Ja, es fließt auch mal Blut, sagt Sascha Sharma. Und ja, die Wettkämpfe wirken unsportlich. Pervers und gewaltverherr­lichend? Mitnichten, sagt der Kampfsportler, der in einen Käfig steigt, um sich mit anderen zu schlagen.

Fellbach - Grüner Pulli, Jeans, Flip-Flops: Sascha Sharma sitzt entspannt auf der Couch, ein Bein locker auf das andere gelegt. Die Turnschuhe hat er am Eingang gegen die Flip-Flops getauscht. In der Kampfsportschule Kongs Gym in Fellbach sind Straßentreter nicht gern gesehen. Neben der Couch lehnt ein graues T-Shirt im Bilderrahmen. „Team McGregor“ steht in dicken, weißen Buchstaben darauf, darunter in schwarzer Handschrift: „TUF 22, Europe vs. USA, Fighting for Germany, in großer Dankbarkeit Sascha Nitin Sharma.“

Was das heißt? Der 28-Jährige hat als einziger Deutscher an einer der erfolgreichsten Reality-TV-Shows in den USA teilgenommen. Bei der Serie „The Ultimate Fighter“ (TUF) treten 16 Kampfsportler aus Amerika und Europa im Käfig gegeneinander an – und messen ihre Kräfte im Boxen, Kick­boxen, Ringen und brasilianischen Jiu-Jitsu. Gemischte Kampfkünste, Mixed Martial Arts, nennt sich der Sport. Die Teilnehmer tragen keinen Kopfschutz, lediglich Kampfshorts mit einem Tiefschutz, einen Mundschutz und leichte Handschuhe, bei denen die Fingerspitzen frei sind.

Dem Sieger der Show winken ein Preisgeld von 50 000 Dollar (46 000 Euro), eine Harley Davidson und ein lukrativer Profivertrag bei der Ultimate Fighting Championship (UFC), dem weltweit größten Veranstalter der Wettkämpfe. Die Sportler leben während der Dreharbeiten in einer Villa zusammen und werden fast rund um die Uhr von Kameras überwacht. Die Sendungen werden laut UFC in 129 Ländern ausgestrahlt und erreichen rund 800 Millionen Haushalte. „Den Mixed Martial Arts ist in den vergangenen Jahren ein beispielloser Siegeszug in den USA und ­Japan gelungen“, sagt Kampfsportwissenschaftler Martin Meyer von der Uni Vechta. „Wer in der Liga der UFC spielt, kann sehr viel Geld verdienen. In den USA sind die Wettkämpfe inzwischen beliebter als Boxen.“

Sharma setzte sich unter 300 Bewerbern durch

Sascha Sharma setzt sich bei der 22. Auflage der TV-Show in Las Vegas unter 300 Bewerbern durch. „Ich war noch nie so stolz auf etwas in meinem Leben.“ Mixed Martial Arts ist für ihn die höchste Form, die mentalen und physischen Fähigkeiten von Sportlern zu vergleichen – und das in gleich mehreren Disziplinen. „Ich bereite mich auf einen Wettkampf wie auf einen Test vor. Es ist spannend zu erleben, wie man an den Aufgaben wächst und Erfolg hat.“ Der gebürtige Birkenfelder (Enzkreis) kommt in das Team von Conor McGregor. Der Ire ist in der Szene ein Superstar, der es vom Klempnerlehrling zum Profisportler in der UFC geschafft hat. Der Millionär ist selbstbewusst und pflegt sein Image als Großmaul. „Man liebt ihn oder hasst ihn“, sagt Sharmas Trainer Oliver Maier (43) .

Sharma erlebt es selbst, wie es ist, wenn McGregor ausflippt, Schweißflecken unter den Armen kriegt und vor Wut am liebsten in den Käfig springen würde. Bei seinem zweiten Kampf tritt der 1,80 Meter große und knapp 70 Kilogramm schwere Athlet trotz Schulterschmerzen an. Sharma verheimlicht sein Verletzung, zieht sich eine Kopfwunde zu und blutet. Doch das ist sein kleinstes Problem: Weil er nicht das macht, was ihm McGregor rät, hagelt es Kritik. „Ich hatte ­irrsinnige Schmerzen und konnte nicht das umsetzen, was ich wollte. Aufgeben kam für mich aber nicht infrage.“ Der mehrfache deutsche Meister im brasilianischen Jiu-Jitsu unterliegt – und besiegelt damit sein Aus. „Conor hat sich später bei mir entschuldigt. Das fand ich respektvoll.“

Wer die TV-Show in Deutschland sehen will, kann dies nur im Internet tun. Dort lief sie noch bis Januar. Im Fernsehen werden die Kämpfe nicht ausgestrahlt. Die Bayerische Landesanstalt für neue Medien verbot im März 2010 dem damaligen Sender DSF (heute Sport 1) die Übertragung. Die ­Medienschützer halten „die Massivität der gezeigten Gewalt für nicht akzeptabel“.

Der Sport ist höchst umstritten

Unterstützung bekamen die Medienschützer im Oktober 2010 vom damaligen Vorsitzenden der Sportministerkonferenz, Klaus Schlie (CDU): „Bei Ultimate Fighting wird eine Grenze überschritten, die immer ein Tabu war: Auch auf den, der am Boden liegt, wird noch eingeprügelt – und zwar vor einer johlenden Masse. So etwas gehört nicht in eine humanistische Gesellschaft.“

An der Einschätzung der Sportministerkonferenz hat sich bis heute nichts geändert. Christina Kampmann (SPD), die als Familienministerin von Nordrhein-Westfalen derzeit den Vorsitz hat, sagt: „Ich sehe mit großer Sorge, dass Mixed Martial Arts die gesellschaftlichen Vorstellungen von Fair Play missachtet und die Achtung des Gegenübers und Unverletzlichkeit der Person beschädigt.“ Der Deutsche Olympische Sportbund spricht von einer „Pervertierung der sportimmanenten Werte“. Deshalb könne die UFC-Version von Mixed Martial Arts (MMA) nicht als Sportart eingestuft werden.

Sascha Sharma sieht dies anders. „Der Kampfsport hat vor allem mit Respekt, Vertrauen und Selbstkontrolle zu tun“, sagt er. „Man legt dem Gegner sein Leben in die Hände, technisch gesehen kann der einen töten. Die Kunst des Sports besteht eben darin, dies nicht auszunutzen. Das heißt zum Beispiel, ich breche dem Gegner nicht den Arm, auch wenn ich dazu in der Lage bin, sondern setze auf Technik, um ihn zu besiegen.“

Zu den häufigsten Verletzungen zählen nach Angaben des Kampfsportwissenschaftlers Martin Meyer Gesichtsfrakturen, die fast 50 Prozent aller Verletzungen ­ausmachen, gefolgt von Blessuren an ­Händen, Nase und Augen. „Die K.-o.-Rate ist mit 45 Prozent geringer als im Boxen. ­Insgesamt ist das Risiko, an Demenz zu ­erkranken, im ­Boxen sehr viel höher als im MMA. “

Für Sharma ist es „der ehrlichste Sport, den ich kenne“

Den schlechten Ruf erklärt Swen Körner, Professor für Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln, damit, dass die Kämpfe eine sehr direkte Form von körperlicher Auseinandersetzung darbieten, die den gewohnten Standard überschreitet. „Die öffentliche Diskussion über MMA dreht sich um Frage: Wie viel Gewalt ist in Sport und Gesellschaft zulässig?“

Die 1993 erstmals in den USA in Denver ausgetragenen UFC-Kämpfe waren anfangs kaum reguliert, bei einem Turnier flogen schon mal Zähne ins Publikum. „Inzwischen verfügt die Kampfsportart über ein differenziertes Regelwerk und Gewichtsklassen“, sagt Körner. Kopfstöße und Tritte gegen einen am Boden liegenden Gegner sind verboten.

Was macht den Reiz dieses Sports aus? Für die Athleten sei es der Leistungsvergleich, sagt Körner. Die Zuschauer hingegen ­fasziniere der direkte Kampf Mann gegen Mann. „MMA war anfangs ein Vergleich der Kampfsportarten, mittlerweile hat sich MMA verselbstständigt und hat eigene Trainingsmethoden“, sagt Experte Meyer. „Jeder Kämpfer hat eine Sportart, aus der er ­ursprünglich kommt, und deshalb einen ­anderen Schwerpunkt, gerade das macht es interessant.“

Für Sascha Sharma ist es „der ehrlichste Sport, den ich kenne, jeder Fehler wird sofort bestraft“. Er hat sich bewusst für eine Sportlaufbahn entschieden – obwohl er erst mit 20 zum Kampfsport und vor vier Jahren zu Mixed Martial Arts kam. Auf den ersten Blick sieht er nicht aus wie einer, der Schläge austeilen kann. Sharma wirkt sehr höflich. Wenn er die Hand gibt, umschließt er die des anderen mit beiden Händen. Eine freund­liche, warme Geste. Er hat keine Tattoos wie viele seiner Kollegen, ist ruhig, spricht ­überlegt und lässt auch mal Pausen zu – und ­beobachtet sein Gegenüber aufmerksam. Als die Gesprächspartnerin für den Bruchteil einer Sekunde auf die Uhr schaut, sagt er sofort: „Ich weiß, wir haben wenig Zeit.“

Sein Vater ist Inder, seine Mutter Deutsche. Er wächst mit zwei Schwestern in ­Birkenfeld auf, studiert in Karlsruhe Germanistik und Soziologie. Danach setzt er noch ein Studium der Kommunikationswissenschaft in Greifswald obendrauf. Anschließend arbeitet Sharma als Journalist – und tut dies auch heute noch nebenher. Vom Kampfsport allein kann er nicht leben. „In Deutschland bekommt man wenig Anerkennung und Geld dafür.“ Deshalb gibt er neben dem ­eigenen Training in der Kampfsportschule in Fellbach selbst Stunden. Dort hat er auch ­seinen Trainer Oliver Maier kennengelernt, der das Kongs Gym betreibt.

„Ich ziehe jedes Jahr Resümee und überlege, wie es für mich weitergeht“, sagt Sharma. „Ich habe die Lust am Kampfsport noch lange nicht verloren.“ Dass er Kampfgeist hat, zeigt sein Lebensweg: Im Alter von elf erkrankte er am Guillain-Barré-Syndrom, einer Nervenkrankheit. Ursache war eine Angina, die sich auf die Nervenbahnen auswirkte. Er war ­wochenlang im Krankenhaus, saß im ­Rollstuhl und musste mühsam wieder laufen lernen. Ein Stehaufmann, damals wie heute.

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