Ein 60-Jähriger kämpft schon lange gegen überschüssige Pfunde. Sein Arzt in Marbach (Kreis Ludwigsburg) hat ihm nun ein Präparat verschrieben, das den Durchbruch zu bringen scheint.
Peter Möller heißt gar nicht Peter Möller. Seinen echten Namen möchte er aber lieber nicht in der Zeitung lesen. Dazu greift seine Geschichte zu stark in die Privatsphäre ein. Es geht um Krankheiten und darum, wie es ist, wenn man sich in der eigenen Haut nicht mehr wohlfühlt und mit seinem Spiegelbild hadert – weil man sein Gewicht partout nicht mehr in den Griff bekommt. Möller will seine Geschichte trotzdem erzählen, weil er wohl endlich einen Weg aus dem Dilemma gefunden hat, den er anderen mit ähnlichen Erfahrungen wärmstens ans Herz legen kann.
Der 60-Jährige ist das, was man gemeinhin als Genussmenschen bezeichnen würde. „Ich esse für mein Leben gerne und trinke gerne ein Glas Wein“, sagt der Ingenieur mit einem Schmunzeln. Lange Zeit waren diese kleinen Laster kein Problem. Möller brachte mit seinen 1,80 Meter zwischen 90 und maximal 100 Kilo auf die Waage. Alles also halbwegs im Rahmen. „Doch mit dem Alter hat sich die Tendenz zu einem höheren Gewicht bei mir intensiviert“, sagt er.
Dazu gesellten sich immer mehr Leiden, die seine Lebensqualität einschränkten. Möller muss zum einen Pillen gegen seinen hohen Blutdruck schlucken. Beim Schlafen setzt zum anderen manchmal sein Atem aus. Er trägt deshalb eine Maske, wenn er zu Bett geht. Darüber hinaus plagt ihn sein Dickdarm. Entzündungsepisoden jagen Schmerzen in seinen Unterbauch. „Früher hatte ich im Schnitt alle zwei Jahre einen Schub, über die Jahre wurden die Intervalle aber immer kürzer“, sagt er. „Und alle drei Erkrankungen, die ich habe, treten in ihrer Häufigkeit proportional zum Gewicht auf“, betont er.
In der Vergangenheit konnte Möller stets gegensteuern. Wenn sein Gewicht aus dem Ruder zu laufen drohte und die 100-Kilo-Marke überschritt, streute er eine Diät auf Low-Carb-Basis ein und reduzierte die Zufuhr von Kohlenhydraten. „Aber das hat in den vergangenen Jahren einfach nicht mehr funktioniert“, sagt er. Die üblichen Radtouren, bei denen er auch topografisch anspruchsvolles Terrain nicht scheut, sowie Bergwanderungen und Spaziergänge in der Mittagspause fruchteten ebenfalls nicht. Möller brachte im Dezember 2024 mehr als 120 Kilo auf die Waage. Die Wende zum Besseren läutete ein Besuch bei seinem Marbacher Hausarzt David Strodtbeck ein.
Dort war Möller im vergangenen Jahr wegen seiner ganzen körperlichen Baustellen, zu denen sich zu allem Überfluss noch eine Gürtelrose gesellt hatte, mehrfach vorstellig geworden. Wegen Dauerstress im Job klopfte sogar ein Burnout an die Tür. „Sie müssen auch mal abnehmen, dann wird das alles besser“, habe Strodtbeck ihm bei einem der vielen Besuche in der Praxis geraten – und eher beiläufig die Möglichkeit einer Abnehmspritze ins Spiel gebracht, mit der der Mediziner bei anderen Patienten gute Erfahrungen gemacht habe. Möller wurde hellhörig und startete die Therapie mit dem Präparat Mounjaro.
Er macht keinen Hehl daraus, dass die Behandlung recht kostspielig ist. Für die erste Marge à vier Einheiten würden circa 270 Euro fällig. Mit der notwendigen steigenden Konzentration klettere der Preis über 380 bis auf 460 Euro im Monat. Rund 100 Euro müsse man also ganz grob pro Woche und Piks in die Hand nehmen. „Mir ist klar, dass sich das nicht jeder leisten kann und die Therapie insgesamt ein Luxus bleiben wird“, sagt Möller. Er verhandle mit seiner Krankenkasse, ob die die Kosten oder zumindest einen Teil davon übernimmt. Unabhängig vom Ergebnis will er aber auf die Spritzen nicht mehr verzichten. „Ich kann das jedem empfehlen. Meine Lebensqualität hat sich verbessert“, betont er. „Außerdem gebe ich jetzt weniger Geld für Essen aus“, fügt er schmunzelnd hinzu.
„Ich bin mit 122 Kilo gestartet“, berichtet Möller. Pro Woche setze er sich seit ungefähr zweieinhalb Monaten eine Injektion ins Gewebe am Bauch. „Das ist nur ein kleiner Piks“, beteuert er. Zuletzt habe die Waage 109,5 Kilo angezeigt. Er habe dank der Spritze schlicht weniger Appetit, müsse sich also nicht großartig einbremsen. „Ich bin glücklich, dass ich das probiert habe, komme mit dem Rad jetzt wieder besser die Berge hoch“, resümiert der Ingenieur. Außerdem hofft er, dass sich seine anderen Krankheitsbilder abschwächen, er vielleicht perspektivisch zum Beispiel seinen hohen Blutdruck auch ohne Pillen senken kann. Überdies möchte er das Risiko minimieren, an Diabetes zu erkranken.
Die Nebenwirkungen sind bei ihm überschaubar. „Ich habe nach der Injektion ein Spannungsgefühl im Bauch. Außerdem gibt es eine Neigung zur Verstopfung. Nach zwei bis drei Tagen ist das aber weg“, sagt Möller. Am Anfang der Behandlung nehme man etwas stärker ab, dann flache die Kurve ab. Und ja: Setze man das Medikament ab, könne es zu einem Jo-Jo-Effekt kommen. Möller hat aber auch gar nicht vor, auf den wöchentlichen Piks zu verzichten. „Ich fühle mich so wohler. Es macht einen Heidenspaß, wieder die Klamotten aus dem Schrank zu holen, die nicht mehr gepasst haben. Man bewegt sich leichter. Und ich schaue wieder lieber in den Spiegel“, sagt er.
Weniger Appetit
Hemmer
Die Wirkstoffe in den Abnehmspritzen reduzieren laut AOK den Appetit und verstärken das Sättigungsgefühl. Dies werde vorrangig durch eine erhöhte glukoseabhängige Insulinfreisetzung sowie eine verzögerte Magenentleerung erreicht. Zudem werde im Bereich des Hypothalamus und des Hirnstamms das Hungergefühl weiter gehemmt.
Ursprung
Die Mittel wurden ursprünglich für Diabetes-Patienten entwickelt. Inzwischen können sie aber auch gegen Übergewicht verschrieben werden. Fachleute betonen jedoch, dass die Spritzen kein Allheilmittel sind, sondern auch der Lebensstil und die Ernährung angepasst werden sollten.