Beim Mittagstisch im evangelischen Gemeindehaus plaudern die Senioren mit ihrem neuen Gast aus dem Iran und verbessern dabei gleich ihre Englischkenntnisse. Foto: Wazulin

Das hätten sie nicht gedacht: Plötzlich steht ein Flüchtling am Mittagstisch der evangelischen Gemeinde und will Kontakte knüpfen. Essen verbindet, auch in Degerloch. Ein Besuch zur Mittagsstund’.

Degerloch - Kurz vor 12 Uhr haben sich schon fast alle am großen Tisch zusammengefunden, denn wie jeden Mittwoch trifft man sich hier im evangelischen Gemeindehaus in Degerloch zum Mittagstisch. Hier wird nicht nur gemeinsam gegessen, sondern auch geplaudert – über das Gemeindeleben, den Gottesdienst und hin und wieder über das eigene Leben. Seit einiger Zeit aber bringt ein neues Gesicht frischen Wind an den Tisch: das von Hossein Farkanfmehr.

Unangemeldet aufgetaucht

Etwas fehl am Platz wirkt der Perser schon, als er sich zwischen das Rentnerehepaar von Holst an den Tisch setzt. „Hossein ist vor ein paar Wochen einfach hier aufgetaucht, ohne sich anzumelden“, stellt Marianne Fichtner den neuen Gast vor. Die ehemalige Kirchengemeinderätin organisiert den Mittagstisch seit 24 Jahren, aber so etwas ist der 77-Jährigen noch nie passiert. Denn wer hier einmal in der Woche essen möchte, der muss sich spätestens einen Tag vorher bei der Kirchenpflege anmelden. So lautet die Regel.

Während Fichtner erklärt, servieren zwei Helferinnen die Vorspeise: cremige Gemüsesuppe. Die Gelegenheit nutzt Farkanfmehr, um lächelnd seine guten Tischmanieren zu zeigen: „Guten Appetit“, wünscht er leise seinen Sitznachbarn, die sich über so viel Höflichkeit sichtlich freuen. Aber was hat den Neuankömmling aus dem Iran ausgerechnet an den Mittagstisch der evangelischen Gemeinde verschlagen? „Hossein ist Christ“, beginnt sein Sitznachbar Dieter von Holst dessen Geschichte zu erzählen. Für seinen neuen Glauben habe er alles aufgegeben: Noch im Iran sei er zum Christentum konvertiert, woraufhin ihn seine muslimische Ehefrau samt der beiden Kinder verlassen habe. Es seien sogar Morddrohungen gekommen – Farkanfmehr floh. Seit April wohnt er in den Containerbauten in Degerloch. Kaum dort angekommen, hatte es ihn in die Kirche gezogen. „Ich habe ihm nach dem Gottesdienst einfach den Flyer für unseren Mittagstisch in die Hand gedrückt“, erinnert sich von Holst.

„Senioren-Essen“ schrecke viele ab

Ins Leben gerufen wurde der Mittagstisch im Jahr 1984; seit 1992 organisiert Marianne Fichtner das gemeinsame Essen. „Früher sind mehr als 40 Leute gekommen, heute bleiben die meisten daheim, es gibt ja Fertigessen, das geliefert wird“, erklärt Fichtner. Den Mittagstisch hat sie „Essen in der Gemeinschaft“ genannt, denn der Name „Senioren-Essen“ schrecke viele ab. Dabei ist das wöchentliche Speisen neben dem christlichen Beisammensein auch für sie selbst eine Entlastung: „Ich muss dann nicht für mich und meinen Mann kochen, sondern werde bedient“, gesteht sie mit einem breiten Grinsen und erntet nickende Zustimmung von den Damen am Tisch. Einfluss auf die Wahl der Speisen hat Fichtner aber nicht: Die werden vom Lothar-Christmann-Haus in Hoffeld geliefert.

Mittlerweile ist die Tischgesellschaft beim Hauptgang angekommen: saftiges Putengulasch mit Kohlrabi und Reis. Die zwölf Gemeindemitglieder versuchen sich auf Deutsch, aber auch auf Englisch und Farsi mit dem Neuankömmling zu unterhalten, allen voran Dieter von Holst. Nach vier Jahren Kriegsgefangenschaft in England während des zweiten Weltkrieges fällt es dem 90-Jährigen nicht schwer, Englisch zu sprechen.

Für den gebürtigen Estländer sind Integration und Nächstenliebe nicht nur christliche Werte, sondern gelebter Alltag: Für eine internationale Bewegung für Völkerversöhnung bereiste er 20 Jahre lang die Welt. Mit seiner Frau Lore ist er in Stuttgart sesshaft geworden; seit sieben Jahren zählen das Ehepaar und ihr 93-jähriger Mitbewohner Reinhard Fulda beim Mittagstisch zur Stammkundschaft. „Wir haben Hossein schon öfter zu uns nach Hause eingeladen. Gemeinsames Essen verbindet, egal woher man kommt“, sagt von Holst.

Es gibt noch eine besondere Überraschung

Ob daheim oder beim Mittagstisch – nach jedem Essen muss auch wieder abgespült werden. Eine Aufgabe, die vielen der Gemeindemitglieder mit der Zeit immer schwerer fällt. Auch deshalb freuen sie sich auf das wöchentliche Mittagessen: Immer zwei der insgesamt sechs ehrenamtlichen Helferinnen übernehmen im Wechsel das Tischdecken, Servieren und Abspülen für die Gäste. An diesem Tag gibt es dazu noch eine besondere Überraschung: den 85. Geburtstag von Melitta Dehm. Kunstvoll haben die beiden Helferinnen einen Blumenkranz um ihren Teller gelegt und eine Geburtstagskarte daraufgestellt. „Alles Gute“, wünscht auch Hossein Farkanfmehr mit einem Lächeln zum Abschied. „Merci, äh ich meine natürlich: sänks you“, gibt das Geburtstagskind verzückt zurück.

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