Aus der linken Szene heraus ist in Ludwigsburg eine größere Protestbewegung gegen die Kürzung der Mobilen Jugendarbeit entstanden. Foto: Maximilian Seidel

Die Mobile Jugendarbeit in Ludwigsburg soll gestrichen werden. Jugendliche erzählen, wie die MJA sie vor Kriminalität, Perspektivlosigkeit und Einsamkeit bewahrt hat.

Die Mobile Jugendarbeit (MJA) in Ludwigsburg steht aus finanziellen Gründen vor dem Aus – sehr zum Ärger vieler junger Menschen, die lautstark dagegen protestieren. Doch was würde es für die Stadt bedeuten, wenn die MJA tatsächlich verschwände? Wir haben mit verschiedenen Menschen über ihre Erfahrungen und Einschätzungen gesprochen.

 

Daria Vdovicenko – Hat durch die MJA ihren Traumjob bekommen

Daria ist 18 Jahre alt und geht in der Mobilen Jugendarbeit in der Karlstraße ein und aus. Dort hat sie entscheidende Unterstützung bekommen, um eine stabile Zukunft aufzubauen.

„Ein paar Freundinnen haben mich damals zur MJA gebracht. Ich kam aus schwierigen Umständen, und es hat eine Weile gedauert, bis ich den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern vertraut habe. Doch irgendwann hat es Klick gemacht – heute fühle ich mich hier wie in einer zweiten Familie. Wenn ich nicht gerade arbeite oder ein Praktikum habe, bin ich fast jeden Tag hier. Mein Hobby, das Billardspielen, habe ich bei der MJA entdeckt.

Der Ort hat mir geholfen, meinen Traumberuf zu verfolgen. Nie hätte ich gedacht, dass ich tatsächlich mal Bestatterin werden kann. Doch Svenja und die anderen Sozialarbeiter haben mir geholfen, bei der Stellensuche, der Bewerbung und beim Vorstellungsgespräch. Ohne die MJA hätte ich das alles nicht geschafft – schon allein, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Irgendwann hätte ich sicher irgendeine Arbeit gefunden, aber bestimmt nicht eine, die mir so viel Freude macht.“

Leith – Wurde bei der MJA ernst genommen

Leith möchte seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern haben einen Migrationshintergrund. Heute steht er kurz vor seiner Ausbildung – das habe er der MJA zu verdanken.

„Irgendwann hat gar nichts mehr funktioniert. Ich habe viel Scheiße gebaut und stand ohne irgendetwas da: ohne Schule, ohne Abschluss, ohne nichts. Die meiste Zeit war ich auf der Straße unterwegs. Freunde haben mich dann in die MJA mitgenommen. Dort haben die Sozialarbeiter mit mir geredet und gefragt, warum ich nichts mache – und ich hatte keine Antwort.

Im September beginne ich meine Ausbildung. Den Platz habe ich nur bekommen, weil Svenja mir bei der Bewerbung geholfen hat. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft, dann wäre ich heute noch auf der Straße. Ohne die MJA würden viele Jugendliche gar nichts machen. Nur rumsitzen, rauchen, kiffen, dumme Dinge tun – so, wie es eben auf der Straße läuft. Die Polizei denkt, wir wären alle nur Verbrecher. Aber wir versuchen wirklich, unsere Zukunft besser zu machen. Die MJA ist dafür unsere einzige Chance.“

Mika – Leitet die Initiative „MJA-Unkürzbar“

Die Initiative „MJA-Unkürzbar“ wurde aus der linken Szene heraus gegründet, besonders von der Antifa, und wird auch von Gewerkschaften unterstützt. Sprecher der Initiative ist Mika. Seinen vollen Namen und sein Foto möchte er aus Angst vor rechter Gewalt nicht in der Zeitung sehen.

„Viele Menschen verbinden die MJA mit Kriminellen, die dort angeblich nur einen Unterschlupf finden. Das ist schlicht falsch. Die MJA holt sehr viele junge Leute gerade von der Straße weg. Bei unseren Treffen habe ich mit einigen gesprochen, die mir offen gesagt haben: ‚Wäre ich nicht immer wieder bei der MJA, säße ich längst im Knast oder wäre kriminell.’

Unsere Generation lebt in extrem schwierigen Zeiten – mit Rekordinflation, Krieg und der möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. Das verunsichert viele junge Menschen enorm. Genau deshalb braucht es die MJA: um Jugendliche aufzufangen, ihnen Perspektiven zu eröffnen und Halt zu geben.“

Christiane Hillig – Ist geschäftsführende Referentin des Landesverbandes

Die Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit mit ihrer geschäftsführenden Referentin Christiane Hillig weisen seit Bekanntwerden der Kürzungspläne darauf hin, dass das Angebot der Ludwigsburger MJA durch keine andere Einrichtung ersetzt werden könne.

„Die Mobile Jugendarbeit richtet sich an junge Menschen, die sonst durchs Raster fallen und keine andere Ansprechperson haben. Viele von ihnen sind aus der Schule raus oder haben sie abgebrochen, ihnen fehlt eine feste Struktur im Alltag. Für Jugendhäuser sind sie oft zu alt, und beim Arbeitsamt stoßen sie auf zu viel Bürokratie und Anonymität. In der MJA dagegen bekommen sie Unterstützung – bei der Jobsuche ebenso wie beim Aufbau eines geregelten Alltags. Genau das würde ohne die MJA wegfallen.

Kriminalitätsprävention ist eigentlich gar nicht das Hauptziel der Mobilen Jugendarbeit, sondern eher ein positiver Nebeneffekt, wenn Jugendliche durch Arbeit und Struktur Halt finden.“

Verena Alexander – Ist Gemeinderätin und ehemalige Jugendrichterin

Verena Alexander, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat Ludwigsburg, war früher Richterin für Jugendstrafrecht in Stuttgart. In ihrer Arbeit hatte sie immer wieder mit der Mobilen Jugendarbeit zu tun.

„In den Gerichtsverhandlungen saßen immer die Sozialarbeiter der MJA, selbst wenn die Jugendlichen selbst verhindert waren. Junge Menschen, die Probleme machen, haben selbst immer Probleme. Die Mobile Jugendarbeit hilft ihnen dabei, aus diesem Kreislauf herauszukommen, das habe ich bei meiner Arbeit gesehen.“