Detlev Zander hat die Missbrauchsfälle publik gemacht, die stockende Aufarbeitung lässt ihn oftmals verzweifeln. Foto: factum/Weise

Detlev Zander wirft hin. Oder doch nicht? Die Irritationen um den Mann, der den Missbrauchsskandal bei der Brüdergemeinde öffentlich machte, wirft ein deutliches Licht auf die Zerrissenheit der Betroffenen untereinander.

Korntal-Münchingen - Detlev Zander gibt seinen Rückzug bekannt, heißt es in einer Mitteilung, die sein Netzwerk Betroffenenforum am Montagabend verschickt, Zander vielleicht auch selbst verschickt hat. Am Dienstagnachmittag klingt das ganz anders: „Ich mache weiter“, lässt der Mann verlauten, der die Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal publik machte.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Doch das ändert nichts daran, dass es in seiner Opfergruppierung Krach gab und gegenseitige Schuldzuweisungen die Kommunikation prägen. Unzuverlässigkeit, Machtbesessenheit und egozentrisches Verhalten wird ihm vorgeworfen. Michael Spreng, aktiv im Netzwerk, spricht zudem von Vertrauensbruch. Er will nicht ausschließen, dass sich der Verein nun auflösen wird. Zander wiederum beklagt, dass er die Mehrzahl der Betroffenen nicht habe überzeugen können, dass die „jetzige Aufarbeitung in eine völlig falsche Richtung geht und letztlich nur der Brüdergemeinde Korntal dient.“ Einig sind sich die zerstrittenen Betroffenen indes darüber, dass sie vor allem sich selbst schaden: „Natürlich spielen wir den anderen in die Hände“, sagt etwa Spreng mit Blick auf die Brüdergemeinde. Auch Martina Poferl, Zanders Mitstreiterin, stellt das nicht in Abrede. „Wir müssen schauen, wie es weitergeht“, sagt sie. „Unser Ziel hat sich deshalb nicht geändert“, sagt sie von sich und Zander.

Beide verlangen das Regensburger Modell, also die Aufarbeitung, wie sie bei den Domspatzen Anwendung findet. Sie lehnen die Moderatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz – mit Verweis auf die Berufsvita – als kirchennah ab. Somit haben die Aufklärer einen schweren Stand, obwohl diese ihre Unabhängigkeit bekräftigen. Doch sie sind von den Moderatoren vorgeschlagen.

Mehr als 30 Teilnehmer bei einem Informationstreffen

Das Hin und Her der Informationen ist bezeichnend für die Situation, in der sich die Ex-Heimkinder befinden, seit ein neuerlicher Anlauf zur Aufarbeitung der Fälle von Gewalt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begonnen wurde. Die ehemalige Richterin Brigitte Baums-Stammberger und der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger wurden von der Brüdergemeinde und der Opfer- und Unterstützergruppe AG Heimopfer beauftragt. Diese haben sich unter Leitung von Rohr und Bauz zusammengeschlossen. Zander und das Netzwerk hatten sich aus Kritik an Rohr und Bauz ausgeklinkt. Sie sind außen vor, wenngleich Wolfgang Schulz von der AG Heimopfer betont, Zander stünde der Weg zurück offen, wenn dieser nur wollte.

Schulz hatte am Samstag an einem nicht öffentlichen Treffen teilgenommen, bei dem die Aufklärer und die Brüdergemeinde dem Vernehmen nach nichts Neues bekanntgaben, dafür viele Detailfragen beantworteten. Zudem hätten sich etliche bei Baums-Stammberger um ein Gespräch bemüht. Dies ist Voraussetzung für die finanzielle Anerkennung der erlittenen Qualen. Ein weiterer AG-Teilnehmer, Peter Meincke, beschreibt die Atmosphäre als ruhig und konstruktiv, den Auftritt der Wissenschaftler als professionell. Laut Rohr und Bauz hätten sich mehr als 30 Betroffene zu dem dreistündigen Treffen eingefunden, bei dem der Vorsteher der Brüdergemeinde Klaus Andersen betonte, das Leid anzuerkennen, „wenn alles auf dem Tisch liegt“. Ungeachtet der Differenzen der Betroffenen, sei der gemeinsame Aufklärungsprozess für alle Betroffenen ohne Ausnahme da, so Andersen über den Disput.

Zander, der selbst nicht beim Treffen war, sieht sich bestätigt. Sein Fazit: „Das Treffen war nach gesicherten Informationen ein Kaspertheater.“

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