Am Wochenende ist ein mobiles Impfteam im Bürgerhaus in Stuttgart-Freiberg gewesen. Dass die Aktion zuvor nicht an die große Glocke gehängt wurde, hat einen guten Grund. Schon nach zwei Stunden mussten 35 Wartende weggeschickt werden. Sie hatten die falsche Adresse.
Stuttgart - Bereits zwei Stunden vor dem auf 9 Uhr angesetzten Beginn standen am Samstagmorgen die ersten Impfwilligen vor den Pforten des Bürgerhauses Freiberg/Mönchfeld. Nummer 7 in der Warteschlange war eine 37-Jährige aus Mühlhausen. Über mehrere Ecken hatte sie am Vortag von der Impfaktion erfahren, und Mundpropaganda hat auch Catja Wimmer aus Hofen hergeführt, die sich nun freut, „dass der Corona-Blues bald zu Ende ist“.
Selbst dem sonst gut informierten ITler Chris aus Freiberg (29) und seiner Schwester Katharina (28), einer Psychologin, hatte sich die Chance zur Impfung erst durch die „gut vernetzte Mutter“ eröffnet. Das sei ja „fast eine Geheimaktion“ findet zwei Stunden nach Beginn ein „von einer guten Freundin“ informierter 42-Jähriger am Ende der auf rund 40 Personen angewachsenen Schlange.
Ganz falsch ist seine Einschätzung nicht, denn die Stadt hatte diese Impfaktion nicht vorher öffentlich gemacht. Der Hintergrund: Als in der Stadt die Infektionszahlen in die Höhe schossen, hatten sich bei genauem Hinschauen in vier Stadtbezirken auffällige Häufungen gezeigt. Just in diesen Bereichen soll nun mit zielgenauen Angeboten Abhilfe geschaffen werden, mit aktuell 2400 Impfdosen insgesamt. Angesichts des Mangels an Impfstoff war im Falle vorheriger Bekanntgabe ein Ansturm samt Impftourismus befürchtet worden, weshalb die Termine, wie zum Auftakt der Aktion in Freiberg, nur lokal kommuniziert werden.
„Mit heißer Nadel gestrickte Aktion“
Ein Vorgehen, das Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin für Soziales und gesellschaftliche Integration, im Vorfeld „ein bisschen Bauchschmerzen“ verursacht hatte: „Es war keineswegs sicher, dass diese mit heißer Nadel gestrickte Aktion wie erhofft funktionieren wird.“ Vorsorglich war deshalb die Polizei informiert worden, auch drei Mann der freiwilligen Feuerwehr sollten im Bedarfsfall helfen, eventuelles Chaos in den Griff zu bekommen. Und zu tun hat Harald Hald von den Floriansjüngern Heumaden durchaus: Immer mal wieder läuft er die Warteschlange ab und informiert, dass nur geimpft wird, wer in einem der beiden definierten Postleitzahlen-Sektoren wohnt.
Nach zwei Stunden hat er schon 35 Personen herausgefischt, die wieder kehrtmachen müssen: „Klar, die sind enttäuscht. Der Frust wird aber kleiner, wenn ich ihnen sage, dass sie übers Gesundheitsamt ein anderes Impfangebot bekommen werden. Bisher haben alle ihre Adressen hinterlegt.“Nun ist auch Ortsvorsteher Ralf Bohlmann „richtig begeistert, wie geordnet das läuft und wie freundlich und dankbar die Leute sind“. Bezirksamt und Bezirksbeiräte haben eine Schlüsselrolle gespielt bei der Verbreitung der „stillen Post“. Ins Boot geholt wurde so etwa die Mobile Jugendarbeit mit ihren Kontakten, und vor allem der Bürgerverein. Dessen Vorsitzende, Altstadträtin Ursula Pfau, strahlt vor Glück: „Wie gut diese kleinen, feinen Netzwerke funktionieren!“ Am Vorabend hatte sie mit Helfern das Bürgerhaus vorbereitet, den großen Saal geteilt, einen Ruheraum eingerichtet, mobile Garderobenständer mit weißen Laken drapiert und so zwei Impfkabinen improvisiert, am Morgen dann zeitig den Parkplatz zum Freizeitgelände gesperrt und den Zuweg zum Impfen mit Baubändern markiert.
Alle 150 Dosen sind am Ende aufgebraucht
Drinnen läuft es wie am Schnürchen. Bis zu zwölf Impfungen in der Stunde schafft das mobile Impfteam vom Klinikum auf der einen, Claudia Perlia auf der anderen Seite. Die niedergelassene Ärztin aus Bad Cannstatt macht das ehrenamtlich: „Jede Impfung bringt uns alle einen Schritt weiter“ Hans-Jörg Wertenauer, Pandemiebeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung für Stuttgart, weiß, dass das „ein Tropfen auf den heißen Stein“ ist, freut sich aber über den Erfolg der Aktion: „Es ist auch eine Gerechtigkeitsfrage, jenen Menschen Impfung anzubieten, die schwerer Zugang dazu finden. Auch so kommen wir voran.“ Den erfolgreichen Abschluss verkündet Bezirksvorsteher Bohlmann am frühen Nachmittag: „Alle 150 Dosen sind aufgebraucht.“