Gut ausgeschilderte und sichere Radwege sollen dazu animieren, immer öfter aufs Rad zu steigen. Foto: dpa

Ohne Stau und Stress durch die Städte radeln: Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ist überzeugt, dass sich der Anteil der Wege, die im Land auf dem Rad zurück gelegt werden, bis 2020 auf 16 Prozent verdoppeln und bis 2030 auf 20 Prozent steigern lässt.

Stuttgart - Warum hinkt Baden-Württemberg beim Radverkehr anderen Bundesländern immer noch hinterher? In Bremen etwa werden schon heute rund 20 Prozent aller Wege auf dem Rad zurückgelegt, in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt 15 Prozent. Das mag zum einen an der im Südwesten hügeligeren Topografie liegen, zum andern aber auch daran, dass das Radfahren im Land noch vergleichsweise unkomfortabel ist.

Dies soll sich rasch ändern, das Kabinett hat dazu deshalb jetzt die Radstrategie verabschiedet. „Damit machen wir einen entscheidenden Schritt in Richtung Pionier-Region für nachhaltige Mobilität“, prognostiziert Verkehrsminister Hermann. „Baden-Württemberg fördert den Radverkehr strategisch und mit Plan.“

Aus Sicht des Ministers gehören der Rad- und der Fußverkehr als zentrale Säulen zu einem modernen Verkehrssystem. Denn je mehr Fahrräder Autos ersetzen, desto besser funktioniert Mobilität. Es gibt weniger Staus und dadurch weniger Lärm und Feinstaub. Dies wiederum ist ein Bonus für die Gesundheit, die außerdem von der aktiven Bewegung auf dem Fahrrad gestärkt wird. Vor allem aber steigt die Lebensqualität für diejenigen, die in den Städten wohnen, und für die, die entspannt auf dem Rad unterwegs sind.

Anteil der E-Bikes soll wachsen

Dies alles belegen mehrere Studien. Doch jetzt sollen mehr Komfort und Sicherheit dafür sorgen, dass 25 bis 30 Prozent das Radfahren neu für sich entdecken und all jene, die schon radeln, 25 bis 30 Prozent häufiger in die Pedale steigen. Außerdem muss der Anteil der E-Bikes unter den Fahrrädern um ebenfalls gut ein Viertel wachsen, um das ambitionierte Ziel zu erreichen, dass bis 2030 jede fünfte Wegstrecke mit dem Rad zurückgelegt wird.

Mit der Radstrategie will das Verkehrsministerium quasi das große Rad drehen. Sie wurde innerhalb von zwei Jahren in Kooperation mit 30 Experten entwickelt. In die Umsetzung sind neun Fachministerien eingebunden – gefordert sind Bund und Land, vor allem aber Städte, Gemeinden und Landkreise, die zu 80 Prozent zuständig sind für die Radwege. „Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir es schaffen, die Radstrategie in den nächsten 10 bis 15 Jahren umzusetzen.

Voraussetzung dafür ist auch das Radnetz, das vom Kabinett jetzt ebenfalls beschlossen wurde. Es soll über Hauptrouten alle Ober- und Mittelzentren für den Alltagsradverkehr verbinden und gleichzeitig als Grundgerüst die örtlichen Netze stärken. Es enthält außerdem die 19 offiziellen touristischen Landesradfernwege. Insgesamt umfasst das Radnetz 7000 Kilometer, an die mehr als 700 Kommunen angeschlossen werden sollen.

Jährlich 5000 Abstellanlagen

Im Wesentlichen verläuft das Radnetz auf bestehenden Routen, zum Teil müssen sie aber ertüchtigt werden. Der Minister kündigte an, in diesem Jahr all jene Radwege durchgängig und einheitlich zu beschildern, die den sicherheitsrelevanten Mindestkriterien entsprechen. Anschließend werde das Radnetz schrittweise ausgebaut, bis letztlich alle Hauptachsen sicher und komfortabel zu befahren seien.

Zum Komfort gehören etwa auch Abstellanlagen, 5000 jährlich sollen an Bahnhöfen und Haltestellen gebaut werden. Die Radstrategie sieht weiter vor, flächendeckend Radschulwegepläne einzuführen, Standards bei der Radinfrastruktur zu etablieren und die Radwege systematisch zu erhalten.

Hermann sieht schließlich auch „hohe wirtschaftliche Potenziale für eine hochinnovative Wachstumsbranche“. Tatsächlich macht die Fahrradbranche in Deutschland jährlich rund 16 Milliarden Euro Umsatz – mit steigender Tendenz. Von 2010 auf 2011 stieg der Umsatz um knapp neun Prozent. Allein zwei Milliarden werden durch den Verkauf von Fahrrädern umgesetzt. Die Branche sichert in Deutschland 278 000 Arbeitsplätze.

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