat deshalb auf dem früheren Radweg Fußgängersignets aufgebracht. Die Radler sollen stattdessen auf die Fahrbahn ausweichen und im normalen Autoverkehr „mitschwimmen“, wie es heißt. Doch oft sehen sich die Radelnden von dicht auffahrenden Autos bedrängt, oder die Autofahrer fühlen sich durch die mit 20 km/h strampelnden Pedaleure ausgebremst und starten mit kurzer Beschleunigung in der Tempo-30-Zone ein diffiziles Überholmanöver.
Bahnhofsunterführung als neuralgische Stelle
Ein weiterer neuralgischer Bereich ist die Bahnunterführung, wo im September 2023 bei einem tragischen Fahrradunfall ein Mann so schwer verletzt wurde, dass er starb. Hier müsse die Situation verbessert werden, forderte deshalb etwa der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club Rems-Murr.
Auch in der eigens geschaffenen Fahrradstraße, speziell der Theodor-Heuss-Straße, fühlen sich Radler angesichts der engen Verhältnisse oft nicht wohl – wenn einem ein Auto entgegenkommt, haben die Radler nur noch circa einen Meter Fahrbreite bis zu den parkenden Fahrzeugen.
Es gibt also durchaus Herausforderungen und Verbesserungspotenzial für den Radverkehr in Fellbach. Doch womöglich ist dies ohnehin eine Nörgelei auf hohem Niveau. Passend wäre dann vielleicht eher eine Haltung, die sich am Liedermacher Ulrich Roski orientiert und dessen Chanson aus dem Jahr 1976: „Man darf das alles nicht so verbissen seh’n.“ Denn offenkundig läuft ja vieles richtig in Fellbach. Diese Folgerung ergibt sich zumindest aus der kürzlichen Würdigung der Arbeitsgemeinschaft Fußgänger- und Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK).
Fellbach verbinde, so heißt es in dem Lob, „Qualität mit Quantität in der Fuß- und Radverkehrsförderung“. Insgesamt wurden 32 Kommunen erstmals für das Erreichen der Qualitätsstufe für Fuß- und Radverkehr gewürdigt, Fellbach gehört somit zu dem erlauchten Kreis.
Die Fellbacher Radstrategie gibt’s seit 2020
Bereits 2020 wurde in Fellbach, das Gründungsmitglied der AGFK ist, die Radstrategie auf den Weg gebracht. Diese zielt auf die Förderung nachhaltiger und klimafreundlicher Mobilität unter Berücksichtigung aller Verkehrsarten ab. „Gemeinsam wurden für Fellbach bereits einige wirkungsvolle Maßnahmen für die Fuß- und Radverkehrsförderung auf den Weg gebracht“, erklärt Birgit Orner aus der Stabsstelle Radmobilität im Rathaus. Erreicht hat man diese Qualitätsstufe unter anderem mit dem Fahrrad-Rahmenplan und den eingerichteten Service- und Reparaturstellen für Fahrräder. Verkehrsschauen werden in Fellbach häufiger vorgenommen als vorgeschrieben; zudem konnten einige konfliktreiche Stellen im Verkehrsnetz der Stadt entschärft werden.
„Die Stadt Fellbach agiert mit hohem Engagement, mutig und experimentierfreudig. Auch bei Gegenwind bleibt man mit einer positiven Kultur, guter Kommunikation und kontinuierlichen kleineren Schritten an der Sache dran“, lobte Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann das Engagement. „Die Stadt Fellbach ist ein gutes Beispiel für eine gute Kompromissbereitschaft, mit der Menschen vor Ort mitgenommen werden.“
Auch der Verein „Fuß e. V.“ gehört zum Runden Tisch
Um die Verkehrssituation jenseits von Autos, Motorrädern, Linienbussen oder Lastkraftwagen weiter zu verbessern, richtet die Stadt Fellbach überdies auf Anregung der FW/FD-Fraktion einen neuen Runden Tisch Fuß- und Radverkehr ein. Mit dabei sind unter Führung der Baubürgermeisterin Beatrice Soltys weitere Vertreter der Stadt (Ordnungsamt, Stadtplanung, Stabstelle Radmobilität), des Gemeinderats, der Verkehrspolizei des Polizeipräsidiums Aalen und Vertreter lokaler Verkehrsverbände wie Fuß e. V., Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club, Allgemeiner Deutscher Automobil Club und Verkehrsclub Deutschland. Genannt in der von Birgit Orner erarbeiteten Auflistung sind Aufgaben wie die Förderung sicherer Schulwege, Informationskampagnen zur Verkehrssicherheit und Rücksichtnahme, die Begleitung von Fußverkehrschecks und die weitere Ausgestaltung der Radstrategie, des Fahrradrahmenplans und des künftigen Netzes an Fahrradstraßen und Fahrradzonen in Fellbach.