Während die Stars der Jazzopen den Schlossplatz vom 2. bis zum 13. Juli zu einem Musikfest verwandelten, fand neben der Bühne eine mindestens genauso besondere Performance statt.
Zum Abschluss der 31. Jazzopen begeisterte Lionel Richie am Sonntagabend 7200 Zuschauer. Neben dem Star und seiner Band stand auf der linken Bühnenseite eine weitere Person: Cindy Klink. Während der Lieder von Lionel Richie performte Cindy diese in Gebärdensprache auf eine ganz besondere Weise. Sie bezeichnet sich selbst als „Deaf Performerin“, also als Person, die Musik in Gebärdensprache interpretiert und so für schwerhörige und gehörlose Menschen zugänglich macht.
Mit drei Jahren wurde bei Cindy eine Schwerhörigkeit diagnostiziert. Die Reaktionen in der Familie darauf fielen unterschiedlich aus. „Als bei mir die Schwerhörigkeit diagnostiziert wurde, haben meine Eltern sich gefreut.“ Ihre Eltern, die beide gehörlos sind, brachten ihr schon früh die Gebärdensprache bei. Für Cindys Großmutter war die Diagnose zunächst ein Schock. Sie brachte Cindy die deutsche Lautsprache bei, auch aus der Sorge heraus, dass sie sich mit Gebärdensprache möglicherweise schwerer sozialisieren könnte. In ihrer Jugend haderte Cindy mit ihrer Situation. Im Gegensatz zu ihren Freunden, die hörende Eltern hatten, musste sie mit ihren Eltern immer gebärden. „Ich fand das peinlich, und habe dann meinen Eltern immer gesagt: Nicht mit mir gebärden, wenn wir in der Stadt sind.“
Schicksalsschlag Gehörlosigkeit
2018 erleidet Cindy dann einen vollständigen Hörsturz. Der Umgang mit der kompletten Gehörlosigkeit fällt ihr zunächst schwer. „Am Anfang hat es schon sehr viel mit mir gemacht, weil ich nicht so genau wusste, wie ich damit umgehe.“ Bis dahin konnte sie noch etwas hören, danach verbrachte sie viel Zeit damit, sich an diese neue Situation zu gewöhnen. 2023 entschied sich Cindy dann für eine Operation und erhielt an ihrem rechten Ohr ein Cochlea-Implantat.
Rückblickend hat sich der Wunsch, wie andere zu sein, nur negativ auf ihr Leben ausgewirkt. Mit zunehmender Erfahrung hat sich für Cindy auch ihr Selbstbild geändert. Anders zu sein, bedeutet für sie nicht automatisch etwas Schlechtes. „Ich bin halt taub. Ich gebärde, ich spreche, manchmal bezeichne ich mich auch als Grenzgängerin.“ „Das hat mich immer anders gemacht.“ Normal sein, das ist für sie heute langweilig.
Die ersten Performances auf YouTube
Bereits in ihrer Jugend begann sie mit Performances – damals noch in ihrem Kinderzimmer. Aufgrund ihrer Leidenschaft für Musik übte sie schon früh vor dem Spiegel. Ihre Mutter, die aufgrund ihrer Gehörlosigkeit nie anklopfte, filmte sie damals heimlich. „Sie fand es toll und hat mich dazu motiviert, das auch im Netz hochzuladen.“ 2015 postete sie ihre ersten Performances auf YouTube und wurde in den sozialen Medien zunehmend bekannter. Mittlerweile hat sie auf TikTok fast 700.000 Follower, auch auf Instagram und YouTube folgen ihr mehr als 140.000 Menschen.
Auf Anfrage des Jazzopen-Sponsors Mastercard durfte sie bei einem Auftritt der Fantastischen Vier zur Probe auftreten. Sowohl das Publikum als auch der Eventbetreiber waren davon begeistert. Seitdem tritt Cindy bei den Jazzopen für Stars wie Sam Smith, Raye oder Sting auf. Ein Künstler hat sie dabei besonders begeistert: Lenny Kravitz. Während des Konzerts kam der Sänger mehrmals zu ihr und fragte, ob alles in Ordnung sei. Auch sein Handtuch warf er zur Begeisterung des Publikums zu Cindy.
Deaf Performance – Mehr als reines Übersetzen
Dabei ist die Performance nicht nur ein einfaches Übersetzen der Liedtexte. Zur Vorbereitung auf ihren Auftritt setzt sie sich viel mit dem Text der Künstler auseinander und analysiert, was diese mit dem Text aussagen möchten. Daraus bastelt sie dann eine eigene Interpretation des Songs. Dabei gestaltet sich dieser Prozess gar nicht so einfach. Die deutsche Gebärdensprache (DGB) ist nämlich nicht identisch zur gesprochenen deutschen Sprache. Bei englischen Künstlern muss der Text zudem zuerst vom Englischen ins Deutsche übersetzt werden. Das passiert bei Cindy dann häufig erst auf der Bühne.
Für eine gute Vorbereitung würde es eigentlich Zeit benötigen. Die hat es bei den Konzerten aber häufig nicht. „Im Normalfall lerne ich die Texte alle auswendig. Das ist manchmal aber nicht möglich, wenn du die Setliste erst einen Tag vorher bekommst.“ Bei der Jazzopen wird sie von einem Teleprompter unterstützt. Spontanaktionen der Künstler müssen dann aber improvisiert werden.
Mit ihren Performances begeistert Cindy aber nicht nur gehörlose Menschen. Viele Menschen berichteten ihr, dass sie nur wegen ihres Auftritts gekommen sind. Trotzdem sieht sie Verbesserungspotenzial: „Deaf Performance – vor allem hier in Deutschland – wird so wenig angeboten.“ In den USA und Großbritannien ist das Thema schon viel etablierter. Hier stößt sie noch häufig auf Begründungen wie: „Es störe das Bühnenbild“, oder: „Das braucht doch keiner“. Deshalb seien Auftritte wie diese auch besonders wichtig, um Vorbilder zu schaffen. Vor allem für Kinder, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie Cindy damals.