Sie braucht nicht nur Fingerspitzengefühl: Glasbläserin Annette Mauser. Foto: Roberto Bulgrin

Glück und Glas brechen nicht leicht, meinen zwei Glasbläser auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt. Denn die Arbeit mit Glas beschert ihnen Glücksmomente, sagen Annette Mauser und Sebastian Kletzander.

Seine Berufswahl war vorgezeichnet: „Das war Schicksal. Es musste einfach so kommen“, meint Sebastian Kletzander. Kurz vor dem Schulabschluss wollte er sich in der Arbeitsagentur über Ausbildungswege informieren, doch auf dem Schreibtisch seines Beraters lag ein Flyer der Glasfachschule in Zwiesel. Die Broschüre war erst an diesem Morgen hereingekommen, und Sebastian Kletzander wusste: „Das ist es.“ Und trotz aller Herausforderungen, die ein Exotenberuf mit sich bringen kann, erklärt er: „Ich habe es nie bereut.“ Das klingt glaubhaft, denn mit unendlicher Geduld und Hingabe bearbeitet der 33-Jährige an seinem Stand vor dem Gasthaus Reichsstadt auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt jedes einzelne Stück Glas.

 

Standkollegin Annette Mauser war eine seiner Mitschülerinnen: Auch sie hat die Schule in Zwiesel besucht. Mit 35 Jahren, erinnert sich die heute 52-Jährige, wollte sie eine Kehrtwende in ihrem Leben. Die in Schwäbisch Gmünd Geborene hatte eine umwelttechnische Ausbildung hinter sich, und die Pipetten, mit denen sie im Arbeitsalltag zu tun hatte, empfand sie als kleine Kunstwerke. Ein Mineralogie-Studium in Köln brachte auch nicht die gewünschte Erfüllung, darum ging sie auf die Glasfachschule: „Manche Lehrer waren jünger als ich“, meint sie. Aber auch, dass sie als versierte Naturwissenschaftlerin ihre jüngeren Mitschüler durch Fächer wie Mathematik, Physik oder Chemie gebracht hat. Nicht durch Abschreiben, stellt sie sofort klar, sondern durch Nachhilfe.

Mit eisernen Nerven

Für ihre gläserne Tätigkeit brauchen beide eiserne Nerven. Anfangs gehe vieles kaputt, und noch heute gelingt nicht alles so wie gewünscht. Sebastian Kletzander zeigt auf eine Wunde an seinem Finger: Da ist noch ein Glassplitter aus seinen Anfangszeiten drin, den er deutlich spürt, den er aber auch nicht entfernen lassen möchte. Er braucht seine Hände. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der freien Wirtschaft hat er sich selbstständig gemacht. Gerade als seine Schmuckstücke zu Rennern wurden und das aufgebaute Netzwerk finanziell zu tragen begann, kam Corona, und alles brach zusammen. Er verdingte sich als Hausmeister, kaufte sich ein altes Fachwerkhaus im Nordschwarzwald mit viel Bedarf an Eigenleistungen, doch der geliebte Beruf fehlte ihm: „Hier auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt starte ich einen Neuanfang als Glasbläser.“ Verlernt hat Sebastian Kletzander nichts. Er kann es noch.

Annette Mauser kann’s auch. Und sie hat einen Motivationscoach: Ein Bild von Mischlingshund Shanty liegt neben ihrem Werkzeug. Ihr vierbeiniger Liebling ist zu Hause im fränkischen Forchheim geblieben. Onkel Karl-Heinz geht mit ihm Gassi. Der Onkel nimmt durch die Bewegung ab, doch der Hund wird so verwöhnt, dass er zunimmt. Die Gewichtsfrage, sagt sie, klärt sie, wenn sie wieder zu Hause ist. Früher war sie ständig auf Märkten unterwegs. Doch so langsam wolle sie sesshaft werden und mehr zu Hause bleiben. Früher hat sie zu Marktzeiten auch im Camper übernachtet, nun mit Ü 50 dürfen es aber schon ein bisschen mehr Luxus und eine Ferienwohnung sein. Doch noch einmal setzt sie auf das turbulente Nomadenleben. Im neuen Jahr geht es für drei Monate mit dem Camper los nach Spanien.

Halb volle Gläser

Doch die spanische Sonne scheint erst in der Zukunft. Nun steckt sie alle Energie in den geliebten Job. Für sie als Optimistin ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer. Nach der Auszeit in Spanien, sagt sie, wird es irgendwie weitergehen. Während der Coronajahre hat sie als Betreuerin für autistische Kinder gearbeitet – auch das kann sie sich in Teilzeit wieder vorstellen. Neben der Glasbläserei.