Erwin Staudt strebt zwar kein Amt mehr an, doch der Ehrenpräsident des VfB Stuttgart könnte nach der Mitgliederversammlung wieder gefragt sein. Foto: dpa/Marijan Murat

Claus Vogt könnte am Sonntag als Vereinschef abgewählt werden. Dann bräuchte es eine Interimslösung. Und dabei könnte der Ehrenpräsident des Fußball-Bundesligisten eine Schlüsselrolle einnehmen – aber nicht nur er.

Die Sehnsucht nach Ruhe ist groß. Denn seit Jahren wird der VfB Stuttgart immer wieder von vereinspolitischen Turbulenzen erfasst, die den Fußball-Bundesligisten vor ständige Zerreißproben stellen. Auf der einen Seite steht diesmal der Präsident Claus Vogt nach dem Machtkampf um den Vorsitz im Aufsichtsrat der VfB AG mittlerweile im Club isoliert da. Auf der anderen Seite positionieren sich die organisierte Fanszene und eine Reihe von Vogt-Kritikern. Sie haben auf der Mitgliederversammlung an diesem Sonntag (11 Uhr) Vogts Abwahl beantragt.

 

Der Ausgang ist ungewiss – und genau deshalb befasst sich der Vereinsbeirat als Herr des Verfahrens mit den unterschiedlichen Szenarien und Konstellationen, da es ja auch Abwahlanträge gegen den Vizepräsidenten Rainer Adrion gibt. Zudem steht eine Nachwahl an, nachdem das Präsidiumsmitglied Christian Riethmüller im vergangenen April zurückgetreten war. Andreas Grupp und Bertram Sugg kandidieren für dessen Nachfolge. Nominiert vom Vereinsbeirat, der in dem Fall auch wieder der Königsmacher wäre, sollten sich mehr als 75 Prozent der abstimmenden Mitglieder gegen Vogt aussprechen.

Der Vereinsbeirat steht in der Verantwortung

Das ist der zentrale Punkt in der Porsche-Arena und theoretisch stellt sich die satzungsgemäße Sachlage nach einer Abwahl klar dar: Der Vereinsbeirat setzt einen Interimspräsidenten ein, entweder aus dem eigenen Gremium oder von außerhalb, um die Geschäftsfähigkeit des Präsidiums zu erhalten. Praktisch verhält sich die Angelegenheit komplexer, da eine geeignete und gewillte Person zunächst gefunden werden müsste.

Im Vorfeld der Mitgliederversammlung tauchen dabei zwei Namen auf: Marc Nicolai Schlecht aus dem Vereinsbeirat und Erwin Staudt, der Ehrenpräsident. Um sie kreisen offenbar viele Gedanken – auch im Vereinsbeirat? „Wir haben im Vereinsbeirat bisher keinen einzigen Namen diskutiert – weder interne noch externe. Wir sind darüber eingekommen, dass wir erst in die Diskussion einsteigen würden, wenn der entsprechende Fall eingetreten wäre. Ein anderes Vorgehen halten wir nicht für angemessen“, sagt Rainer Weninger, der Vorsitzende des Gremiums.

Erst sollen also Fakten geschaffen werden, ehe es in die konkreten Überlegungen und Gespräche geht. Hinter den Kulissen dürfte aber schon einiges laufen und dem VfB droht bei einer Abwahl Vogts nicht die große Leere. Auf Anfrage möchte sich Staudt jedoch nicht äußern, aus Respekt vor Vogt und den Mitgliedern. Nach Informationen unserer Redaktion würde der frühere Vereinschef seinen Herzensclub in einer Notlage jedoch nicht hängen lassen. Selbst wenn die Lebensplanung des ehemaligen Topmanagers aus der Wirtschaft kein Amt mehr vorsieht.

76 Jahre ist Staudt mittlerweile alt und noch gut bei Gesundheit. Gerade ihm trauen es viele Mitglieder zu, den Verein in einer Übergangszeit von mehreren Monaten befrieden zu können. Die Altersgrenze für die Nominierung von Präsidiumsmitgliedern („darf aber noch nicht das fünfundsiebzigste Lebensjahr vollendet haben“/Paragraf 16 der Satzung) müsste dabei kein Hindernis darstellen, da es bei Interimslösungen keine Satzungsvorgaben gibt. Aber: „Wir werden uns nicht von Spekulationen treiben lassen und werden aktuell auch mit niemandem in Kontakt treten“, sagt Weninger.

Auch über Marc Nicolai Schlecht wird spekuliert

Zuletzt hatte sich der Vereinsbeirat in Umbesetzungsfällen aus freien Stücken an die Voraussetzungen für die Kandidatenbewerbung gehalten. 2019 wechselte Hans H. Pfeifer nach dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Dietrich vom Vereinsbeirat in das Präsidium, um mit Bernd Gaiser die Geschäfte zu führen. 2021 wurde Adrion, der bis dahin lediglich im Aufsichtsrat der VfB AG saß, interimsweise in das Präsidium entsandt. Ein halbes Jahr später wurde Adrion gewählt.

Nun könnte Schlecht unversehens in eine wichtige Rolle schlüpfen. „Dass auch mein Name in diesem Zusammenhang offenbar Teil von externen Spekulationen ist, nehme ich zur Kenntnis. Ich kann hierzu aber auch nur darauf verweisen, dass auch das nicht innerhalb des Vereins thematisiert worden ist“, sagt das Vereinsbeiratsmitglied auf Anfrage und führt seine Haltung aus: „Wir haben in Claus Vogt und Rainer Adrion ein amtierendes und gewähltes Präsidium. Es wäre kein Zeichen von Respekt und Seriosität, wenn der Vereinsbeirat Alternativen thematisieren würde. Sollte auf der Mitgliederversammlung am Sonntag jedoch eine Situation eintreten, die dies erfordern würde, wird der Vereinsbeirat seinen satzungsgemäßen Aufgaben und Pflichten zügig und gewissenhaft im Sinne des VfB nachkommen.“

Wichtig ist dem Mediziner in seiner VfB-Funktion jedoch ebenso: „Sollte sich herausstellen, dass ich in das Anforderungsprofil einer interimistischen Lösung passe und diese Lösung innerhalb des Gremiums mehrheitsfähig wäre, wäre ich gesprächsbereit und würde es auch als meine Pflicht gegenüber dem Verein ansehen. Allerdings stellt sich diese Frage aktuell nicht.“

Dennoch gibt es rund um die Mitgliederversammlung genug Fragezeichen. Zumal sich gegebenenfalls mit der Einführung eines Wahlausschusses die Situation grundlegend ändern könnte. Denn dann wäre künftig eventuell nicht mehr der Vereinsbeirat für die Kandidatenauswahl zuständig, sondern das neu installierte Gremium. Aufgrund von Vorankündigungsfristen könnte, falls nötig, die nächste (außerordentliche) Mitgliederversammlung frühestens im Dezember stattfinden. Ob das organisatorisch umsetzbar wäre, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Doch vorerst hält der Vereinsbeirat das Heft des Handelns in der Hand – mit einem klaren Plan. „Wir haben vereinbart, dass jedes Vereinsbeiratsmitglied sich seine Gedanken zu den möglichen Szenarien macht, falls ein oder gar beide Präsidiumsmitglieder abgewählt werden sollten. Aber wir würden uns erst ab dem 29. Juli darüber austauschen, dann mit der Zielsetzung innerhalb von einer Woche eine Lösung zu präsentieren“, sagt Weninger. Die Namen Staudt und Schlecht dürften ab nächsten Montag dann sicher diskutiert werden, sollte Vogt nicht mehr VfB-Präsident sein.