Fleischermuseum als Lernort: Leiter Christian Baudisch organisiert mit den Stuttgarter Künstlerinnen Andrea Liebe und Uta Weyrich (links) einen Trickfilm-Workshop. Foto: Stefanie Schlecht

Das Deutsche Fleischermuseum in Böblingen ist ein Gewinner beim diesjährigen Lotto-Museumspreis. Vor einigen Jahren stand noch die Schließung im Raum.

Das Deutsche Fleischermuseum in Böblingen macht in diesen Tagen Schlagzeilen als Gewinner beim Lotto-Museumspreis. Wer sich in der lokalen Kulturszene auskennt, hat dabei unwillkürlich ein paar Redewendungen im Sinn: von Totgesagten, die am Ende länger leben, vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt oder – um es ganz nach Art des Museumsleiters Christian Baudisch mit schrägem Humor zu sagen – „ohne Fleisch, kein Preisch.“

 

Tatsächlich entbehrt es auch nicht einem gewissen Humor, dass ausgerechnet das Fleischermuseum einer der Gewinner beim diesjährigen Lotto-Museumspreis Baden-Württemberg ist. Schließlich ist es gerade mal elf Jahre her, dass die SPD-Fraktion im Böblinger Gemeinderat den Antrag gestellt hatte, das Museum aus Kostengründen zu schließen und das Gebäude zu verkaufen.

Hintergrund war damals der vom Kulturamt angestoßene „Kulturentwicklungsplan“ und die darauffolgende „Museumskonzeption“. Bei diesen Worten rollt noch heute so manches Gemeinderatsmitglied entnervt mit den Augen. Zäh wie ein zu kurz gebratenes Rindersteak zieht sich der Prozess nämlich schon seit 2009 dahin. Ein wiederkehrendes Streitthema war und ist dabei das Deutsche Fleischermuseum. Dieses in Deutschland einmalige Kulturhaus kombiniert eine angestaubt anmutende Handwerksausstellung mit experimenteller Kunst und Popkultur.

Bei dauerhaft schwächelnden Besucherzahlen hatte der promovierte Stuttgarter Kunsthistoriker und Germanist Christian Baudisch keinen einfachen Stand, als er im Jahr 2017 die Leitung des Fleischermuseums übernahm. Anzumerken war ihm diese Bürde aber nicht, eher im Gegenteil: Baudisch sprühte nur so vor Begeisterung, war voller Ideen und setzte auch schnell eigene Akzente, indem er Themen wie Fleischgenuss, Schlachthofskandale, ja sogar Veganismus in den Mittelpunkt rückte.

Das Thema Fleisch provoziert

Das vermeintlich provinzielle Fleischermuseum im alten Vogtshaus wurde schon bald zu einer Plattform für avantgardistische Kunst, provokante Präsentationen und skurrile Veranstaltungen wie etwa ein Psychedelic-Post-Punk-Konzert oder der multisensorische BöDöSo (Böblinger Döner-Sonntag). Christian Baudisch selbst prägte den selbstironischen Beinamen „schrägstes Haus der Stadt“, den er in jede seiner selbstverfassten und mit spleenigem Humor gespickten Pressemitteilungen einbaut.

Ein wenig „schräg“ empfanden es dann auch einige Beobachter, als Baudisch im Juli 2022 im Böblinger Gemeinderat eine Machbarkeitsstudie für eine zukünftige Museumskonzeption präsentierte, die er selbst mit verfasst hatte. Als Chef einer zuletzt heftig angezweifelten Kultureinrichtung nutzte Baudisch – witzig und wortgewandt – diese Steilvorlage. Er prophezeite dem Gremium eine goldene Zukunft für den „Lernort Deutsches Fleischermuseum 4.0“ und stellte zugleich Forderungen für eine personelle Aufstockung. Außerdem müsse das Vogthaus barrierefrei werden. Geschätzte Umbaukosten: rund 500 000 Euro.

Das Fleischermuseum setzt sich kritisch mit Themen rund um Fleischkonsum und Tierhaltung auseinander. Foto: Eibner-Pressefoto

Das Problem bleibt die Akzeptanz bei der Bevölkerung: Wenn bei einer Ausstellungseröffnung nur vier von 150 Besuchern aus Böblingen kommen, läuft tatsächlich etwas schräg. Vielleicht ist man in Böblingen aber auch einfach zu kritisch mit dem Fleischermuseum. Vielleicht geht es Baudisch, der mit seinen Aktionen Publikum aus Stuttgart und weit darüber hinaus anlockt, ja wirklich wie dem sprichwörtlichen Prophet im eigenen Land.

Jury lobt: Keine Berührungsängste zum Vegetarismus

Die Lotto-Museumspreis-Jury ist jedenfalls voll des Lobes, wie im Deutschen Fleischermuseum „einzigartig, humorvoll, auch kontrovers, aber immer auf der Höhe der Zeit – und ohne Berührungsängste zum Vegetarismus“ gearbeitet werde. „Zum Anspruch, ein modernes, gesellschaftsrelevantes, kulturwissenschaftliches Kunst- und Themenmuseum zu sein kommt hinzu, dass das Museum immer bilden und unterhalten will“, so die Jury weiter.

Im Böblinger Kulturamt sieht man das genauso. „Diese Auszeichnung für das Deutsche Fleischermuseum ist zugleich eine besondere Würdigung seines Leiters, Dr. Christian Baudisch“, meint der für die Leitung von Böblingens Museen zuständige Andreas Wolfer. Seit seinem Amtsantritt sei es Baudisch in herausragender Weise gelungen, das Museum zu revitalisieren und neu auszurichten. „Mit einer Fülle origineller und kreativer Ideen, spannenden Veranstaltungen und abwechslungsreichen Sonderausstellungen hat er das Haus mutig weiterentwickelt und aus seinem Dornröschenschlaf erweckt“, so Wolfer.

Deutsche Fleischermuseum

Handwerk
Das Fleischermuseum wurde im Jahr 1984 im alten Vogtshaus am Böblinger Marktplatz eröffnet. Initiator war Kurt Nagel, ein Ulmer Metzgersohn aus Sindelfingen. Seither ist Böblingen Standort einer Sammlung, die die Tradition des Fleischerhandwerks und seine Entwicklung zeigt.

Kunst
Als Nurdan Drignath 2000 die Museumsleitung übernahm, erweiterte sie das Ausstellungskonzept um Cartoons und Karikaturen und holte dafür große Namen wie Mordillo, Uli Stein, Janosch oder Helme Heine nach Böblingen. Ihr Nachfolger Christin Baudisch setzt auf gesellschaftskritische und teils experimentelle Kunst und legt den Schwerpunkt noch konsequenter auf Themen rund um Fleischkonsum und Tierhaltung.

Lotto-Museumspreis
Lotto Baden-Württemberg und Museumsverband Baden-Württemberg vergeben seit 2015 den Lotto-Museumspreis. Der mit 30 0000 Euro dotierte Hauptpreis geht in diesem Jahr an die Städtische Galerie Karlsruhe. Das Fleischermuseum bekommt den „eXtra-Preis“ in Höhe von 15 000 Euro. Die Preisverleihung ist am 15. November in Karlsruhe.