Die Waale verlaufen parallel zum Hang. Foto: Maren Recken

Im Vinschgau kommen Zwei- und Vierbeiner auf ihre Kosten. Alle Waalwanderwege sind hundetauglich, und es gibt sogar einen Hundeflüsterer

Den Kopf nach unten neigen, die Schnauze knapp unter der Wasseroberfläche platzieren und los spurten. Die Pfoten platschen durch den wassergefüllten Graben neben dem Wanderweg. Was an heißen Sommertagen eine nasskühle Erfrischung ist, macht der weißen Mischlingshündin auch während der herbstlichen Wanderung auf dem Waalweg tierisch Spaß.

 

Die menschlichen Begleiter genießen währenddessen den Blick auf die Apfelplantagen weit unten im Tal. Der gemeinsame Urlaub im Spätherbst ist in doppelter Hinsicht ein Experiment: Was hat das Vinschgau, das sich im Westen Südtirols, entlang der Etsch, vom Reschenpass bis nach Naturns bei Meran erstreckt, zu bieten, damit sich Hund und Mensch erholen kann? Schafft es der pubertierende Mischling mit besten rumänischen Straßenkötergenen und durchaus noch ausbaufähigerer Erziehung, sich beim ersten Hotelurlaub so zu benehmen, dass nicht sofort der Platzverweis droht? So viel sei verraten: Das Experiment hat Potenzial auf Wiederholung, findet nicht nur Mischlingshündin Bella, die besonders gerne in den Waalen durchs Wasser gerannt ist. Diese künstlich angelegten, schmalen Wasserkanäle sind dem besonderen Klima des Vinschgaus geschuldet.

Auch ein Hund braucht mal Erholung Foto: Maren Recken

Seine Lage beschert dem rund 80 Kilometer langen Tal mit Ost-West-Ausrichtung ein inneralpines Trockenklima mit viel Sonne und ähnlich wenig Niederschlägen wie in Sizilien. Schuld daran sind die hohen Gebirgsketten der Ortlergruppe im Süden, der Ötztaler Alpen im Norden und der Rätischen Alpen im Westen, die wie ein überdimensionaler Regenschirm das Nass von oben fernhalten. „Auch wenn es bedingt durch den Klimawandel mittlerweile öfters regnet als früher, ehemals waren wir ein extrem regenarmes Gebiet“, erzählt Inge Pinzger vom Wanderhotel Vinschgerhof. Das sonnige, trockene Wetter lockte zwar bereits vor Jahrhunderten die Menschen ins Tal, verlangte ihnen aber gleichzeitig etwas Ideenreichtum ab, um genügend Wasser auf die Wiesen und Getreidefelder zu bekommen. Es entstand ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus in den Boden gegrabenen und in den Fels gehauenen Wassergräben und Holzrinnen, die das kostbare Nass über Schluchten leiteten: die sogenannten Waale.

Entlang dieser führten Pfade, die die Waaler nutzen, die für die Kontrolle der Kanäle und die Zuteilung des Wassers zuständig waren. „Jeder Bauer hatte nur an bestimmten Tagen und nur für einige Stunden Wasser auf seinen Feldern“, berichtet Inge Pinzger weiter vom streng kontrollierten, kostbaren Nass, das mittels Schleusen von den Berggipfeln mit Gletschern, Schneehängen und Bergseen zu den Bauern ins Tal dirigiert wurde. Einige Waale wurden bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt, der letzte große Waal Anfang der 1870er Jahre zwischen Latsch und Kastelbell errichtet.

Vinschgau Foto: Yann Lange/StZ/StN

Heute sind nur noch wenige der einst mehrere hundert Kilometer langen Hauptwaale in Betrieb. Die einstigen Getreidefelder und Wiesen sind den für die Gegend charakteristischen Apfelplantagen gewichen, die mittlerweile per Tropfberegnung durch Schläuche bewässert werden. Die Waalwege wurden zu den beliebtesten Wanderwegen in der Region. „Ein besonders schöner Rundweg ist der Leiten- und Berkwaal“, empfiehlt Silvia Pratzner, Aktivleiterin und Wanderführerin im Das Gerstl Alpine Retreat. Eine gut dreistündige Runde, die beim Vuseum in Schluderns beginnt. Zu diesem Museum gehören auch eine Dauerausstellung zu den Waalen und ein Schauwaal als Lehrpfad.

Ins Museum darf Hündin Bella zwar nicht mit, dafür sind alle Waalwanderwege hundetauglich, wie Wanderführerin Pratzner versichert. Ausprobiert wird das am Zaalwaal und am Schnalswaal. Letzterer ist seit über 500 Jahren in Betrieb. Weil die meisten Waale nur von Ende März bis Ende Oktober Wasser führen und wir ein paar Tage zu spät dran sind, ist für Hündin Bella die Enttäuschung jedoch groß: Statt Wasserplantschen wie noch tags zuvor am Zaalwaal, steht am Schnalswaal ersatzweise eine spontane Trainingseinheit in Sachen Leinenführigkeit und Rückruf auf dem Programm.

Im Sommer ist der Hundeflüsterer Viehhirte

Schließlich führt der Waalweg zwar relativ eben, parallel am Hang entlang, um überhaupt zum Waalweg zu gelangen, sind wir aber aus dem Tal ordentlich steil nach oben gestiegen. Entsprechend geht es an manchen Stellen des schmalen Pfads ziemlich steil den Abhang hinunter. Hier sollte ein Hund schon parieren, findet der Mensch. Warum soll ich kommen, wenn ihr mich ruft, denkt der Hund. Zum Glück gibt es Lorenz Blaas, genannt Lou. Den Sommer über ist der Mann mit Pferdeschwanz, Vollbart und der ruhigen, geduldigen Art Viehhirte auf einer Alm in der nahen Schweiz. Wenn er nach dem Almabtrieb im Tal bleibt, profitieren die Touristen mit Hund von der besonderen Beziehung des Vinschgauer Hundeflüsterers zu Tieren.

„Wenn Du mit ihnen gut umgehst, kannst Du mit Tieren fast alles machen. Du musst nur ihre Sprache verstehen und annehmen“, erklärt er. Deshalb klappt es mit den eigenen Hunden, dem Jungvieh, den Ziegen und Pferden auf der Alm und mit den Touristenhunden im Tal ebenso. „Wenn Du den Hund zu Dir rufst, aber Dein Körper ,bleib weg’ ausdrückt, blockiert das den Hund“, erklärt Lorenz Blaas. Also wird geübt, beim Rückruf eine einladende Körperhaltung einzunehmen. Auf Kommando kommen, lernt der Hund. Wer am Ende der Übungseinheit am meisten an seinem Verhalten gefeilt hat, ist nicht ganz klar. Sicher ist: Hündin Bella nimmt das Training mit Lou so entspannt wie ihre Menschen. Was einerseits am gelassenen Umgang des Hundeflüsterers mit Tieren liegt, andererseits daran, dass Urlaub mit Hund im Vinschgau per se entspannend ist. Angefangen bei hundetauglichen Ausflügen, die wie beispielsweise der Spaziergang von Schlinig zur Schliniger Alm auch regentauglich sind, bis hin zu hundefreundlichen Hotels.

Hundezimmer in allen Kategorien

„Die Nachfrage nach Hundezimmern steigt, wir haben Hundezimmer in allen Kategorien, selbst in die Whirlpoolsuiten darf man mit Hund“, berichtet Marion Gerstl vom gleichnamigen Alpine Retreat. Hunde sind in ihrem Haus willkommen. Aus Rücksicht auf die hundelosen Gäste sind für Hunde manche Bereiche tabu. Hündin Bella hat das nicht gestört. Sie hat sogar das Zimmer mit vom Hotel zur Verfügung gestellter Hundedecke, Pfotenhandtuch und Fressnapf der Begleitung ihrer Menschen in den für Hunde erlaubten Essbereich vorgezogen. Und wahrscheinlich insgeheim auf ein zweites Willkommensleckerli gehofft.

Die Bedürfnisse aller Gäste bedienen, darauf setzt auch Inge Pinzger vom Vinschgerhof. „Wir haben eine extra Hundebadewanne, verleihen einen Fahrradanhänger für Hunde und machen Hundeeis“, lockt Inge Pinzger die Gäste mit Vierbeiner und beruhigt die ohne, dass es genug hundehaarfreie Zimmer im Haus gibt, die ausschließlich an Gäste ohne Hund vermietet werden, sowie zwei getrennte Speisesäle. In dem für Hunde erlaubten, reckt sich derweilen unter den Tischen manche Hundenase schnuppernd in Richtung Artgenossen, während sich bis dato unbekannte Gäste quer durch den Saal zum gemeinsamen Gassigehen verabreden: Urlaub mit Hund hat auch einen geselligen Aspekt.

Südtirol

Anreise
 Mit dem Zug ab Stuttgart nach Landeck, www.bahn.de , von dort gibt es eine direkte Busverbindung ins Vinschgau, www.suedtirolmobil.info/de .

Unterkunft
Das Vier-Sterne-Superior-Hotel Gerstl Alpine Retreat oberhalb von Burgeis verfügt über eine übers Tal gebaute Sonnenterrasse mit Infinitypool. Bei der wöchentlichen Küchenparty können die Hotelgäste erkunden, wo normalerweise hinter verschlossenen Türen gekocht wird. DZ/HP ab 440 Euro, Hund erlaubt, ab 28 Euro pro Tag ohne Futter, www.dasgerstl.com .Das Vier-Sterne-Wanderhotel Vinschgerhof in Schlanders hat ein großes Herz für Hunde. Dazu gehört ein eingezäunter, beleuchteter Hundespielplatz oder die Vermittlung von Hundetrainer und Gassiservice. Für die Menschen gibt es eine spezielle Hundehaltermassage mit Fokus auf den durchs Leinehalten strapazierten Rücken- und Nackenbereich. DZ ab 158 Euro, Hund ab 14 Euro pro Tag, www.vinschgerhof.com . Weitere Hotels unter www.wanderhotels.com .

Aktivitäten
Waalwege entdecken: www.vinschgau.net/de/aktivurlaub/wandern-bergtouren/waalwege.html . Buchtipp
Wer mehr über die Lebensgeschichte von Lorenz Blaas erfahren möchte: Christine Losso, „Lou, Philosoph der Tiere (und Menschen)“, Epubli, 25 Euro.

Allgemeine Informationen
 Vinschgau Tourismus, www.vinschgau.net , Südtirol Tourismus, www.suedtirol.info/de