Ein Trainer soll einen Elfjährigen missbraucht haben (Symbolbild). Foto: Avanti//Ralf Poller

Ein Kind schildert, von einem Trainer des FSV Waiblingen sexuell missbraucht worden zu sein. Möglicherweise war dies kein Einzelfall – eine Gutachterin nimmt Stellung zur Glaubwürdigkeit des Jungen.

Die Bombe platzte zu Beginn des zweiten Prozesstages vor dem Amtsgericht Waiblingen: Wie der Vorsitzende Richter Martin Luippold erklärte, hat sich am Donnerstagabend möglicherweise ein weiteres Opfer von sexuellem Missbrauch durch einen Fußballtrainer beim Opferanwalt Jens Rabe gemeldet. Der junge Mann, der angegeben haben soll, durch den heute 39-jährigen Trainer ebenfalls missbraucht worden zu sein, wurde schon am Freitag von der Polizei vernommen. Daher werden seine Aussagen noch kurzfristig in den Prozess einfließen, der voraussichtlich am 9. Mai endet. Bislang war das Gericht von nur einem mutmaßlichen Opfer ausgegangen.

 

Angeklagt ist ein ehemaliger Trainer des FSV Waiblingen. Im Dezember 2020 soll er einem damals elf Jahre alten Schützling, der bei ihm zu Hause duschte, unter die Dusche gefolgt sein, indem er die Badezimmertüre mit einer Münze öffnete. Dann soll er sich vor den Jungen gekniet und dessen Glied in den Mund genommen haben, trotz des Protests des in sexuellen Dingen unbedarften jungen Fußballspielers. Zudem soll er seinen Schutzbefohlenen immer wieder geküsst, an den Hintern gefasst oder ihm die wegen einer Hautkrankheit des Jungen nötige Salbe am ganzen Körper aufgetragen haben.

Der Angeklagte hat die Vorwürfe komplett abgestritten. Wortreich schilderte er, wie der Fußball ihn aus schwierigen familiären Verhältnissen gerettet habe. „Ich wollte immer Nächstenliebe weitertragen, war immer interessiert an denen, die im System nicht so beliebt sind“, sagte er.

Die Reaktion des FSV Waiblingen ist Thema beim Prozess

Eltern aus dem sehr ambitionierten Verein, der sich als Kaderschmiede versteht, schilderten, dass er auffällig körperliche Nähe zu den Kindern gesucht habe. „Das Wort pädophil fiel oft“, so ein Vater. Der Verein habe auf die Bedenken reagiert, indem er darauf hingewiesen habe, gute Trainer seien schwerer zu finden als gute Spieler. „Wir haben uns entschieden, unser Kind aus dem Verein zu nehmen“, so der Vater.

Direkte Zeugen des angeblichen Missbrauchs an dem damals Elfjährigen gab es keine. Eine zentrale Rolle spielt im Prozess daher das Gutachten von Dr. Marianne Clauß, einer Ärztin für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Sie sollte beurteilen, ob die Schilderungen des Jungen glaubwürdig sind. Immerhin hätte es ein potenzielles Motiv dafür gegeben, den Trainer schlecht darzustellen: Sein Vater war mit seiner Entscheidung, das extrem fordernde Training beim FSV Waiblingen einzustellen, nicht gerade einverstanden. Entsprechend prüfte die Gutachterin auch, ob der Junge sich den Missbrauch ausgedacht haben könnte.

Das sagt die Sachverständige zur Glaubwürdigkeit des Jungen:

Auch wenn dieser den eigentlichen Akt nicht allzu detailliert beschreiben konnte, war ihr Fazit eindeutig: „Die Aussage war weitgehend konstant, und das über einen Zeitraum von fast zweieinhalb Jahren.“ Der Junge habe damals nur über „basale Kenntnisse sexueller Abläufe“ verfügt und auch die häufigen Übernachtungen bei dem Trainer oder das Eincremen als quasi normal geschildert – und nicht wie jemand, der seinem Trainer etwas auswischen will.

„Besonders im Zusammenhang lässt einem das doch die Haare zu Berge stehen“, so die Sachverständige. Der Trainer habe Grooming betrieben, dazu habe er das Kind emotional abhängig gemacht, es durch Handyentzug von Freunden isoliert, sein Vertrauen gewonnen und schrittweise Grenzen überschritten. Details wie Abschiedsküsse auf den Mund oder dass der Angeklagte den Jungen nach dem angeblichen Übergriff gefragt haben soll, ob er deshalb sauer sei, lägen „fern von einer Falschaussage“.

Die Familie des Jungen schöpfte indes keinen Verdacht. Der Trainer hatte sie davon überzeugt, der Junge müsse sein Heimweh für Auswärtsspiele abtrainieren und deshalb bei ihm übernachten.