Mit dem besonderen Blick für den Nebenmann: Nationalspieler Toni Kroos Foto: dpa/Christian Charisius

Der 34-Jährige bestimmt das Geschehen auf dem Platz wie kein anderer. So soll es auch im zweiten EM-Spiel der Nationalmannschaft in Stuttgart gegen Ungarn laufen. Eine Analyse.

Auch ein König kann mal den Halt verlieren. Denn so majestätisch Toni Kroos mit seinem Spiel auf dem Fußballplatz auftritt, so schnöde ist er im EM-Eröffnungsspiel ausgerutscht. Gleich zweimal flutschte ihm das linke Standbein weg, als der Techniker einen Ball auf die andere Spielfeldseite schickte. Am Material lag es jedoch nicht, wie Kroos aus dem Quartier der deutschen Nationalmannschaft im Podcast mit seinem Bruder Felix („Einfach mal Luppen“) erzählt hat. Der Mittelfeldspieler benutzt seit Jahren Kickstiefel ohne lange Stollen. Er mag es weicher unter den feinen Füßen. „Und die Pässe sind ja trotzdem angekommen“, sagt der 34-Jährige.

 

Seit einer gefühlten Ewigkeit vertraut Kroos auf das gleiche Modell an Fußballschuhen. In Weiß – „das ist ein Tick von mir und hat sich bewährt“, sagt der Mittelfeldspieler in Herzogenaurach. Er mag keine Veränderungen. Eine hohe Konstanz kennzeichnet auch sein Wirken auf dem Rasen. Oder wie es Luka Modric, sein langjähriger Partner bei Real Madrid, ausdrückt: „Das Spiel hat sich stark verändert, ist schneller und dynamischer geworden. Nur bei Toni sieht es immer gleich aus.“ Fast wie in Zeitlupe. Der kleine Kroate mit der Aura eines Großen sagt das voller Bewunderung.

Extratraining des Musterprofis

Kroos weiß das zu schätzen. Er hat jedoch an seinem Körper gearbeitet. Mehr Krafttraining, um in den Zweikämpfen besser zu bestehen. Das erfordert die defensivere Rolle, die er im Vergleich zu früher ausfüllt. „Schneller und dynamischer bin ich aber nicht geworden“, sagt der Musterprofi. Dennoch prägt er beim Heimturnier mit seiner Ruhe und Präzision am Ball das Spiel der Nationalelf wie kein anderer.

Das war eindrucksvoll zu EM-Beginn beim 5:1 gegen Schottland zu sehen, als er von 102 Pässen 101 an den gewünschten Adressaten brachte. Ganz gleich, ob kurz oder lang, diagonal, steil oder quer gespielt. Noch nie war ein Spieler seit der Datenerfassung in dieser Kategorie besser. Nur ein Pass in der 48. Minute kam nicht an. Ein Steilpass. Im Grunde unbedeutend und nun eine erwähnenswerte Ausnahme, weil diese Szene dokumentiert, wie nah Kroos an der Perfektion war, ohne daraus ein Spektakel zu machen.

Ähnlich soll es am Mittwoch (18 Uhr/ARD) gegen Ungarn in Stuttgart laufen. Julian Nagelsmann hat Kroos zurückgeholt und zum Fixpunkt bestimmt, um den die Offensivaktionen kreisen. Dabei übernimmt der Bundestrainer die Positionierung aus dem spanischen Edelclub. Sie vereinfacht vieles.

Natürlich, Kroos bildet den Mittelpunkt der Mannschaft, doch er bewegt sich nicht immer im Zentrum. Daten der Analysefirma Impect haben laut der „Süddeutschen Zeitung“ ergeben, dass der Routinier gerne aus seinem Revier herausläuft. Durchschnittlich 34-mal pro Partie erhält er das Spielgerät auf der Sechserposition. Am liebsten kippt Kroos dann nach links hinten ab, durchschnittlich 13-mal.

Dieses Freilaufverhalten verschafft Kroos Raum und Zeit. Dort ist er für den Gegner kaum zu greifen, weil er sich zwischen den Linien befindet. Ohnehin stellt es eine Herausforderung dar, denjenigen, der die Ballsicherheit zur Kunstform erhoben hat, zu pressen.

Der Großmeister des Überspielens

Kroos scheint mit einem Radar ausgestattet, der ihm die Gegner anzeigt und dadurch eine optimale Vororientierung ermöglicht. So weiß er meist schon, wohin die Kugel zu laufen hat, ehe er sie selbst am Fuß hat. Passt es nicht, lässt der Mann mit der Rückennummer acht das Bällchen schlicht prallen. Hin und her. Der sechsfache Champions-League-Sieger initiiert die vielen kleinen Pässe, um dieses eine Zuspiel vorzubereiten, das Abwehrreihen zerschneiden und zerlegen kann.

Wie vor dem 1:0 durch Florian Wirtz gegen Schottland. Kroos verlagerte das Geschehen auf die rechte Seite zu Joshua Kimmich – und nahm dabei mehrere Gegner aus dem Spiel. „Packing“, nennt sich das in der Fachsprache und meint, wie viele Akteure in anderen Farben überspielt werden. Kroos ist der Großmeister darin. In der abgelaufenen Saison brachte er es für Real vor dem Spanier Rodri von Manchester City auf den höchsten Wert in den europäischen Topligen: 99 pro Partie.

Voraussetzung hierfür sind zunächst einfache Pässe. Sie haben dem Weltmeister von 2014, da er das Tempo verschleppe, den Beinamen „Querpass-Toni“ eingebracht – von „Ahnungslosen“, wie Nagelsmann seinen Regisseur verteidigt hat. Und auch Ilkay Gündogan kann mit der damit verbundenen Geringschätzung nichts anfangen. „Ich spiele ja selbst oft so und weiß, wie schwer es ist, die einfachen Dinge des Fußballs so selbstverständlich aussehen zu lassen.“

Genau darauf kommt es aber an in Kroos’ Spiel, das seine Mitspieler in Szene setzt und ihn zum Ende seiner Karriere wieder im Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust glänzen lässt. Denn auf den Punkt sind die Pässe mit den weißen Schuhen. Sechsmal will Kroos die geliebten Treter noch anziehen, ehe er sie nach der EM an den Nagel hängt.