Der Handballtrainer, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, soll beruflich aber keinen Kontakt mit Kindern gehabt haben. Dennoch wirft der Fall viele Fragen auf.
Fellbach - Nach den schweren Missbrauchsvorwürfen gegen einen Handballtrainer aus Fellbach ist die Stadt in Aufruhr. Ein Mann, der seit Jahren als der Jugend-Handballtrainer schlechthin galt, der immer wieder im Licht der Öffentlichkeit stand und den Ruf eines „Kümmerers“ hatte, soll über 15 Jahre hinweg Schutzbefohlene sexuell missbraucht haben. In den sozialen Netzwerken häufen sich wütende, aber auch hasserfüllte Kommentare, selbst der Name des Verdächtigen kursierte vorübergehend.
Ein Detail in der Vita des Beschuldigten lässt aufhorchen: Der 53-Jährige ist Sozialpädagoge und arbeitete lange Jahre in einem Jugendamt – nicht im Rems-Murr-Kreis, aber in einem anderen Landkreis in der Region Stuttgart. Eine Sprecherin des dortigen Landrats erklärt, es gebe ihres Wissens nach „keine Ermittlungen im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit als EDV-Administrator. Er hatte in dieser Funktion auch keinen Kontakt zu Kindern“, sagte die Sprecherin. Die fachfremde Tätigkeit habe nichts mit Vorwürfen gegen den Mann zu tun, sondern mit seinen EDV-Kenntnissen.
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Beim SV Fellbach, wo der 53-Jährige lange Zeit Kinder und Jugendliche trainiert hat, stehen derzeit die Leitungen nicht mehr still. Der Verein hatte sich in einem Rundbrief an die Eltern der Handballjugend gewandt und signalisiert, dass er die mutmaßlichen Missbrauchsfälle aufarbeiten will. Vereinsintern bekannt sind die Vorwürfe schon seit dem Sommer, der 53-Jährige soll mit einer elektronischen Fußfessel ausgestattet gewesen sein, bis er Ende November verhaftet wurde. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.
Es geht nicht um vereinzelte Ausrutscher: Die Polizei geht von mehreren Betroffenen aus, im Lauf von 15 Jahren soll es mehrere hundert Mal zu Missbrauch gekommen sein. Nach Informationen unserer Zeitung hat der Beschuldigte von den Taten auch Foto- oder Videoaufnahmen gemacht. Die Polizei war bei einer Hausdurchsuchung jedenfalls auf Beweise gestoßen, welche die Ermittler dann zu weiteren mutmaßlichen Opfern führten. Ob der 53-Jährige besagtes Material auch weitergegeben hat, ist unklar.
Gibt es Missbrauchsvorwürfe auch in anderen Vereinen?
Nun stellen sich mehrere Fragen: Gab es in all den Jahren keine Hinweise auf den mutmaßlichen Missbrauch? Gibt es auch Vorwürfe in anderen Vereinen, in denen der Mann als Trainer tätig war? Zumindest was die Handballspielgemeinschaft Cannstatt/Münster/Max-Eyth-See (Ca-Mü-Max) betrifft, gibt es eine Entwarnung: „Der Beschuldigte hat bei uns keine Kinder und Jugendlichen trainiert“, heißt es in einer Stellungnahme der HSG. Er sei für eine Saison dort tätig gewesen, habe nur mit erwachsenen Spielern gearbeitet und sei „nur zu deren Trainingszeiten anwesend“ gewesen. „Die Handballspielgemeinschaft Cannstatt/Münster/Max-Eyth-See war und ist nicht in die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei einbezogen“, so die HSG weiter.
Wie konnte der mutmaßliche Missbrauch so lange verdeckt bleiben?
Andere Fragen betreffen den künftigen Umgang mit Missbrauch, sowohl im konkreten Fall als auch allgemein. Wie kann der betroffene Verein die Vorfälle aufarbeiten? Welche Strukturen können geschaffen werden, um Missbrauch in Vereinen zu verhindern? Welche Hilfe bekommen Betroffene?
Dass Vorwürfe gegen einen mutmaßlichen Sexualtäter erst nach so langer Zeit ans Licht kommen, ist für Holger Gless, den Leiter des Jugendamts im Rems-Murr-Kreis, nicht außergewöhnlich. Oft spielten bei Betroffenen Scham, Schuldgefühl oder Druck durch die Täter eine Rolle. Eltern, die vermuten, dass ihr Kind zum Opfer geworden sein könnte, rät er, sich an eine Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt zu wenden. Eine solche gibt es in vielen Landkreisen.
In Weinstadt kam 2010 ein anderer Missbrauchsfall ans Licht
Zu sexuellem Missbrauch in Vereinen kommt es immer wieder. Der Fellbacher Fall erinnert an das Jahr 2010, als ein Taekwondo-Trainer des SV Weinstadt des sexuellen Missbrauchs einer Fünfzehnjährigen überführt wurde. Der Trainer wurde später zu knapp drei Jahren Haft verurteilt.
Eigentlich war man in Fellbach auf einem guten Weg, was die Prävention sexuellen Missbrauchs in Vereinen betrifft. Die Oberbürgermeisterin Gabriele Zull erklärt, Prävention werde seit Jahren groß geschrieben. Seit 2020 forciere die Stadt auch entsprechende Konzepte bei den Vereinen. Die Gleichstellungsbeauftragte Anneliese Roth erklärt, solche Konzepte hätten verschiedene Bausteine. „Dazu gehört ein Ehrenkodex, den jeder Übungsleiter unterschreiben muss.“ Auch Schulungen von Ehrenamtlichen seien wichtig – „regelmäßig, denn dort gibt es immer ein Kommen und Gehen.“ Kinder müssten gestärkt werden: „Ihnen fällt es oft schwer, sich einem Erwachsenen gegenüber zu behaupten.“
Die Stadt unterstützt Vereine nicht nur dabei, solche Konzepte zu entwickeln: Deren Existenz könnte die Stadt künftig sogar zur Voraussetzung dafür machen, dass Vereine finanzielle Förderung erhalten.
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Für viele vom mutmaßlichen Missbrauch Betroffene in Fellbach kommt dieser Vorstoß wohl zu spät – zumal auch der betroffene Verein schon Ansprechpartner für Prävention hatte. Allerdings ist auch denkbar, dass die Initiative gegen Missbrauch den entscheidenden Stein ins Rollen gebracht und einen ersten mutmaßlich Betroffenen dazu bewegt hat, sein Schweigen nach all den Jahren zu beenden.