Voller Vorfreude auf das nächste Spiel in seinem Revier: der Torjäger Niclas Füllkrug, der schon auf das Achtelfinale in Dortmund blickt Foto: Baumann/Julia Rahn

Der 31-Jährige gibt bei der Heim-EM einmal mehr den Superjoker. Daran knüpft sich vor dem Achtelfinale eine Glaubensfrage über die klassische Neun an – aber nicht nur.

Auch Horst Hrubesch hatte bei einer EM seinen Moment. Wie Niclas Füllkrug zuletzt, und auch David Raum. Mit den Einwechselspielern ist jedenfalls der Eindruck entstanden, dass in der Gruppenbegegnung mit der Schweiz die besonderen, persönlichen Augenblicke beim Heimturnier fast schon inflationär auftraten. Jeder sprach hinterher darüber, und die beiden Joker der deutschen Nationalelf hatten natürlich das Recht, diese Sekunden des Ruhms für sich zu beanspruchen. Denn ohne Füllkrug und Raum wäre es nicht zum 1:1-Ausgleich in letzter Minute gekommen, der für das anhaltende Hoch auf dem Stimmungsbarometer verantwortlich zeichnet.

 

Hrubesch hat dieser Treffer sicher gefallen. Da muss man den mittlerweile 73-Jährigen erst gar nicht mehr fragen. Flanke-Kopfball-Tor – das ist sein Muster. Dafür plädiert der einstige Mittelstürmer immer noch. Natürlich, weil es der eigenen Biografie entspricht und er vor nun 44 Jahren seinen Höhepunkt in der Nationalmannschaft erlebte. Europameister 1980. Mit zwei Hrubesch-Toren im Finale gegen Belgien. Es war erst sein fünftes Länderspiel, und es waren seine zwei ersten Treffer im Nationaltrikot, die den Titelgewinn ermöglichten.

Die Spielidee mit Kai Havertz

Gespielt hat Hrubesch nur, weil sich Klaus Fischer zuvor verletzt hatte. Und erzählen kann er launig darüber, wie einfach der Fußball damals war. Heute ist alles deutlich akademischer, aber der Bundestrainer des Frauen-Nationalteams hat sich seinen Blick bewahrt. Für ihn braucht es vorne drin eine körperlich robuste Figur, die bei langen Pässen als Zielspieler dient, die den Ball festmacht und die im Strafraum höher springt als die Verteidiger.

Einen Spieler wie Füllkrug – eine echte Neun und keine falsche wie Kai Havertz. Die Offensivkraft des FC Arsenal kann ja vieles, Kopfbälle allerdings weniger. Dafür lässt sich mit ihm kombinieren, Tiefe finden und eine moderne Spielidee verfolgen. Hrubesch spricht sich jedoch für den klassischen Ansatz in der ewigen Glaubensfrage aus, die zwischen Trainergenerationen diskutiert wird. Jetzt dürfte sich der Veteran aus Hamburg einmal mehr bestätigt fühlen, nicht nur wegen der ähnlichen Kopfballstärke des alten und des aktuellen Mittelstürmers. „Niclas hat damals bei mir in der U 19 gespielt, als er noch in Bremen war. Er war schon damals kopfballstark und vor allem von sich und seiner Art überzeugt“, hat Hrubesch, der beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) lange als Nachwuchscoach gearbeitet hat, im Interview mit der Funke-Mediengruppe vor der EM erklärt.

Ausgebildet wurde beim DFB dennoch anders, sodass die Spezies Kopfballungeheuer lange vom Aussterben bedroht war. Gerettet hat eine Reihe von Fußballlehrern diesen Spielertyp nur, weil sie erkannt hat, ihn zumindest zeitweise zu benötigen. Meist gegen Ende eines blockierten Spiels, wenn Plan B wie Brechstange greifen soll. Jetzt wird in Deutschland nur noch über den Mangel an Mittelstürmern debattiert, doch zumindest gibt es Füllkrug. Mit dem 31-Jährigen verknüpft sich die konkrete Frage, ob er denn im Achtelfinale am Samstag nicht von Anfang an spielen müsste. Zumal dieses in Dortmund ausgetragen wird, dem Revier des Torjägers.

„Was gibt es Schöneres“, sagt Füllkrug voller Vorfreude. Ganz gleich, ob von Beginn an oder von der Bank aus. Mit seinem Rollenprofil in der Nationalmannschaft hat der Angreifer kein Problem. Wie schon während der WM 2022 in Katar, als es unter dem Bundestrainer Hansi Flick eine vergleichbare Situation gab. Doch noch nie hat Füllkrug auch nur eine Silbe darüber verloren, dass es an der Zeit wäre, beim Anpfiff auf dem Platz zu stehen. Selbst wenn er anmerkt: „Normalerweise werde ich im Verein ja nicht eingewechselt“ – und sein berühmtes Zahnlückenlächeln zeigt.

So argumentiert Julian Nagelsmann

Füllkrug weiß ja nicht nur mit Kopfbällen umzugehen, sondern ebenso mit Worten. Herrlich analytisch klingt es, wenn er beides verbindet. Wie wenn man an einem Symposium für Kopfballspezialisten teilnehmen würde und nicht in den Katakomben des Frankfurter Stadions stünde. Der Meister des Kopfballs doziert über sein Timing, er seziert die Szene vor dem Tor und setzt bei David Raums erster Ballberührung vor der Maßflanke an: „Dadurch kommt die Abwehrkette ins Fallen, die vorher noch ein, zwei Meter höher stand, und dann kann ich mich von meinem Gegenspieler absetzen . . . und schließlich mache ich es auch nicht so schlecht.“

Füllkrug macht es sogar so gut, dass er es zum erfolgreichsten Einwechselspieler der DFB-Geschichte bei Turnieren gebracht hat – mit vier Jokertoren bei EM und WM. Für Hrubesch und Millionen von weiteren gefühlten Bundestrainern ist allein diese Statistik ein Grund, den Mann mit der Rückennummer neun von Anfang an ins Getümmel zu werfen. Füllkrug steht für Tore, 13 in nur 19 Länderspieleinsätzen hat er erzielt.

Eine bessere Quote weisen unter DFB-Spielern mit mindestens 15 Länderspieleinsätzen nur die Weltmeisterlegenden Gerd Müller und Max Morlock aus. Nicht einmal Hrubesch hat da Vergleichbares zu erzählen. Ansprüche leitet Füllkrug aus seiner Position der Stärke jedoch nicht ab. Und für Julian Nagelsmann ist dessen Treffsicherheit nach Einwechslungen ein starkes Argument, um alles zu lassen, wie es ist. „Er hat seine Rolle sehr gut erfüllt“, sagt der Bundestrainer, „das ist für ihn Freud und Leid zugleich.“