Ein Handballtrainer soll jahrelang Jugendliche missbraucht haben. Im Interview sprechen Vorstandsmitglieder des SV Fellbach über den Fall – und darüber, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Fellbach - Die Missbrauchsvorwürfe gegen einen ehemaligen Handball-Jugendtrainer, der unter anderem beim SV Fellbach tätig war, wiegen schwer. Der SVF-Vorsitzende Tilmann Wied und der Leiter der Handballabteilung, Dieter Pfeil, haben mit uns über denn Fall gesprochen.
Herr Wied, Herr Pfeil, was wissen Sie derzeit über Art und Umfang des mutmaßlichen Missbrauchs?
Wied „Wir können nicht über strafrechtlich relevante Dinge sprechen. Einige Ermittlungen laufen noch, und es wäre tragisch, wenn durch irgendeine Unachtsamkeit Einfluss auf das Gerichtsverfahren genommen werden würde. Wir haben großes Vertrauen in die ermittelnden Behörden, die den mutmaßlichen Täter sicherlich einer rechtmäßigen Verurteilung zuführen werden. Auch für die Betroffenen ist es sehr wichtig, dass ein ordentliches Verfahren möglich ist.
Wie geht es den Betroffenen?
Wied Da ist jeder anders gestrickt: Manche machen es mit sich selber aus, andere wollen an die Öffentlichkeit, die meisten gehen zu einer Beratung. Man muss ihnen möglichst verschiedene, niederschwellige Angebote machen, an die sie sich wenden können. Und dieser Weg sollte dann möglichst geradlinig zu den ermittelnden Behörden führen.
Pfeil Er war Trainer über viele Jahre, praktisch ein Ziehvater. Und dann kommt so etwas raus, dass muss man erst mal verarbeiten. Die Betroffenen, mit denen ich persönlich gesprochen habe, finden es alle sehr gut, dass das Thema nun ans Licht kommt und sie darüber reden und damit abschließen können. Jetzt sind sie nicht mehr allein, sondern haben Verbündete.
Wie haben Sie von den Vorwürfen gegen den ehemaligen Trainer erfahren?
Pfeil In der Handballabteilung haben wir es Ende Juli erfahren. Damals hat sich ein Betroffener in einem privaten Gespräch mit einer verantwortlichen Person offenbart. Dann hat man nachgefasst und ist zunächst zur Beratungsstelle nach Waiblingen gegangen, dann zu einem Rechtsanwalt und schließlich zur Polizei. Denn so etwas einer vertrauten Person zu sagen und zur Polizei zu gehen – dazwischen liegt ein langer Weg.
Wied Wir als Hauptverein haben kurz darauf, im Spätsommer, davon erfahren. Die Polizei hat am Anfang geschaut, dass sie sofort in die Ermittlungen einsteigt und weitere potenzielle Betroffene identifiziert und befragt. Erst als die Befragungen aus polizeilicher Sicht abgeschlossen waren, haben wir grünes Licht für den Elternbrief bekommen, den wir am 19. Oktober verschickt haben. Solche Vorwürfe sollten nicht erst einmal als Gerücht im Verein herumwabern. Der Brief ging an die Jugend, die Eltern und an die aktiven Mannschaften. Wir haben ein Team zusammengestellt, das sich um die Sache kümmert. Um die ordentliche Aufarbeitung, um Schulungen und um den Blick nach vorne zu organisieren.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Missbrauch: Der Verdächtige galt als Institution
Wie sieht die Aufarbeitung aus?
Wied Die Aufarbeitung in dem Sinn passiert in erster Linie mit den Betroffenen. Das geht über Beratungsstellen, über die Profis. Da braucht es psychologisch ausgebildete Leute, die über die sogenannten Opferanwälte vermittelt werden. Hinten auf dem Elternbrief waren Kontaktadressen – die Vertrauenspersonen, die Abteilungsleitung, Geschäftsführung, aber auch die Stelle gegen sexualisierte Gewalt im Rems-Murr-Kreis, damit die Leute wissen, wohin sie sich wenden können. Denn nicht jeder vertraut sich im Rahmen der Aufarbeitung gern der Abteilungsleitung an, manche möchten sich möglichst extern Unterstützung holen. Der Verein steht da unterstützend zur Verfügung, wo es notwendig und sinnvoll ist.
Wie sind die Reaktionen ausgefallen?
Pfeil: Für uns war von Anfang an klar, dass wir das Thema nicht aussitzen können und wollen, sondern offen damit umgehen müssen. Wir hatten uns darauf vorbereitet, wie die Reaktionen im schlimmsten oder im besten Fall ausfallen könnten. Überraschenderweise gab es dann nur positive Rückmeldungen. Die Leute fanden es gut, dass wir das offenlegen und Hilfe anbieten. Austritte gab es deswegen keine.
Wied: Nachdem die Polizei eine Pressemitteilung herausgegeben hatte, gab es viele Eltern, die wissen wollten, welche Abteilung betroffen ist, und das ist ja auch verständlich. Aber wir hatten mit deutlich mehr Rückfragen gerechnet.
Bleibt aber die Frage, ob man die Vorgänge nicht früher hätte bemerken können. Wird die Ihnen nicht gestellt?
Wied: So direkt nicht, nein. Natürlich kommt immer wieder die Frage auf, was in der Zeit passiert ist. Das braucht aber vielleicht noch etwas Zeit, bis die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen abgeschlossen hat und man den Details nachgehen kann – vielleicht auch mit den Betroffenen zusammen, wenn diese das wollen. Natürlich, was zu einer früheren Entdeckung hätte führen können, wäre, dass man halt wirklich diese Konzepte, die ja existieren, umsetzt. Aber wir sind froh, dass schlussendlich zwei Betroffene den Mut gefunden haben und sich geäußert haben. Das ist ein riesiger Schritt, den es wertzuschätzen gilt.
Hat sich der SVF oder die Abteilung in irgendeinem Punkt etwas vorzuwerfen?
Pfeil: Der Gedanke ist mir fast täglich durch den Kopf gegangen. Natürlich überlegt man, was man hätte besser machen können, ob man etwas hätte erkennen können, aus heutiger Sicht. Aber es gab aus unserer Sicht keine Anzeichen. Wir als Verantwortliche waren immer präsent und jederzeit ansprechbar, aber es wurden uns keine Verdächtigungen mitgeteilt.
Wied: Ich sehe keinen Sinn darin, jemandem den schwarzen Peter zuzuspielen. Solche Täter bauen mit hoher Intelligenz und krimineller Energie ein System auf, das nicht so einfach zu durchdringen ist. Weder für Eltern noch für uns, noch für sonst irgendjemanden. Da braucht es auch mehrere Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit Betroffene sich outen können.
Die bestehenden Strukturen haben den vorliegenden Fall nicht verhindert. Was muss verändert werden?
Wied: Verändern ist vielleicht der falsche Ausdruck: Der Deutsche Olympische Sportbund hat Ende 2019 ein Stufenmodel zur Prävention verabschiedet, wir hatten ja bereits Anfang 2019 mit der Ausarbeitung erster konkreter Bausteine angefangen. Bis Ende 2024 sollen nach dem DOSB-Stufenmodell sämtliche Bausteine verpflichtend umgesetzt werden. Wir sind da also eigentlich weit voraus gewesen. Es gibt im Verein drei Vertrauenspersonen, männlich und weiblich, an die man sich wenden kann. Wir haben einen Ehrenkodex und ein Leitbild. Die Herausforderung ist aber, wie man so etwas praktisch umsetzt. So ein Stück Papier allein bringt nichts. Man muss es in den Verein transportieren, publik machen.
Aber was heißt das konkret?
Wied: Unter anderem hatten wir schon 2020 vor, Risikoanalysen durchzuführen. Dabei sieht man genau hin, wo es Probleme geben könnte, zum Beispiel bei Hilfestellungen durch die Trainer. Oder man betrachtet die baulichen Voraussetzungen: Gibt es irgendwelche Katakomben oder – wie in der Gäu-äckerhalle 1 – Klarglasscheiben, durch die jeder durchgucken oder fotografieren kann. Wir sind da auch mit der Stadt Fellbach in Kontakt, um solche Dinge bei Renovierungen oder Neubauten zu berücksichtigen. Es wird aber auch darauf geschaut, wie die Präventionskonzepte umgesetzt werden. Es soll keine Einzeltrainings geben, keine engeren Beziehungen zwischen Trainern und jungen Sportlern. Das Hinsehen betrifft aber auch die Eltern. Zum Beispiel beim Heimbringen der Kinder: Sitzt zum Beispiel immer das gleiche Kind als letztes im Auto?
Pfeil: Das Ziel ist eine noch wesentlich höhere Sensibilisierung zu dem Thema. Dafür gibt es unter anderem eine Präventionsschulung am 15. Januar, als Pflichtveranstaltung für alle Jugendtrainer. Das alles ist auch ein Signal, nach draußen und an mutmaßliche Täter, dass sie Probleme hätten, wenn sie hier in den Verein kommen wollen. Wir wollen eine Kultur des Hinschauens.
Was hat es mit dieser Schulung auf sich?
Wied: Die Veranstaltung findet in der Zeppelinhalle statt. Das letzte Mal, als wir dort getagt haben, ging es um den drohenden Konkurs des Vereins. Das zeigt, wie ernst das Thema für uns ist. Nur alle gemeinsam haben eine Chance, solche Fälle zu verhindern. Wenn nur einer hinguckt, bringt es nichts.
Pfeil: Die Schulung soll möglichst viele erreichen, deswegen sind die Eltern auch dazu eingeladen. Auch Vertretern anderer Handballvereine galt unsere Einladung, um die Informationen maximal nach außen zu bringen.
Eine Schulung allein wird nicht reichen.
Pfeil: Das alles wird immer Inhalt bei den Jugendtrainersitzungen sein. Das Thema kann nicht nur mit einer Veranstaltung abgehakt werden, das muss fortlaufend immer wieder passieren. Austausch, Diskussionsrunden, das wird es weiterhin geben.
Wied: Die meisten Verbände haben das Thema sexualisierte Gewalt schon seit längerer Zeit in ihrer Trainerausbildung. Alle, die C-, B- oder A-Trainer sind, haben das Thema auf dem Schirm. Einige Verbände schulen das auch verpflichtend jedes Jahr wieder.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Beschuldigte arbeitete bei einem Jugendamt
Wie gehen die anderen Jugendtrainer mit der Sache um?
Pfeil: Das ist für viele schon ein Schock gewesen. Das betrifft ja auch ehemalige Spieler, die unter ihm trainiert haben. Bei den Jugendtrainern gab es natürlich eine Diskussion, aber es hat keiner sein Amt niedergelegt. Aber man muss so etwas immer begleiten, viel mit den Leuten reden, nicht nur E-Mails verschicken. Wir wollen aber auch vermeiden, dass jemand als männlicher Jugendtrainer unter Generalverdacht gestellt wird.
In manchen Vereinen müssen Trainer ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Wie ist dies beim SV Fellbach?
Wied: Einige Abteilungen machen das so. Das ist ein heiß diskutiertes Thema: Viele Menschen werden davon abgeschreckt. Wir werden beim Ehrenamt ohnehin nicht gerade von Leuten überrannt, diesen Aspekt müssen wir schon beachten. Wenn in dem Zeugnis nichts steht, darf man sich aber auch nicht zurücklehnen. Auch in diesem Fall hätte vermutlich in seinem Führungszeugnis nichts gestanden. Aber ich denke, man sollte das zumindest bei Trainern, die sehr viele Übungsstunden geben und auf Freizeiten mit Übernachtungen mitgehen, zum Standard machen. Es geht uns ja nichts an, wenn jemand mal bei Rot über die Ampel gefahren ist. Daher wird das Zeugnis direkt an einen Treuhänder gegeben, der die Paragrafen checkt, die relevant sind, und uns dann einen Daumen hoch oder Daumen runter gibt.
Der besagte Trainer ist nicht mehr beim SV Fellbach. Welche Gründe hatte das?
Pfeil: Dass dieser Trainer seit Januar 2019 nicht mehr beim SV Fellbach tätig war, hat mit dem Fall nichts zu tun. Damals wussten wir noch nichts von der Sache, der Wechsel hatte rein sportliche Gründe. Es gab immer wieder Streit und Diskussionen. Da haben wir uns getrennt.
Haben Sie mit ihm einmal über die Vorwürfe gesprochen?
Pfeil: Nein.
Würden Sie das denn wollen?
Pfeil: Ich persönlich will ihn nie wieder sehen. Bei vielen Kriminalfällen wird in den Medien so viel über den Täter oder die Täterin gesprochen und berichtet, aber kaum über die Opfer. Wir wollen es lieber andersrum machen. Uns sind die Betroffenen herzlich näher als der mutmaßliche Täter, und er wird sicher seine gerechte Strafe bekommen.
Wied: Das ist nicht Teil der Aufarbeitung. Wir müssen unsere Energie auf die Prävention konzentrieren, und auf die Aufarbeitung mit den Betroffenen. Alles andere ist Sache der Staatsanwaltschaft.
Klingt, als hielten Sie ihn für schuldig.
Wied: Natürlich können wir nur beobachten, was die Polizei macht. Da die Ermittlungen aber sehr stringent liefen und auch sofort losgingen, gehen wir davon aus, dass die Verdachtsmomente so hoch sind, dass das gerechtfertigt war. Aber schlussendlich ist es Sache der Ermittler, Schlüsse zu ziehen.
Pfeil: Laut der Pressemitteilung der Polizei wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Den Rest müssen jetzt Staatsanwaltschaft und Richter entscheiden.
Der Beschuldigte war eine Institution. Wie geht man mit seinen Erfolgen, seiner Arbeit in Zukunft um?
Wied: Da muss man erst mal das Gerichtsurteil abwarten. Es geht dabei ja eher um Symbole, ich persönlich halte die nicht für so eminent wichtig, aber sicher kann man drüber nachdenken, ihm solche Auszeichnungen auch wieder zu entziehen.
Pfeil: Ich denke, das wäre dann sicherlich notwendig. In der Handballabteilung selbst hat er zwar – aus handballerischer Sicht – außergewöhnliche Jugendarbeit geleistet, aber es gibt kein Denkmal, das man im Fall der Fälle vom Sockel stoßen müsste. Wir haben eine neue Jugendleitung, viele Ehrenamtliche drum herum und schon heute ist nichts mehr da, was auf ihn zurückweist.
Vorstandsmitglied und Leiter der Handballabteilung
Tilmann Wied
Der 50 Jahre alte Tilmann Wied ist seit dem Jahr 2013 eines von drei gleichberechtigten, ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern beim SV Fellbach. Hauptberuflich ist Wied Bauingenieur.
Dieter Pfeil,
Jahrgang 1959, ist seit dem Jahr 2018 Leiter der Handballabteilung; beruflich ist er als Handelsvertreter und Unternehmensberater selbstständig.