Prominente Ex-Top-Manager wie BASF-Chef Hambrecht oder VW-Chef Matthias Müller setzen auf das junge Stuttgarter Unternehmen. Beobachter sehen bei Flip das Potenzial, bald Einhorn-Status zu erlangen.
Stuttgart - Wenn die beiden jungen Stuttgarter Gründer miteinander reden, dreht es sich immer wieder um „den Werner“. Der Werner ist in ihrem Unternehmen aber kein Programmierer, er wirbt auch keine neue Kundschaft an. Werner ist eine Fiktion, der sich Benedikt Ilg und Giacomo Kenner, die die Flip GmbH 2018 gegründet haben, annähern wollen. Sie wollen wissen, wie er arbeitet, auf welchem Weg er von seinem Chef Aufträge bekommt, wie der Mann mit seinen Kollegen kommuniziert. Um Werner näher kennenzulernen, gehen Ilg und Kenner gelegentlich ganz normal arbeiten – obwohl die beiden Chefs eines Start-up sind, das gerade ohne Mühe 28 Millionen Euro von Privatinvestoren eingesammelt hat –
Inkognito ins Unternehmen
Dann gehen sie, inkognito versteht sich, in eins der Unternehmen, mit dem sie gerade einen Vertrag abgeschlossen haben. Probearbeit für einen Tag. Ilg, der mit seinem Vollbart und dem Strickpulli auch in einer Hipster-Bar in Berlin-Neukölln sitzen könnte, packt dann Ware von Paletten in die Regale eines Supermarkts oder steht am Getränkeautomaten eines Schnellrestaurants und zapft Kaffee. Das Wissen über Werners Arbeitsalltag ist ihnen wichtig. Es ist notwendig, wenn sie die Mitarbeiter-App Flip auf die Bedürfnisse des Kunden zuschneiden.
„Wir sind und bleiben ein schwäbisches Unternehmen“
Es ist kein Zufall, dass die Flip-App ihre Zentrale mitten in Stuttgart hat. Auf kurzen Distanzen sind die Firmen zu erreichen, mit denen Ilg Geschäfte macht. „Wir sind ein schwäbisches Unternehmen und wollen das auch bleiben.“ Die Kunden, das sind etwa Baumärkte, Krankenhäuser, Maschinenbauer, ein Autobauer. Es sind Unternehmen, in denen Menschen häufig noch körperlich arbeiten. „Wir haben eher den Durchschnittsmitarbeiter im Blick“, sagt Ilg. Seine App müsse gerade für Menschen gemacht sein, die kaum Erfahrung mit IT mitbringen. „Der Werner nutzt in der Freizeit vielleicht Whatsapp, mehr nicht.“ Er hat im Zweifel noch nie eine Videokonferenz mitgemacht.
Die Flipster wollen bei den Mitarbeitern ihrer Kunden mit Nutzerfreundlichkeit punkten. „Wir treiben hohen Aufwand, damit die Flip-App innerhalb von zehn Sekunden mit jedem Handy herunterladbar ist und auch in Windeseile von jedem Nutzer zu verstehen ist“, sagt Ilg, der bei Porsche ein duales Studium mit dem Bachelor-Abschluss in Wirtschaft und Finanzen gemacht hat und programmieren kann.
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Den Namen Flip hat er sich ausgedacht. So heißt ein Grundsprung im Eiskunstlauf. „Ich will für Unternehmen die Kommunikation unter den Mitarbeitern flippern“, erklärt der gebürtige Österreicher, der noch keine 30 ist und auf den Fildern aufwuchs. 2021 war das Jahr des Durchbruchs für Flip. Im vierten Geschäftsjahr habe sich der Umsatz versechsfacht, inzwischen haben über 200 Unternehmen die App gekauft. Mit dem Kapital aus der zweiten Finanzierungsrunde will Flip nach Großbritannien expandieren. Flip hat durchaus Konkurrenz. „Unser Trumpf ist, dass wir so einfach in der Handhabung sind.“ Von allen Mitarbeiter-Apps, die auf dem Markt seien, habe Flip die höchste Nutzungsrate. Beobachter bescheinigen dem jungen Stuttgarter Unternehmen das Potenzial, Einhorn-Status zu bekommen. Als Einhorn (englisch Unicorn) gelten Start-ups mit einem Marktwert von einer Milliarde US-Dollar (umgerechnet etwa 800 Millionen Euro). Zum Marktwert schweigt Ilg, er verrät lediglich, dass der Börsengang Teil der mittelfristigen Strategie ist.
Dienstliche App auf privatem Handy
Der Werner kann auch die „Aische“ oder „Ludmilla“ sein. Flip enthält eine Übersetzungsfunktion. Der Chef kann also seinen Mitarbeitern Botschaften schicken, die sofort in seine Muttersprache übersetzt auf dem Handy-Display erscheinen. „Das Datenvolumen ist so gering, dass sie auf jedem Privathandy läuft und zu jedem Vertrag passt.“ Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bietet das große Vorteile für das Unternehmen: Flip bringt die dienstliche App auf das private Handy. Niemand braucht ein Diensthandy. Und der Mitarbeiter ist froh, weil er nicht zwei Geräte bei der Arbeit in der Tasche hat.
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Ilg und sein Kompagnon haben etliche Investoren gewonnen, die früher in der Deutschland AG ein und ausgegangen sind. Ex-VW-Chef Matthias Müller, Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht, Unternehmensberater Roland Berger, Kurt Lauk, Ex-Chef des CDU-Wirtschaftsrates – sie alle haben privates Geld in die Flip-AG gesteckt. Kurt Lauk, der sein Büro in der Stuttgarter Innenstadt nur wenige Schritte von der Flip-AG entfernt hat und den beiden Gründern beratend zur Seite steht, hatte Ilg bei einer Vorstellungsrunde für Start-up-Unternehmer in den USA kennengelernt. „Bezeichnenderweise muss man dafür bis nach Amerika fliegen“, sagt Lauk. Lauk war von der Geschäftsidee so überzeugt, dass er nicht nur investiert, sondern auch Flip einer Gruppe von befreundeten Investoren empfohlen hat. Warum sich so viele Ex-Industriekapitäne für Flip begeistern? Ilg hat darauf eine Antwort: „Sie alle waren Chef, sie alle wissen, wie schwer es ist, jeden einzelnen Mitarbeiter mit einer Botschaft zu erreichen. Sie alle haben Flip sofort verstanden.“
Betriebsratskonform
Und dann ist da noch die Sache mit den Daten. Alle Welt redet darüber, dass künftig viel Geld mit Daten verdient werden kann, die im Geschäftsbereich gesammelt werden. Davon will Flip nichts wissen. „Eins unserer wichtigsten Kriterien ist, dass die App betriebsratskonform ist“, sagt Ilg. Datenschutz werde großgeschrieben. Und eine kommerzielle Nutzung auch der nicht personenbezogenen Daten sei ausgeschlossen. Flip will schließlich das Vertrauen von Werner.
Flip GmbH
Start-up
Mit eigenem Geld haben die beiden Stuttgarter Benedigt Ilg und Giacomo Kenner 2018 ihr Start-up neben ihrem Job gegründet. In einer ersten Finanzierungsrunde (im Fachjargon „Seed“) haben sie knapp vier Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Gerade haben sie in der zweiten Runde („Serie A“) knapp 30 Millionen erlöst. Mit dem Geld wollen die Gründer das Wachstum in Ländern außerhalb des deutschen Sprachbereichs vorantreiben.
Einhorn-Status
Einhörner werden Start-ups genannt, die vor einem Börsengang einen Marktwert von einer Milliarde US-Dollar (etwa 800 Millionen Euro) haben. Meist sind Einhörner IT-Unternehmen, die auf E-Commerce-Geschäftsmodelle setzen. Während in der Vergangenheit Einhörner entstanden sind, die Geschäftsmodelle mit Verbrauchern entwickelt haben, dürften zunehmend Unternehmen groß werden, die im Geschäftsbereich digitale Plattformen entwickeln.