Ein Schild signalisiert: Hier will jemand mitfahren. Foto: factum/Jürgen Bach

Seit einem Jahr stehen in Rohrau und Gärtringen Mitfahrbänke. Wer dort sitzt, will von einem Auto mitgenommen werden. Wir haben ausprobiert, wie gut das funktioniert.

Rohrau/Gärtringen - Ein Auto nach dem anderen fährt vorbei, keines hält. Etwa zehn Minuten sitze ich nun unter herrlichem Herbsthimmel auf der Mitfahrbank am Ortseingang von Rohrau. Seit einem Jahr steht hier die Parkbank samt ausgewiesenem Blechschild; das Angebot soll das Mobilitätskonzept zwischen dem Dorf Rohrau und der Kleinstadt Gärtringen erweitern. Die Idee ist einfach, eine Art Trampen ohne Daumen: Man setzt sich auf die Bank, signalisiert Autofahrern, dass man mitgenommen werden will, und wartet. Die Daumen hat man frei, um auf dem Handy mit Freunden zu chatten. Aber hält die Mitfahrbank, was das Konzept verspricht?

Das Auto Nummer elf hält an und lässt mich einsteigen. Ein junger Mann in einem Caddy. Paul Elischer hat ein freundliches Gesicht und fährt nach Gärtringen, um seine Schwester von der Schule abzuholen. Erst vor wenigen Wochen hat der 18-Jährige seinen Führerschein gemacht und musste vorher mit dem Fahrrad, manchmal zu Fuß, die 2,5 Kilometer zwischen den Ortschaften zurücklegen. „Ich fühle mit jedem mit, der mitgenommen werden will“, sagt er lächelnd. Er schaue immer wieder vorbei, ob jemand auf der Bank sitze. Bislang sei ich aber der Erste.

Eine Seminararbeit über die Mitfahrbank

Etwa drei Minuten dauert die Fahrt, am Ortseingang von Gärtringen lässt er mich aussteigen. Von hier ist es ein Steinwurf zur S-Bahn. 1,40 Euro hätte die Fahrt mit dem Bus gekostet, der etwa alle zwei Stunden verkehrt.

„Wir wollen das Angebot ausbauen“, sagt Rohraus Ortsvorsteher Torsten Widmann. Die Mitfahrbank werde sehr gut angenommen, das berichte ihm nahezu ­jede Person, mit der er sich darüber unterhalte. Wie viele Leute die Bank nutzen, weiß er aber nicht. Deshalb will Widmann die Wissenschaft darauf blicken und im nächsten Jahr vielleicht mal eine Seminararbeit an der Uni darüber verfassen lassen.

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In seinen Augen ist es vor allem ein niederschwelliges Angebot und eine Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr, aber keine Lösung für das Mobilitätsproblem schlechthin. „Die Busse sind nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen“, glaubt er. Um eine Person nach dem Einkauf kurz von A nach B zu bringen, sei es für eine Stadt unwirtschaftlich, wenn leere Busse durch Ortschaften fahren. Hinzu komme, dass auch in Rohrau immer mehr Menschen überlegten, ob sie nicht auf das Auto verzichten könnten. „Ganz ehrlich: Ein Dorf voller Autos sieht wirklich nicht schön aus“, sagt Widmann.

Es dauert keine fünf Minuten, bis jemand kommt

Schon mehrmals hätte er jemanden von der Mitfahrbank eingesammelt, sei schon einige Male selbst mitgefahren. „Im Schnitt dauert es keine fünf Minuten, bis jemand kommt.“ Tatsächlich dauert es für mich von Gärtringen nach Rohrau keine drei Minuten, bis ein Auto anhält. Ein ­älteres Paar signalisiert, dass es mich mitnehmen würde, und öffnet die Tür. Katharina und Wolfgang Heubach erzählen von ihren Hunden, die sie hatten, und dem Gasauto, das sie fahren. Von Jugendlichen, die am Wochenende nach Stuttgart trampen, und Menschen im Dorf, die keinen Führerschein besitzen. „Die Bank ist auch gut, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und um die Zusammengehörigkeit zu stärken“, sagt Katharina Heubach.

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