Initiator der Opferhilfe: Korntals Musikschulleiter Peter Meincke (re.) Foto: Lichtgut/factum/Granville

Missbrauch kam in der Korntaler Brüdergemeinde nicht nur vereinzelt vor. Am Samstag trafen sich ehemalige Heimbewohner, um sich auszutauschen und weitere Schritte zu beraten.

Korntal - „Ich dachte, ich sei der Einzige, dem das passiert“, erinnert sich Wolfgang S. an seine Zeit als Heimkind in Korntal. Er ist sichtlich aufgewühlt. An diesem Samstag ist er aber zumindest nicht allein mit den quälenden Erinnerungen: Rund zwei Dutzend ehemalige Bewohner des Hoffmanns- und Flattichhauses der Brüdergemeinde haben sich gemeinsam mit Angehörigen, Vertretern der Opferhilfe und einzelnen Bürgern zum dritten Heimopfertreffen versammelt.

Einige sind nach langer Zeit erstmals wieder nach Korntal gekommen. Neben der Diskussion konkreter Fragen zur Aufarbeitung der Vergangenheit geht es auch darum, grundsätzlich das Schweigen zu brechen. Viele Betroffene tragen ihre traumatischen Erlebnisse seit Jahrzehnten mit sich herum. Scham und Verunsicherung erschweren es, über die Demütigungen zu sprechen. Im Bürgertreff Korntal, unter Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, darf nun hervorbrechen, was teils so lange vergraben war. Die Geschichten, die angerissen werden, lassen erahnen, in welchem Maße Kinder unter dem Dach der Brüdergemeinde misshandelt wurden. Über die Täter herrscht Einigkeit.

Vor diesem Hintergrund wirken die Verweise der Pietisten auf die Verjährung der Taten wie Hohn, zumal es nicht nur um die finanzielle Entschädigung der Opfer geht. Das drängendste Anliegen betrifft die lückenlose Offenlegung der Vergangenheit durch die Brüder selbst.

Zwar hat Klaus Andersen, der Vorsteher der Korntaler Gemeinde, eine Aufarbeitung der Vorfälle zugesagt, bis dato überwiegt bei den einstigen Heimkindern aber der Eindruck, man wolle sie hinhalten. „Ich kann das Wort Aufarbeitung nicht mehr hören“, merkt Detlev Z. an. Er hat die Brüdergemeinde auf Schadensersatz in Höhe von 1,1 Millionen Euro verklagt und mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Fälle von Vergewaltigung, psychischer Folter und Prügelei, die sich im Zeitraum von den 60er Jahren bis 2002 ereigneten, überhaupt thematisiert werden. Er warte auf ein Sühneangebot und eine offizielle Stellungnahme des Heimträgers. Immerhin hat man den Opfern angeboten, sie könnten ihr nächstes Treffen unter dem Dach der Brüdergemeinde abhalten.

Ein taktischer Schachzug? Oder doch ein Zeichen für den Willen, in Dialog zu treten? Zumindest ignoriert der Vorschlag die Scheu vieler Opfer, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Es überrascht wenig, dass die Versammelten einstimmig dafür votierten, sich in anderen Räumlichkeiten zu treffen. Für Unmut hatte zuletzt gesorgt, dass die Brüdergemeinde einen Stuttgarter Professor mit der Aufarbeitung beauftragen wollte, der dann aber absagte. Die Suche nach einer neutralen Person, die sich dieser heiklen Aufgabe widmet, befürwortet Peter Meincke ausdrücklich. Deren Arbeit solle durch die Brüdergemeinde finanziell unterstützt werden. Bestimmt werden müsse solch eine Persönlichkeit aber öffentlich und nicht durch die Brüdergemeinde allein.

Diese Forderung ist auch Teil eines Arbeitspapiers der Opferhilfe, das zeigt, wie strukturiert die Arbeit für die Misshandelten inzwischen abläuft. Auf der Homepage der Initiative ist auch das Leid der Heimkinder dokumentiert.

Der nächste Schritt in die Öffentlichkeit ist bereits geplant: Auf dem Kirchentag im Juni 2015 in Stuttgart wird man an einem Stand über die Vorgänge in den Heimen der Brüdergemeinde informieren. Bis dahin bleibt Zeit, den pauschalen Aufarbeitungs-Zusagen Taten folgen zu lassen. „Für die Betroffenen ist es wichtig, dass sie nicht länger hingehalten werden“, so Meincke. „Wer sich überwunden hat, sein Schweigen zu brechen, sollte nicht monatelang vertröstet werden.“

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