Seine Brille für die Virtuelle Welt (VR) bietet Samsung bereits an. Nun soll eine VR-Kamera die nötigen Inhalte liefern und sollen die Nutzer selbst zu ­Schöpfern virtueller Welten werden. Dafür kooperiert Samsung mit Facebook. Foto: AFP

Barcelona ist derzeit der Nabel der mobilen Welt. Weil es bei Smartphones keine Quantensprünge mehr gibt, setzen die Hersteller auf ergänzende Produkte und ein neues Seh-Erlebnis.

Barcelona -

Smartphone-Baukasten

Foto: dpa

Natürlich geht es auf der größten Mobilfunkmesse der Welt – dem Mobile World Congress in Barcelona – vor allem um die Smartphone-Flaggschiffe aus aller Welt. Die größte Überraschung bietet LG. Die Süd­koreaner präsentieren mit dem LG 5 ein Smartphone, das das Baukastenprinzip von allen größeren Herstellern am konsequentesten verfolgt. Mit dem „Magic Slot“ genannten Modul an der Unterseite lässt sich wahlweise der Akku wechseln oder das Handy mit einer verbesserten Kamerabedienung oder einem Audiomodul aufrüsten. Als „Freunde“ bezeichnet man bei LG das Konzept. Samsungs neues Spitzen-Smartphone – das Galaxy 7 bzw. 7 Edge – punktet vor ­allem mit einer stark verbesserten Kamera, die insbesondere bei schwierigen Lichtverhältnissen „die beste“ sein soll, wie es heißt.

Ansonsten eint die Hersteller das inzwischen Übliche, denn Quantensprünge in der Branche erwartet keiner mehr, was die Hardware angeht. Die Computertelefone werden mit fünf Zoll und mehr immer größer, haben ultraschnelle Prozessoren, extrem scharfe Bildschirme und eine Fülle von Sensoren, zu denen auch der Fingerabdrucksensor zählt. Doch das ist vielen ­Nutzern nicht genug. Laut einer Bitkom-Umfrage wünschen sie sich vor allem längere Akkulaufzeiten und Fotokameras mit noch besserer Qualität. Dafür geben sie auch gerne mehr Geld aus – 395 Euro zahlten sie 2015 im Schnitt für ein Computerhandy.

Smartphone-Helfer

Immer mehr Hersteller bieten Spezialzubehör für Smartphones an. Shoulderpod rüstet Jour­nalisten zu Smartphone-Reportern aus. Für den mobilen ­Einsatz lassen sich Handy und Mikrofon auf ein Holzstativ schrauben. Foto: Gräfe

Dass das Smartphone seine Anziehungskraft verliert, weil die Quantensprünge ausbleiben, ist ein Trugschluss. Immer mehr Hersteller bieten neue Produkte für die ­mobilen Alleskönner an. Akyuman hat in sein Handy einen Projektor eingebaut, der zumindest für die Geschäftsrunde im kleinen Kreis taugt. Maxim treibt den Sensoren-Wahnsinn voran und rüstet inzwischen 120 Millionen Smartphones mit Supersensoren auf. Auf Infrarotbasis können diese unter anderem den Sauerstoffgehalt im Blut messen und einen Stresslevel errechnen. „Wir machen aus dem Smartphone eine Zen-Maschine“, frohlockt eine Sprecherin. Und Shoulderpod erfreut ambitionierte Smartphone-Fotografen und auch manche Journalisten. Auf einem Handstativ lassen sich Handy und Mikrofon einigermaßen ruckelfrei bedienen. Rund um das Smartphone ist ein Milliardenmarkt entstanden, der auch die Smartphone-Hersteller erfreut. Denn die Helfer sind für viele Kunden kaufentscheidend.

Virtuelle Welten

Zuschauer tragen bei der Präsentation von Samsung VR-Brillen Foto: dpa

Dennoch sucht die Branche ständig nach dem nächsten großen Ding – und hofft, dass Virtuelle Realität (VR) das Nischendasein verlassen könnte. Die Kunden sollen in virtuelle Welten eintauchen, die das 3-D-Erlebnis, wie sie es aus dem Kino kennen, bei weitem übertrifft. In Barcelona bringt Samsung Schwung in den Markt. Die Südkoreaner haben bereits eine 3-D-Brille für rund 100 Euro im Einsatz, in die ein aktuelles Samsung-Smartphone integriert werden kann. Das Problem: Es gibt kaum geeignete Inhalte dafür. Die neue 360-Grad-Kamera, die über zwei Fischaugen-Linsen verfügt und in 3-D aufzeichnen kann, dürfte das ändern. Mit Smartphone und 3-D-Brille gekoppelt, hat man das Gefühl, sich völlig in der live übertragenen oder aufgenommenen Szenerie bewegen und darin versinken zu können. Die Wahrnehmung ist im Vergleich zum herkömmlichen Sehen gesteigert.

Rund 400 Euro könnte die 360-Grad-Kamera kosten, aber das ist noch nicht offiziell. Wahrscheinlich ist, dass sich die Nutzer mit ihr die virtuellen Inhalte selbst schaffen und mit ihren Freunden auf den Internetplattformen wie Youtube oder Facebook teilen werden. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schwärmte bei seinem Gastauftritt auf der Samsung-Präsentation, dass virtuelle Realität „die nächste Plattform“ sei. Facebook und Samsung würden für die Weiterentwicklung von Technik und Inhalten noch stärker als bisher kooperieren.

In Barcelona stellte auch Samsung-Rivale LG eine neue VR-Brille und 360-Grad-Kamera vor, die allerdings keine Videos aufnimmt. VR-Brillen haben auch HTC und die Facebook-Tochter Oculus im Programm – sie sind allerdings um ein Vielfaches teurer.

Computeruhren

Wie in den vergangenen Jahren setzen fast alle Smartphone-Hersteller auf Technik zum Anziehen. In der neuen Gerätekategorie, die den Menschen immer enger mit dem Smartphone vernetzt, boomen derzeit vor allem Smartwatches. 50 Millionen Computeruhren sollen laut den Marktforschern von Gartner dieses Jahr verkauft werden und dabei einen Umsatz von umgerechnet zehn Milliarden Euro generieren. Die Smartphone-Produzenten wie Samsung und Huawei bieten sie bereits in der zweiten und dritten Generation an. Aber auch klassische Uhrenhersteller wie TAG Heuer sind auf die Computeruhren-Welle aufgesprungen, denn von ihnen erhoffen sich die Marktforscher das größte Potenzial. In Barcelona zeigen die Hersteller Uhren für jeden Bedarf – sportlich, klassisch oder futuristisch. Strassbestückte Modelle für Damen sind im Kommen. Immer häufiger kann man mit den Uhren telefonieren, ohne eine Verbindung zum passenden Handy zu haben, wie bei der neuen Generation der Samsung Gear. Mit der Bezahlfunktion an Bord werden die Uhren für den mobilen Einkauf aufgerüstet.

Wearables für Arbeiter

Wearables erreichen das Arbeitsleben. In den Handschuhen von Pro Glove sind verschiedene Sensoren integriert, die unter anderem Waren scannen oder vor Umweltgefahren warnen. Foto: Pro Glove

Populär bei den am Körper tragbaren intelligenten Geräten (Wearables) sind neben Computeruhren vor allem Sportuhren, die auf die Bedürfnisse von Sportlern ausgelegt sind, sowie Fitnessarmbänder. Diese haben immer mehr Funktionen an Bord und wirken oft wie abgespeckte Computeruhr-Varianten. Auch hier umwerben die Hersteller immer stärker Frauen als Zielgruppe. Dabei mischen auch immer mehr Firmen außerhalb der Tech-Branche mit wie Jacob Jensen ­Design. Die dänischen Industriedesigner bieten ein schmuckes smartes Armband, das automatisch ein Notrufsignal mit GPS-Position an die Nummer der Wahl sendet. Das garantiere kein gewaltfreies Leben, räumt ein Sprecher ein – „aber es vermittelt ein Gefühl der Sicherheit“.

Am Stand des Technologie-Dienstleisters Accenture sieht man bereits den nächsten Trend: den mit Wearables vernetzten Arbeiter. In die Kleidung eingearbeitete Sensoren könnten Temperatur und Luftqualität messen und Alarm schlagen, wenn in der Produktion zum Beispiel durch giftige Dämpfe Gefahr drohe. Der vernetzte Arbeiter könnte natürlich auch permanent kontrolliert werden. So könnten Daten über Aufenthaltsort und Arbeitsleistung übermittelt werden.

Netz der Zukunft

Eine illustre Gruppe hat sich am Montagnachmittag auf Einladung der Europäischen Kommission im Pressezentrum ­versammelt: Mehr als ein halbes Dutzend Vorstandsvorsitzende und Technik-Chefs von Netzausrüstern und Telefongesellschaften haben geladen, darunter Netzwerk-Giganten wie Ericsson und Huawei. Ihnen ­allen geht es um das Netz der Zukunft. So ziemlich alles, was die gut 2000 Messe­aussteller für die Zukunft planen, basiert darauf. Ohne das Supernetz – 5 G genannt – würde es keine Innovationen mehr geben.

Bis 2020 werden je nach Schätzung zwischen 20 und 100 Milliarden Geräte weltweit miteinander verbunden sein – selbstfahrende Autos, Kühlschränke, Roboter. Dieses Internet der Dinge treibt den weltweiten Datenaustausch dramatisch nach oben. Das bringt das Internet an seine Grenzen. Die Datenautobahnen müssen breiter und vor allem flexibler werden. 5 G soll das leisten und – je nach Lesart – zwischen 2018 und 2020 verfügbar sein. Dann wird sich ein Spielfilm statt in sieben Minuten binnen Sekunden herunterladen lassen und das Netz binnen einer Millisekunde reagieren können – 50-mal schneller als bisher. Nur so kann ein Auto automatisch einen Unfall vermeiden.

EU-Digitalkommissar Günther Oettinger möchte, dass Europa den Standard bestimmt – und damit von den Anwendungen profitiert, die auf dem Netz der Zukunft ­basieren. Weshalb dann Asien derzeit die bessere Technik habe? Oettinger: „Wir lagen zurück – aber wir sind wieder im Spiel.“

Unser Redakteur Daniel Gräfe berichtet von der weltgrößten Mobilfunkmesse aus Barcelona – auch auf Twitter: www.twitter.com/IT Stuttgart

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