Die Missstände rund um das Stuttgarter Kunstturnforum beschäftigen den Sportausschuss des Landtags – in dem es am Donnerstagnachmittag hoch hergeht.
Zwischendurch bringt eine Landtagsbedienstete Kaffee und Zwetschgenkuchen für die Runde am großen Tisch. Manche lassen sich etwas bringen, andere nicht. Gemütlich jedenfalls, ob mit Kaffee oder ohne, mutet die Gesprächsrunde im Saal nicht an – weil sich das Thema nicht eignet für einen entspannten Plausch bei Heißgetränken mit Gebäck.
Die öffentliche Ausschusssitzung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport am Donnerstagnachmittag in einem Saal mit Fensterblick auf die Staatliche Hochschule für Musik behandelte die rund um den Jahreswechsel bekannt gewordenen Missstände rund um das Stuttgarter Kunstturnforum (KTF). Die zuständige Sportministerin Theresa Schopper (Grüne) stellte sich den Fragen der Kollegen – allen voran jenen des Antragstellers Sascha Binder, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion.
Am Ende war nach knapp 75 Minuten klar: Die Antworten reichten den Fragestellern der verschiedenen Fraktionen nicht, weshalb zum Schluss auf SPD-Antrag mit Zustimmung der CDU und der FDP eine weitere Anhörung beschlossen wurde. Der Skandal also wird weitere Kreise ziehen – nun auch explizit im Landtag.
Massive Vorwürfe
Die übergeordnete Sachlage ist dabei ja schon länger klar: Bekannt ist, dass eine Trainerin und ein Trainer des KTF, die zunächst freigestellt worden waren, nicht mehr in die Trainingshalle am Bundesstützpunkt zurückkehren werden, gegen einen ehemaligen Trainer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Rund um den Jahreswechsel hatten mehrere aktive und ehemalige Turnerinnen unter anderem „systematischen körperlichen und mentalen Missbrauch“ sowie katastrophale Umstände am Kunstturnforum kritisiert.
Nun ging es am Donnerstag im Landtag um die Aufarbeitung der Missstände durch den Schwäbischen Turnerbund (STB), der das KTF in Stuttgart betreibt, und den Deutschen Turnerbund (DTB) – und damit vorrangig um zwei Knackpunkte: Kann und darf der STB aktuell noch Fördergelder vom Land erhalten? Und ist die vom DTB eingesetzte Anwaltskanzlei zur allgemeinen Untersuchung der Ereignisse die richtige? Oder besser: Darf es sie so überhaupt geben?
Scharfer Ton
Sascha Binder von der SPD setzte schon vor der Sitzung den Ton, als er mitteilte, dass eine interne Aufarbeitung nicht ausreiche: „Aber nicht mehr findet statt, wenn eine offenbar mit dem DTB in Beziehung stehende Kanzlei eingesetzt wird.“ Die Bedenken der Sportlerinnen müssten von den Verbänden endlich akzeptiert werden. „Deswegen müssen die Verbände umgehend eine externe und unabhängige Untersuchungskommission einsetzen.“
Binder nahm damit Bezug auf einen offenen Brief, den einige ehemalige Spitzenturnerinnen um Janine Berger (Olympia-Vierte 2012) und Sophie Scheder (Olympia-Dritte 2016) Anfang der Woche verschickt hatten. Darin forderten sie den DTB auf, seinen bereits erteilten Auftrag an die Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei Rettenmaier zur Untersuchung der Missstände zurückzuziehen – aufgrund angeblich fehlender Unabhängigkeit. Besagte Kanzlei hatte bereits im Jahr 2020 im Zuge von Missbrauchsvorwürfen am Stützpunkt Chemnitz im Auftrag des DTB die Dinge untersucht.
Der DTB betont auf Nachfrage unserer Reaktion die komplette Unabhängigkeit der Kanzlei, die nicht weisungsgebunden sei. Der DTB will nach Abschluss der Kanzlei-Untersuchungen eine Expertenkommission, die die Missstände final aufarbeiten soll, einberufen. Die Sorge bei den betroffenen Turnerinnen ist nun groß, dass auch diese Kommission nicht unabhängig ist, sprich: dass dort zu viele Mitglieder sitzen könnten, die zumindest dem Dunstkreis des DTB angehören – und zu wenige komplett unabhängige Experten. Der DTB verweist darauf, dass der Rat noch nicht berufen sei.
Sascha Binder warf Theresa Schopper am Donnerstag nun vor, dass ihr und ihrem Ministerium von Anfang an hätte klar sein müssen, dass diese Kanzlei die Missstände nicht aufarbeiten dürfe: „Das macht mich fassungslos.“
Klare Aussage
Schopper betonte, dass ihr klar gewesen sei, dass das Vertrauen der Athletinnen in die Kanzlei nicht existiere. Dann sagte die Ministerin: „Wir brauchen eine andere Instanz zur Aufklärung als die Kanzlei – für uns ist klar, dass zusätzlich ein Expertenrat eingesetzt werden muss, weil das Vertrauen der Sportlerinnen nicht da ist.“
Dann ging es am Donnerstag ums liebe Geld – und damit um die jährlichen Fördergelder in Höhe von 1,6 Millionen Euro, die der STB vom Land erhält. SPD-Mann Binder fragte Schopper, ob sie bereit sei, die Zuschüsse einzufrieren, bis eine von allen Seiten akzeptierte Aufklärung erfolgt sei – und bekam die klare Antwort der Ministerin: „Die Zuschüsse sind eingefroren.“ Schopper betonte, dass man „den wichtigen Hebel“, den man habe, damit gezogen habe.
Denn es ist ja so: Auf die Besetzung des Expertenrats, der auf Grundlage der Erkenntnisse der vom DTB eingesetzten Anwaltskanzlei beraten wird, hat die Landesregierung keinerlei Einfluss. Auch kann sie niemanden dazu verpflichten, einen neuen Expertenrat einzuberufen. Das Einfrieren finanzieller Fördermittel ist dagegen sehr wohl ein Druckmittel, das Schopper mit ihrem Ministerium anwenden kann.
An diesem Freitag nun gibt es eine Videoschalte des DTB und der zuständigen Kanzlei mit dem Kultusministerium, bei der es um Untersuchungsergebnisse und den Expertenrat gehen soll. Nicht mit dabei: Ministerin Schopper, die aufgrund der Bildungsmesse didacta verhindert ist – weshalb am Donnerstagmittag im Landtag die Frage aufkam, warum man sich aufgrund der Wichtigkeit des Themas erstens nicht persönlich würde treffen und zweitens den Termin aufgrund der Bildungsmesse nicht habe verschieben können. Antworten darauf gab es nicht wirklich. Schopper verwies auf die „Arbeitsebene ihres Ministeriums“, die die Videoschalte begleitet. „Wir diktieren nicht die Personen, die im Expertengremium sind, wir beraten“, sagte die Ministerin noch.
Schopper bekam dann auch noch die Frage gestellt, ob sie bisher schon einmal persönlich mit betroffenen Turnerinnen gesprochen habe. Die Ministerin verneinte und verwies darauf, dass das in der nächsten Woche stattfinde: „Ich denke, man sollte das nicht an die große Glocke hängen.“