Ryan Adams soll sich vor einer 15-Jährigen entblößt haben. Foto: Invision/AP

Dem US-amerikanischen Alternative-Rockmusier Ryan Adams werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Sieben Frauen beschuldigen ihn.

Stuttgart - „Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich in einer Band mit meinem Bruder und zwei Karotten knabbernden Zauseln spielen soll, die sich nicht einmal für Fußball interessieren, hätte ich gesagt: verdammte Scheiße, ich steige doch nicht bei den Bee Gees ein“: So brachte Noel Gallagher von Oasis mal auf den Punkt, wie sich viele Jahre lang ein Musikgenre definierte. Groupies gehörten zum Rockbusiness wie von harten Jungs zerlegte Hotelzimmer und Drogenexzesse, bündig von Ian Dury zu den goldenen Worten „Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll“ verdichtet.

Die Zeiten haben sich ein wenig gewandelt, Vegetarier (Napalm Death) und Abstinenzler (Henry Rollins) gibt es unter den heutigen Größen des Geschäfts ebenso wie besonders reflektierte und nachdenklich-sanfte Zeitgenossen. Zu Letzteren zählte lange Jahre auch der keinesfalls mit dem kanadischen Rockstar Bryan Adams zu verwechselnde amerikanische Singer-Songwriter Ryan Adams, der sich spätestens seit seinem 2001er-Erfolgsalbum „Gold“ in die Herzen vieler Alternative-Musik-Freunde gespielt hatte.

Karriere gegen Gefälligkeiten

Jetzt jedoch werfen dem 44-Jährigen sieben Frauen in der „New York Times“ sexuelles Fehlverhalten und Manipulation vor. Er soll Karrierehilfen angeboten und Frauen bedrängt haben, in einem Fall soll Adams mit einer minderjährigen Bewunderin in Online-Botschaften anzüglich geworden sein; den Angaben der zu diesem Zeitpunkt 15-Jährigen zufolge hatten sie Telefonsex, Adams soll sich zudem in einem Videochat vor ihr entblößt haben und die drohenden möglichen Konsequenzen ihr gegenüber sogar thematisiert haben.

Adams weist die Vorwürfe über seinen Anwalt zurück. Gleichwohl sind sie natürlich beschämend und gehören juristisch geklärt, und zwar – buchstäblich – gewissenhafter als bei seinem zuletzt ebenfalls in die Kritik geratenen Landsmann R. Kelly oder einst bei Michael Jackson, wo durch außergerichtliche Stillhalteabkommen und/oder Behördenschlamperei vieles im Ungefähren verblieb.

Was zu denken geben sollte

Bemerkenswert ist, dass die Causa Ryan Adams den Blick auf die Frage lenkt, warum das Popmusikgeschäft bisher eigentlich weitgehend von der Metoo-Debatte unberührt blieb. Weil der Fankult in dieser künstlerischen Gattung deutlich ausgeprägter ist als etwa in der Bildhauerei? Weil Danebenbenehmen viel eher geduldet wird als im Orgelkonzert? Weil der Tabubruch quasi Raison d’être eines Genres ist, das einst angetreten ist, die musikalischen Konventionen zu sprengen? Oder weil die nach wie vor überwiegend maskulin dominierte Rockmusik allen anderslautenden Bekundungen zum Trotz nach wie vor – und vielleicht auch von ihren weiblichen Anhägern geduldet oder gar begrüßt – vom Machismus geprägt ist? Liegt’s an einer Kultur, die schon die Freunde gesunder Ernährung noch immer als suspekt betrachtet? Oder gibt es bei jedem Popmusikfestival vielleicht nächtens auf dem Zeltplatz zigfach mehr sexuelle Übergriffe als im Backstagebereich?

Alles Fragen, die durchaus auch mal ins Licht der Öffentlichkeit gehören – und zwar nicht nur, wenn wie jetzt ein prominenter Musiker im Rampenzwielicht steht.

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