Von Jürgen KemmnerSTUTTGART. Bei den Olympischen Spielen betonen immer mehr Athleten,

Von Jürgen Kemmner

STUTTGART. Bei den Olympischen Spielen betonen immer mehr Athleten, dass sie ihrem mentalen Training viel verdanken. Sportpsychologe Oliver Stoll von der Martin-Luther-Universität in Halle kann diese Aussage voll und ganz untermauern.

Herr Stoll, haben Sie sich auch am Mittwoch den Abfahrtslauf der Damen angesehen?

Ja.

Vor Maria Rieschs Start gab"s eine lange Unterbrechung wegen eines schweren Sturzes. Nicht die beste Voraussetzung, oder?

Eine Störung eines Rituals - und dazu zählen Startvorbereitungen - kann viele Folgen haben. Es kann passieren, dass Unsicherheit keimt, dass Gedanken aufkommen, die für die Bewältigung der Aufgabe hinderlich sind. Etwa: Wenn so viele Fahrerinnen stürzen, sollte ich verhaltener fahren. Wir nennen das dysfunktionale Selbstgespräche. Plötzlich wird die Abfahrt nicht mehr als Chance gesehen, sondern als Bedrohung.

Um in solchen Situationen nicht in eine Abwärtsspirale zu kommen, dafür benötigen Spitzensportler also Mentaltrainer.

Wenn Sie so wollen. Ich bevorzuge den Begriff Sportpsychologe. Ihre Arbeit beginnt dann, wenn die Physis, die Technik und die Taktik eines Sportlers an Grenzen stoßen und sich nicht mehr optimieren lassen, dann ist die Psyche ein Gebiet, womit sich noch eine Leistungssteigerung erzielen lässt. Ein Beispiel: Wenn Biathleten plötzlich im Schießstand nicht mehr stabil sind, dann werden wir um Hilfe gebeten.

Magdalena Neuner hatte beim Stehendschießen oft Probleme, jetzt hört sie Musik - und alles ist bestens. Wie lautet das Geheimnis?

Dabei geht es um die Emotionsregulation. Bei einem wichtigen Ereignis wie Olympia wird urplötzlich aus einer Herausforderung eine Bedrohung - etwa weil Versagensängste aufkommen, weil befürchtet wird, Erwartungen nicht zu erfüllen. Daraus entstehen Stress und Angst, was die optimale Leistung hemmt. Ein Sportpsychologe wird nun im Gespräch diese Situation mit dem Athleten gedanklich umbewerten, weg von der Angst und der Bedrohung.

Und wie hilft Musik beim Biathlon nun?

Wir arbeiten mit positiven Bildern und mit auditiver Stimulation, damit eine bestimmte Situation nicht mehr in einem bedrohlichen, sondern angenehmen Licht erscheint. Ein Beispiel: Wir besorgen uns ein Video eines optimalen Wettkampfs - fünf Schüsse ins Ziel in toller Zeit - und unterlegen es mit der Lieblingsmusik des Athleten. Wenn er vor dem Wettkampf Magenflattern bekommt, holt er seinen iPod, schaut sich die Bilder an und registriert: Ich kann"s doch, ich muss keine Angst haben. Das funktioniert übrigens nicht nur im Biathlon.

Manchen Sportlern flattern aber die Nerven, nur weil sie bei Olympia starten.

Der Fachbegriff lautet Aktivierungsregulation - das heißt vereinfacht: Je bedeutsamer ein Wettkampf ist, umso aufgeregter wird der Sportler. Um dies in den Griff zu bekommen, erarbeiten wir mit dem Athleten Entspannungsübungen oder auch Hypnose.

Hypnose? Das klingt nicht gerade seriös.

Ich gebe zu, der Begriff ist negativ besetzt. Sagen wir also besser intensive Konzentrationstechniken. Es geht darum, einen tiefen Entspannungszustand herzustellen, in dem sich ein Sportler nur noch auf die relevanten Aspekte konzentriert. Alles andere soll ausgeblendet werden, der Sportler soll aufhören, über alles zu grübeln. Im Optimalfall erreicht er einen Zustand, in dem ihn nichts mehr stört, nichts mehr ablenkt. Mit Hypnose zum sogenannten Tunnelblick.

Der Tunnelblick, der optimale Zustand?

Exakt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Lindsey Vonn in dieser Verfassung war, als sie sich auf die Abfahrtspiste stürzte.

Einem Langläufer, dem im 50-km-Lauf die Beine schmerzen, dem hilft kein Tunnelblick.

Nein, dabei kommt es auf die Willensstärke an - und auch die ist beeinflussbar. Sie kennen die Situation doch sicher auch: Bei einem Ausdauerlauf, der anfängt wehzutun, beginnen Sie irgendwann mit Selbstgesprächen, Sie diskutieren mit sich und Ihrem inneren Schweinehund, was nun zu tun ist.

Und wie können Sie mir dabei helfen?

Es geht darum, diese Gespräche funktional zu führen. Soll heißen: Die Situation positiv zu sehen, sich zu motivieren. Sie können nach 40 Kilometern jammern: Oh Gott, noch zehn Kilometer, ich sterbe doch schon jetzt. Oder: 80 Prozent habe ich hinter mir, den lächerlichen Rest schaffe ich auch noch.

Das funktioniert nur, wenn ich dran glaube.

Sicher, wir Sportpsychologen arbeiten ja nicht gegen, sondern mit dem Athleten. Fakt ist: Es muss ein Vertrauensverhältnis bestehen, die Chemie muss stimmen.

Wie sieht die Zusammenarbeit aus? Trifft man sich täglich, wöchentlich, monatlich?

Das liegt am Sportler selbst. Um ein traumatisches Erlebnis - etwa eine schwere Verletzung - zu verarbeiten, muss der Psychologe mehrmals pro Woche parat sein. Um einen Athleten in einer ganz bestimmten Situation zu verbessern, reicht es aus, gezielt Termine vor dem Wettkampf zu vereinbaren.

Hätte es Maria Riesch geholfen, wenn am Mittwoch neben ihr im Starthäuschen ein ihr vertrauter Psychologe gestanden hätte?

Behaupten würde ich das natürlich nicht, aber ich könnte es mir schon vorstellen.

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