Rund um die Missstände am Stuttgarter Kunstturnforum gibt es eine weitere personelle Konsequenz. Die Verbände tun sich schwer in der Nachfolgesuche der freigestellten Trainer – und nun tagt das Kultusministerium zum Thema.
Rund um die Missstände am Stuttgarter Kunstturnforum, das vom Schwäbischen Turnerbund (STB) betrieben wird, gibt es weitere personelle Konsequenzen. Bisher bekannt ist, dass eine Trainerin und ein Trainer, die zunächst freigestellt worden waren, nicht mehr in die Trainingshalle am Bundesstützpunkt zurückkehren werden, gegen einen ehemaligen Trainer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Nun ist klar, dass Michael Breuning (65) seinen Posten als Stützpunktleiter zum 1. März aufgibt – und zudem nicht wie bisher geplant von Juni dieses Jahres an Vizepräsident für Olympischen Spitzensport beim STB wird.
Breunings Nachfolge als Stützpunktleiter in Stuttgart wird Nicolas Windelband antreten – der 35-Jährige kommt vom Badischen Turnerbund, bei dem er als Gesamtkoordinator für Olympischer Spitzensport tätig war. Wer wiederum das Ehrenamt des Vizepräsidenten für Olympischen Spitzensport beim STB bekleiden wird, steht noch nicht fest.
Rund um den Jahreswechsel hatten mehrere aktive und ehemalige Turnerinnen unter anderem „systematischen körperlichen und mentalen Missbrauch“ sowie katastrophale Umstände am Kunstturnforum (KTF) kritisiert.
Nach der Freistellung der beiden Trainer warten die Spitzenathletinnen am KTF nun noch immer auf adäquaten Ersatz. Nach Informationen unserer Redaktion war ein internationaler Spitzentrainer aus dem Dunstkreis des niederländischen Frauen-Bundestrainers Gerben Wiersma bereits für einige Tage am KTF als Aushilfscoach tätig – und vom STB sowie vom Deutschen Turnerbund (DTB) bereits als Mann für die Zukunft auserkoren. Doch der Kandidat signalisierte nach seinen Eindrücken im KTF, dass er nicht dauerhaft in Stuttgart arbeiten wolle. In drastischeren Worten könnte man es auch so ausdrücken: dass er sich die Sache in Stuttgart nicht antun will.
Verdacht der Nötigung
Zu negativ behaftet erscheint offenbar inzwischen das Ansehen und die Wahrnehmung des KTF im Zuge der Enthüllungen, die zuletzt auch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen auf den Plan riefen. Am vergangenen Donnerstag hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass das Landeskriminalamt Ermittlungen gegen einen früheren Trainer des KTF aufgenommen hat. Dabei geht es um den Verdacht der Nötigung in mehreren Fällen. Es gab mehrere Durchsuchungen – auch in den Räumlichkeiten des DTB, des STB und auch im KTF.
Die beiden Verbände tun sich also schwer, einen neuen Spitzentrainer für ihre Spitzenathletinnen zu finden. Von STB und DTB heißt es dazu, dass man das Training durch die angestellten Übungsleiter aktuell sichere und gewährleiste – und man versuche, schnellstmöglich eine Lösung zu finden.
Dass das den eigenen Ansprüchen und jener der Top-Athletinnen nicht genügt, liegt auf der Hand. Nicht weniger als die Reputation des einst so renommierten KTF steht damit auf dem Spiel. Oder anders: Im extremen Fall droht der Abgang von Spitzenturnerinnen zu anderen Bundesstützpunkten. Denn wer als Top-Athletin keinen guten Trainer zur Verfügung hat, wird auf Dauer nicht mehr in Stuttgart trainieren.
Eine Trainerin wiederum, die Anfang des Jahres infolge der Suspendierung der nun dauerhaft freigestellten Trainer am KTF übergangsweise aktiv war, steht nun seit einigen Wochen selbst im Fokus. So gibt es gegen Nachwuchsbundestrainerin Claudia Schunk massive Vorwürfe des Machtmissbrauchs.
Spitzenturnerin Elisabeth Seitz, die seit 2015 für den MTV Stuttgart aktiv ist, schilderte dem SWR, wie sie zu ihrer Zeit am Bundesstützpunkt in Mannheim unter Schunk mit Verletzungen trainieren und sich abwertende Kommentare zu ihrem Gewicht habe gefallen lassen müssen. Seitz trainierte von 2006 bis 2014 in der Trainingsgruppe Schunks, die bis 2017 in Mannheim als Stützpunktleiterin tätig war. Schunk selbst betonte, dass es „nie meine Absicht war, die Turnerinnen zu belasten und dass, sollten meine Verhaltensweisen gleichwohl so wahrgenommen worden sein, mir dies leid tut.“
Warum kam Claudia Schunk?
Nun drängt sich mit Blick auf das Stuttgarter KTF die Frage auf, warum man Schunk, gegen die später die Vorwürfe laut wurden, Anfang des Jahres übergangsweise als Aushilfstrainerin für die suspendierten beiden Coaches verpflichtete. Zuständig dafür ist der DTB – der betont, dass es zum Zeitpunkt der vorübergehenden Verpflichtung in Stuttgart keine aktuellen Vorwürfe gegeben habe und Schunk noch immer als Nachwuchsbundestrainerin aktiv ist.
Ferner heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des DTB gegenüber unserer Redaktion: „Im Januar dieses Jahres sind beim DTB Vorwürfe eingegangen (…), die den Bundesstützpunkt Mannheim Turnen Frauen und die bis 2017 dort als Trainerin tätige Claudia Schunk betreffen. Der DTB ist bzw. wird mit den betroffenen Athletinnen oder deren Eltern und auch mit weiteren Beteiligten in den Austausch gehen, um die Vorwürfe aufzuarbeiten. Dazu gehört auch der Vorwurf an den DTB, einer Meldung von Elisabeth Seitz aus dem Jahr 2014 sei nicht ausreichend nachgegangen worden. Auch wenn die Meldungen nicht die Tätigkeit von Claudia Schunk als Bundestrainerin Nachwuchs seit 2017 betreffen, wird sich der DTB auch aktuell ein umfassendes Bild machen.“
Thema im Landtag
Das wiederum hat übergeordnet längst auch das baden-württembergische Ministerium für Kultus, Jugend und Sport rund um die Missstände im Stuttgarter KTF geplant. So wird an diesem Donnerstag (14 Uhr) im Landtag der Bericht des Ministeriums über die Missbrauchsvorwürfe der zahlreichen Turnerinnen gegen den DTB und STB in einer öffentlichen Sitzung Thema sein.
Die Missstände also ziehen weiter Kreise – der Druck auf die Verantwortlichen wird nicht kleiner.