Eine Impfaktion in der Ditib-Moschee in Stuttgart-Feuerbach kommt bei den Gemeindemitgliedern gut an. Das gelieferte Vakzin passt zwar nicht jedem, aber die Nachfrage übersteigt dennoch das Angebot.
Stuttgart - Wer nicht weiß, dass es sich um eine einmalige Aktion handelt, würde auch nicht darauf kommen. Die Abläufe im Allzweckraum der Ditib-Moschee in Stuttgart-Feuerbach wirken am Dienstag so routiniert, als würde hier jeden Tag geimpft. Von 9 bis 15 Uhr werden im Erdgeschoss Vakzine an Gemeindemitglieder verabreicht.
Um die Mittagszeit bildet sich eine kleine Schlange. Die Menschen warten geduldig, melden sich an, holen sich bei den Ärzten des mobilen Impfteams des Klinikums Stuttgart ihren Piks ab und begeben sich dann in einen kleinen Wartebereich. Dort sitzen Baki und Nuray Kinet. Die Familie komme regelmäßig in die Moschee und habe auch hier von der Aktion erfahren, sagt Gemeindemitglied Baki Kinet.
150 Dosen des Herstellers Johnson & Johnson wurden geliefert
Seine Frau Nuray sagt, sie hätten es vorher über den Hausarzt versucht. „Da gibt es aber eine lange Warteliste, wir wären erst im Oktober dran gewesen.“ Das Angebot der Gemeinde kam da gerade recht. Es richtet sich ausschließlich an Gemeindemitglieder, die sich online oder telefonisch anmelden konnten. Allerdings kam nur eine Minderheit der 1300 Mitglieder in den Genuss einer Spritze. Grund ist die Impfstoffknappheit. Nur 150 Dosen des Herstellers Johnson & Johnson wurden geliefert.
Manch einer der Angemeldeten sei wieder abgesprungen, nachdem feststand, welches Vakzin er bekommen würde, sagt Deniz Cilhüseyin. Mit zwei anderen Frauen aus der Gemeinde hat sie den Impftag organisiert. „Viele haben gefragt, welchen Impfstoff sie bekommen. Das stand erst kurz vor dem Termin heute fest, sodass wir nochmal alle angerufen haben, um sie zu informieren“, so Cilhüseyin.
220 Gemeindemitglieder haben angefragt
Zusammen haben die Frauen Listen erstellt, Namen erfasst, die Impflinge angerufen und Masken organisiert. Vor Ort haben sie Abstandsmarkierungen aufgezeichnet, Desinfektionsstationen eingerichtet und Tische aufgestellt. Zwei Wochen habe das alles in Anspruch genommen, sagt Cilhüseyin. 220 Gemeindemitglieder hätten bislang angefragt, und es gebe immer neue Anfragen.
Dass manche auch noch vor Ort abspringen und ihren Termin nicht wahrnehmen, nimmt Ismail Cakir gelassen hin. „Es gibt eine Reserveliste“, sagt der Vereinsvorsitzende der Ditib-Gemeinde. Bleibe vom wenigen Impfstoff doch noch etwas übrig, würden die Gemeindemitglieder auf der Liste benachrichtigt.
Ältere Menschen suchen ungern die Impfzentren auf
Für Ali Ipek, den Geschäftsführer des Ditib-Landesverbands Württemberg, ist das Impfen in der Moschee ein effektives Zusatzangebot zu den bestehenden Strukturen. Effektiv deshalb, weil viele Gemeindemitglieder die Moschee ohnehin aufsuchen würden. „Das ist ein alltäglicher Gang hierher, das macht es natürlich einfacher, sich auch noch impfen zu lassen. Ältere Menschen scheuen sich oft vor den Impfzentren, weil sie ein sprachliches Problem haben, dazu kommt die Bürokratie. Das nehmen wir ihnen ab. Wir haben muttersprachliches Personal und füllen die Formulare vorab für sie aus“, so Ipek.
Ein Testzelt vor dem Gebäude gibt es schon seit einigen Wochen, auch hier herrscht reger Betrieb. Die häufig zu lesende These, der zufolge Menschen mit Migrationshintergrund wenig impfwillig sind, hält Ipek für falsch. Das große Interesse der Gemeindemitglieder an der Aktion wertet er als Gegenbeweis. „Es gibt eben Vorurteile gegen gewissen Impfstoffe, das gilt aber für die ganze Gesellschaft“, sagt Ipek. Weil Impfstoffe verschiedener Hersteller auf dem Markt sind, würden die Menschen wählerisch. Ipek hätte das Angebot in der Moschee gerne an mehreren Tagen gemacht – der knappe Impfstoff verhindere das aber derzeit.
Aktion Soziales Impfen der Stadt Stuttgart
Soziales Impfen Je schlechter die Lebensverhältnisse der Menschen ist, desto höher ist in den Stadtteilen die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus. Das hat das Statistische Amt der Stadt kürzlich ermittelt bei einer Auswertung der Zahlen getrennt nach den 436 Stadtquartieren. Besonders betroffen: die Bezirke Mühlhausen, Feuerbach, Zuffenhausen und Bad Cannstatt. Deshalb findet eine Kampagne des sogenannten sozialen Impfens in benachteiligten Stuttgarter Stadtteilen statt.
Verlauf Bei der am Samstag gestarteten Aktion von Stadt, Stuttgarter Ärzteschaft und dem städtischen Klinikum werden von den mobilen Teams bis am nächsten Samstag 16 Orte angesteuert, jeden Tag zwei. Bei jedem Termin werden 150 Dosen verabreicht, insgesamt 2400.
Ziel Hans-Jörg Wertenauer, Stuttgarter Mediziner und Mitorganisator, sagt, dass die Menge der Dosen insgesamt nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei. Die Aktion habe aber auch den Sinn, in den betreffenden Stadtteilen für das Impfen zu werben.