Schwaikheim zeichnet sich durch seine Einkaufsmöglichkeiten im Ortskern aus. Foto: Gottfried Stoppel

Fellbach und Schwaikheim gehören bundesweit zu den Kommunen mit den kürzesten Wegen. Doch was macht die beiden Orte im Rems-Murr-Kreis so besonders – und was lässt sich daraus lernen?

Sechs Minuten – das ist ungefähr die Zeit, die kaltes Wasser braucht, um im Kochtopf ins Brodeln zu kommen. Und es ist die Zeit, die Anwohner in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) im Durchschnitt für den Weg zum Einkaufen, zur Kita oder zur Bahn brauchen. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, wohlgemerkt.

 

Das zeigt eine neue Studie zur sogenannten „Stadt der Viertelstunde“, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Auftrag gegeben hat. Ziel war es, herauszufinden, wie schnell die Menschen in Deutschland alltägliche Ziele wie Supermarkt, Schule und Arztpraxis zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können – und wie gut die Städte und Gemeinden dem Konzept einer „15-Minuten-Stadt“ entsprechen.

Der Ansatz gilt in der Stadtentwicklung als Leitbild für nachhaltige Mobilität: Kurze Wege sollen dazu beitragen, Verkehr zu vermeiden, Energie zu sparen und die Lebensqualität in Quartieren zu steigern. Doch was in dicht bebauten Städten leichter umzusetzen ist, stellt ländliche Regionen vor große Herausforderungen.

Kurze Wege – besonders in Schwaikheim

Mehr als 10.000 Kommunen wurden für die Studie untersucht. Schwaikheim landet mit einer durchschnittlichen Wegezeit von 5,5 Minuten bundesweit auf dem zweiten Platz – direkt hinter Merzhausen bei Freiburg (5,4 Minuten). Auch die Stadt Fellbach schneidet mit 5,9 Minuten sehr gut ab und landet auf Rang drei. In Großerlach dagegen kann der Weg zum nächsten Supermarkt oder Arzt über 40 Minuten dauern – ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten im Rems-Murr-Kreis sind.

Gemeinden im Rems-Murr-Kreis mit der geringsten Wegezeit

  • Schwaikheim: 5,5 Minuten
  • Fellbach: 5,9 Minuten
  • Kernen im Remstal: 7 Minuten

Gemeinden im Rems-Murr-Kreis mit der höchsten Wegezeit

  • Großerlach: 40,1 Minuten
  • Spiegelberg: 36,3 Minuten
  • Kaisersbach: 35,8 Minuten

Schwaikheim knapp hinter Platz eins

Dass Schwaikheim bundesweit so weit oben landet, überrascht die Bürgermeisterin Dr. Astrid Loff nicht. Die Gemeinde sei außergewöhnlich kompakt gebaut, erklärt sie. „Mich erfüllt mit Stolz, dass unsere Gemeinde bundesweit den zweiten Platz erreicht“, sagt Loff. Sie werte das Ergebnis als Zeichen der Leistungsfähigkeit Schwaikheims.

Aus ihrer Sicht ist eine gut erreichbare Nahversorgung für alle Generationen von großer Bedeutung. Kurze Wege trügen dazu bei, dass Familien und Senioren zentrale Einrichtungen schnell und klimafreundlich erreichen könnten. „Die Lebensqualität ist dadurch sehr hoch bei uns“, betont sie.

In Schwaikheims Ortsmitte gibt es einen großen Lebensmittelmarkt (Edeka) und einen Bäcker mit Café. Foto: Gottfried Stoppel

Bereits vor einigen Jahren hat die Gemeinde damit begonnen, die Ortsmitte neu zu gestalten. Unter dem Projektnamen „Neue Mitte Schwaikheim“ entstanden moderne Wohnquartiere mit Eigentumswohnungen sowie Gewerbeflächen im Erdgeschoss, darunter ein großer Lebensmittelmarkt (Edeka) und ein Bäcker mit Café.

Ziel war es, Wohnen, Nahversorgung und Aufenthaltsqualität auf engem Raum zu verbinden und kurze Wege für die Bürger zu schaffen. Dieses Konzept will die Gemeinde weiterentwickeln – etwa „mit der Ansiedlung weiterer Ärzte und einer Drogerie“, wie Bürgermeisterin Astrid Loff verrät.

Fellbach punktet mit kompakter Struktur

„Fellbach ist eine Stadt der kurzen Wege“, heißt es aus dem Fellbacher Rathaus. Die Stadt profitiere von ihren drei Ortskernen, einer ebenen Topografie und der zentralen Lage in der Region Stuttgart. „Viele Strecken im Alltag und der Freizeit können hier mit dem Fahrrad, Pedelec oder zu Fuß zurückgelegt werden“, sagt Frank Knopp, Sprecher der Stadt Fellbach.

Die Geschäfte, Sehenswürdigkeiten, Ämter und Arbeitsstätten seien zudem sehr gut an das S-Bahn-, Stadtbahn- und Busnetz angebunden. Aus diesem Grund nutzten die Menschen in Fellbach vergleichsweise selten das Auto. Das seien „hervorragende Voraussetzungen für die Förderung von nachhaltiger Mobilität und Klimaschutz“, sagt Frank Knopp.

Kurze Wege dank kluger Planung

Auch für die Mobilitätsexperten der Stadt ist das gute Abschneiden von Fellbach kein Zufall: Die kompakte Siedlungsstruktur, gemischte Nutzungen in den Quartieren und eine vorausschauende Stadt- und Verkehrsplanung hätten entscheidend dazu beigetragen, so der Fellbacher Verkehrsplaner Cornelius Ehlert.

Ehlert erzählt weiter, dass im Zuge der geplanten Verlängerung der Stadtbahnzüge auf 80 Meter die Endhaltestelle an der Lutherkirche neu gestaltet werden solle. Geplant sei dort ein sogenannter Mobilitätshub, der Bus, Bahn, Fahrrad und Carsharing an einem Ort bündelt und so den Umstieg erleichtert.

Durchschnittliche Wegezeit in den großen Kreisstädten

  • Backnang: 9,6 Minuten
  • Fellbach: 5,9 Minuten
  • Schorndorf: 9,8 Minuten
  • Waiblingen: 7,7 Minuten
  • Winnenden: 9,1 Minuten
  • Weinstadt: 8,6 Minuten

Ländliche Struktur bringt längere Wege

Ganz anders ist die Situation in Großerlach: Bürgermeister Kevin Dispan beschreibt seine Gemeinde als „ausgeprägt ländliche Flächengemeinde mit vielen Teilorten und Weilern“. Die Siedlungsstruktur sei weitläufig, was naturgemäß zu längeren Wegen führe. „Unsere Bürgerinnen und Bürger leben bewusst in einer landschaftlichen Umgebung und nehmen dafür längere Distanzen zu Alltagszielen in Kauf“, sagt Dispan.

Der öffentliche Nahverkehr sei solide, aber nicht so eng getaktet wie in der Stadt. Schwierig bleibe die medizinische Versorgung: „Versuche, Arztpraxen anzusiedeln, sind bisher ohne Erfolg geblieben – dieses Problem haben wir als ländliche Gemeinde aber nicht exklusiv“, sagt Dispan.

Wie Mobilität im ländlichen Raum funktionieren kann

Künftig will sich die Gemeinde stärker mit alternativen Mobilitätsangeboten befassen. „Ein Bürgerbus kann hier eine echte Entlastung schaffen und die Mobilität im Alltag verbessern“, sagt der Bürgermeister. Auch Ideen wie flexible Fahrdienste oder Mitfahrbänke könnten eine sinnvolle Ergänzung sein. Bei Letzterem handelt es sich um feste Haltepunkte, an denen Bürger auf eine spontane Mitfahrgelegenheit warten können.

Dispan plädiert dafür, ländliche Gemeinden nach ihren eigenen Maßstäben zu beurteilen: „Die Kriterien einer 15-Minuten-Stadt lassen sich auf eine Flächengemeinde wie Großerlach nicht übertragen.“ Die Gemeinde biete andere Lebensqualitäten: „Bei uns sind innerhalb von deutlich weniger als 15 Minuten viele Wanderwege und die schöne Natur erreichbar – anders als in Großstädten.“ Unterstützung brauche es dennoch: „Zum Beispiel durch gezielte Förderprogramme für Bürgerbusse, mobile Versorgung und neue Mobilitätsformen im ländlichen Raum.“

Was sich aus den Ergebnissen lernen lässt

Zwischen Schwaikheim und Großerlach liegen nur etwa 30 Kilometer – aber im Alltag können das manchmal Welten sein. Die Unterschiede im Rems-Murr-Kreis machen deutlich, wie stark die Lebensrealität vom Wohnort abhängt. Die Studie zeigt: Städte wie Fellbach profitieren von gewachsenen Strukturen, die Wohnen, Arbeiten und Versorgung eng miteinander verzahnen.

Ländliche Gemeinden wie Großerlach stehen dagegen vor anderen Herausforderungen – dort zählen Flexibilität und kreative Lösungen, um Mobilität bezahlbar zu halten. Die „Stadt der Viertelstunde“ bleibt damit eher ein Leitbild für Ballungsräume, das im ländlichen Raum eigene Antworten benötigt.

Die Studie im Überblick

Die Stadt der Viertelstunde
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat für die Studie „Die Stadt der Viertelstunde“ über 10.000 Städte und Gemeinden in Deutschland untersucht. Grundlage war eine flächendeckende Analyse, die bewertet, wie gut wichtige Alltagsziele – etwa Schule, Arzt, Einkauf oder Freizeit – innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sind. Die vollständigen Ergebnisse und Karten stehen als Online-Publikation des BBSR zur Verfügung.