Szene aus Kinderheimen in der Nachkriegszeit Foto: Archiv Verein ehemaliger Heimkinder

Früher sollten Heimkinder mit Buße zur Frömmigkeit erzogen werden. Wer gegen Regeln verstieß, wurde hart bestraft. Ein Auswuchs dieses Systems war sexueller Missbrauch. Professor Benno Hafeneger untersucht, wie das bei der Brüdergemeinde war.

Korntal-Münchingen - Kirche, Staat, Eltern – für die Heimerziehung der fünfziger und sechziger Jahre waren viele verantwortlich. Doch das Schicksal etlicher Kinder zeigt: Alle haben versagt. Keiner könne sich der Verantwortung entziehen, sagt der Wissenschaftler Benno Hafeneger.

Herr Hafeneger, Sie äußern sich nicht im Detail zu Korntal. Gleichwohl sprechen Sie bereits von einem System der Gewalt. Schließen Sie in Korntal irgendetwas aus?
Zunächst gilt, dass seriöse Wissenschaft der methodisch geleiteten Suche nach der Wahrheit verpflichtet ist. Das gilt auch für die Aufklärung in Korntal. Hier wird allen Spuren, Hinweisen und Fragen empirisch nachgegangen und nichts ausgeschlossen. Bisherige Berichte über Heime zeigen eine Verschränkung von sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt oder auch von Medikamentenmissbrauch in Einrichtungen, die autoritär und von der Außenwelt abgeschottet waren und kaum kontrolliert wurden. Das meine ich mit System der Gewalt als ein System, in dem Gewalt möglich war.
Das klingt nach einem Zirkelschluss.
In Heimen herrschte bis in die 1970er Jahre vor allem eine strafende Pädagogik, das heißt eine Vorstellung, dass Kinder bei Fehlverhalten zu bestrafen sind. Sexualisierte Gewalt war auch damals strafbar, kam aber im Schutz des abgeschlossenen Systems Heim vor. Warum sollte das in Korntal anders gewesen sein?
Ein Aspekt Ihrer Untersuchung wird sicher auch die religiöse Gewalt sein.
Die Heime waren weitgehend in der Trägerschaft der beiden großen Kirchen. Hier hatte eine christlich begründete Erziehung einen besonderen Stellenwert. In Korntal gilt die Aufmerksamkeit der spezifisch evangelikal-pietistischen Praxis. Ich will drei Aspekte hervorheben. Erstens: Alle mussten an Gebeten, Gottesdiensten und weiteren Riten teilnehmen. Diese einschüchternde Religionspraxis produzierte Ängste und auch Abneigung gegenüber der Kirche. Zweitens zeigt sich ein negatives Kinderbild, das mit Begriffen wie sündhaft, triebhaft, gefährdet und verwahrlost versehen wurde und bei Kindern ein schlechtes Gewissen aufbauen sollte. Drittens bedeutete das Bild eines strafenden Gottes, dass der christliche Erzieher stellvertretend Gewalt ausüben durfte.
Gleichwohl ist die religiöse Gewalt nur eine von vielen angewandten Gewaltformen.
Man muss von einem mehrdimensionalen Gewaltverständnis ausgehen. Physische und psychische Gewalt waren alltäglich, sie waren eine ständige Bedrohung. Mit solchen Grenzüberschreitungen wird die körperliche und seelische Integrität verletzt. Den Kindern wird gezeigt, dass sie nichts wert sind.
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