Rettungsdienst und Krankentransport leiden unter Personalmangel. Auch in Stuttgart sucht das DRK zusätzliche Mitarbeiter. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Landesweit fehlen dem Rettungsdienst rund 400 Mitarbeiter. In Göppingen setzt man jetzt Prämien für neue Kollegen aus. In Stuttgart bleiben Fahrzeuge unbesetzt, obwohl offiziell alle Planstellen belegt sind. Unter den Beschäftigten herrscht Unruhe.

Stuttgart - Aus den Worten der Stuttgarter Rettungsdienstmitarbeiter spricht der pure Frust. „Wir arbeiten gerne in unserem Beruf, aber wir wissen uns nicht mehr zu helfen“, sagt einer. Er spricht von „Hunderten Überstunden“ und „miesem Betriebsklima“. Kollegen bestätigen das. „Es knirscht an allen Ecken und Enden – und es bleiben immer häufiger Autos einfach stehen, weil niemand da ist, der sie fahren kann“, sagt ein anderer. Beide arbeiten beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), das in Stuttgart wie im Land den Großteil des Rettungsdienstes übernimmt.

Aus Dienstplänen, die unserer Zeitung vorliegen, geht hervor, wie viele Schichten angesichts fehlenden Personals zuletzt ausgefallen sind. Im Oktober sind es über 50 Dienste gewesen. Das heißt: Gut 400 Stunden waren Rettungswagen nicht wie vorgesehen besetzt. In der ersten Novemberhälfte summieren sich die Ausfälle bereits auf 465 Stunden. Angesichts dieser Werte erscheint fraglich, ob zusätzliche Rettungswagen, die die Stadt zur besseren Versorgung der Bevölkerung durchgesetzt hat, überhaupt ihren Zweck erfüllen können.

Der Kampf um Mitarbeiter ist voll entbrannt

„Wenn man eine Vorhalteerweiterung beschließt, muss man auch erst einmal das Personal dafür finden“, sagt der Stuttgarter DRK-Rettungsdienstleiter Ralph Schuster. Er betont, dass derzeit alle Planstellen besetzt seien – im Gegensatz zu vielen anderen Kreisverbänden. Allerdings sind bereits die nächsten zwölf Stellen ausgeschrieben. Die Zahl der Einsätze steigt bundesweit, wegen der längeren Ausbildung zum neuen Notfallsanitäter fällt ein kompletter Jahrgang weg. Der Kampf um Mitarbeiter ist längst voll entbrannt. „Wir bilden so viel aus wie möglich“, sagt Schuster, der für die aktuellen Lücken zwei andere Gründe sieht: Zum einen viele kranke Kollegen, zum anderen die Umstellung vom Zwei- auf den Drei-Schicht-Betrieb Anfang Oktober. „Das ist eine große Sache, für die wir wieder zusätzliches Personal finden mussten. Wir versuchen zu kompensieren, was geht.“

Mitarbeiter kontern, Ausfälle habe es auch vor der Umstellung schon zu viele gegeben. Die auffällige Krankheitswelle lasse sich ein Stück weit auch durch die Überlastung erklären. Lücken ließen sich kaum noch schließen. „Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt einer.

Allerdings steht man in Stuttgart durch den landes- und bundesweiten Personalmangel und Arbeitsdruck nicht allein mit dem Problem da. Anderswo sind die Lücken bereits viel größer. Der DRK-Kreisverband Göppingen etwa hat jetzt in einer Fachzeitschrift eine ganzseitige Anzeige geschaltet. Darin verspricht man neuen Rettungsdienstmitarbeitern eine „attraktive Gehaltseinstufung“, Umzugshilfe und eine Antrittsprämie in Höhe von 1000 Euro. Laut DRK-Stellenportal sucht man in Göppingen derzeit 14 Leute. Beim Kreisverband Böblingen sind es 20, in Ludwigsburg zehn. Häufige Schichtausfälle werden mittlerweile von überallher gemeldet.

Organisationen wollen Abwerbungen verhindern

Von Prämien wie in Göppingen halten viele Beteiligte allerdings wenig. „Das Gesamtsystem hat derzeit einfach zu wenige Mitarbeiter. Es nützt dem Rettungsdienst im Land nichts, wenn die Leute von einem Anbieter zum anderen wechseln“, sagt Daniel Groß. Der stellvertretende Landesgeschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bunds betont, man bezahle deshalb keine Wechselprämie. Allerdings bekommen die eigenen Mitarbeiter eine Belohnung, wenn sie neue Kollegen werben.

Auch beim DRK-Landesverband Baden-Württemberg hält man nichts von Abwerbeprämien. „Wir haben uns mit den anderen Hilfsorganisationen abgesprochen, uns nicht gegenseitig die Leute abspenstig zu machen. Wir wollen uns lieber Nachbarschaftshilfe leisten“, sagt Landesgeschäftsführer Hans Heinz.

Schnell wird sich die Lücke nicht schließen lassen. Erst wenn in einigen Jahren die neuen Notfallsanitäter auf den Markt kommen, dürfte sich die Lage etwas entspannen. „Bis dahin muss man an allen Stellschrauben drehen“, sagt Heinz. Dazu gehören etwa Kooperationen oder eine Reduzierung von Fehleinsätzen. Das teils frustrierte Personal dürfte über die mittelfristigen Aussichten alles andere als begeistert sein.

Vor allem das DRK braucht Leute

großen Hilfsorganisationen derzeit rund 5800 Menschen im Rettungsdienstbereich. Etwa 80 Prozent aller Einsätze landesweit werden vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) abgewickelt. Insgesamt fehlen nach einer Erhebung unserer Zeitung derzeit etwa 400 Mitarbeiter – sowohl für Stellen, die bereits jetzt unbesetzt sind, als auch für solche, die für die Zukunft ausgeschrieben sind.

Beim Deutschen Roten Kreuz sucht man naturgemäß die meisten Leute. „Die Zahl der Einsätze ist in den vergangenen fünf Jahren um 22 Prozent gestiegen. Das ist das eigentliche Problem, das wir alle gemeinsam angehen müssen“, sagt Lorenz Menz, Präsident des Landesverbandes Baden-Württemberg, der für Württemberg und Nordbaden zuständig ist. Der Verband zählt derzeit 3858 Rettungsdienstmitarbeiter, bräuchte aber nach eigenen Angaben bis zu 300 mehr. Das Badische Rote Kreuz, das den Bereich Südbaden umfasst, beschäftigt rund 1000 Menschen im Rettungsdienstbereich. Mindestens 70 mehr müssten es sein.

Für den Arbeiter-Samariter-Bund sind landesweit etwa 350 Retter unterwegs. 15 Leute fehlen dort bereits.

Auch der Malteser-Hilfsdienst beschäftigt rund 350 Rettungsdienstmitarbeiter. Ob und wie viele Leute zusätzlich benötigt werden, ermittelt man derzeit noch. Größere Lücken gebe es jedoch keine, heißt es beim Landesverband. Bei Engpässen greife man auf ehrenamtliches Personal zurück. Allerdings werde die Lage schwieriger.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe schließlich zählt 300 Rettungsdienstmitarbeiter. Offene Stellen gibt es dort zurzeit nicht, allerdings sucht man acht zusätzliche Leute.

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