Missbrauchsskandal bei Brüdergemeinde Korntal Belohnung für Sex mit dem Hausmeister

Von Franziska Kleiner 

Das Hoffmannhaus der Brüdergemeinde steht in der Zuffenhauser Straße. Es ist  noch immer eine  Einrichtung der Jugendhilfe. Foto: factum/Granville
Das Hoffmannhaus der Brüdergemeinde steht in der Zuffenhauser Straße. Es ist noch immer eine Einrichtung der Jugendhilfe. Foto: factum/Granville

Der jetzt vorgelegte Aufklärungsbericht zum Missbrauchsskandal bei der evangelischen Brüdergemeinde dokumentiert das Martyrium der Kinder. Ein Auszug.

Korntal-Münchingen - Mit dem Wort Missbrauchsskandal ist in den vergangenen vier Jahren die physische, psychische und religiöse Gewalt umschrieben worden, die Heimkinder zwischen 1950 und 1980 in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde in Korntal erleben mussten. Mit dem am Donnerstag vorgelegten Bericht der Aufklärer Benno Hafeneger und Brigitte Baums-Stammberger werden die Formen der Gewalt konkret.

Eine Form der psychischen Gewalt waren Zwänge. Zum Beispiel der Zwang zu essen. Der Erziehungswissenschaftler Hafeneger schreibt, nicht selten hätten die Betroffenen das nicht freiwillig aufgenommene Essen wieder erbrochen. Einzelne Befragte berichteten, mit dem Kopf ins Erbrochene gedrückt worden zu sein. 16 ehemalige Heimkinder schilderten, dass der Druck der Erzieherinnen weitere Folgen hatte: „Sie stopfte mir das Essen in den Mund, bis ich brechen musste. Das musste ich auch noch essen.“ Andere konnten sich dem Bericht zufolge wehren. „Ich sollte Kutteln und anderes Ekliges essen und habe es erbrochen. Das sollte ich dann essen. Das war sicher dreimal. Aber ich habe mich mit Erfolg gewehrt.“ Auch Zwang zum Stehen gab es. Zwölf Befragte berichteten, dass sie gezwungen wurden, bis zur völligen Erschöpfung stehen zu bleiben. Andere Vergehen wurden auf diese Weise bestraft: „Bettnässer mussten die Bettwäsche in der Badewanne waschen und dann mit ausgestreckten Armen die Wäsche zum Trocknen hochhalten, bis sie trocken war.“

In der ersten Reihe in der Kirche

Doch selbst wenn die Kinder nicht im Heim waren, waren sie nicht davor gefeit, gedemütigt zu werden. „Sonntags war Kirchgang Pflicht. Wir Heimkinder mussten in die ersten Reihen. Wir mussten an allen vorbei. Man sah schon an der Kleidung, wer wir waren. Die Leute vor der Kirche sagten KZ: Korntal Zuffenhauser Straße.“ Das erzählte ein Ehemaliger, der zwischen 1955 und 1968 in Korntal lebte. Die Zuffenhauser Straße ist unverändert die Adresse des Hoffmannhauses.

Eltern hatten die meisten nicht, an die sich die Kinder in ihrem Schmerz hätten wenden können. Rund 40 Prozent der Befragten hatten während der Heimzeit aber auch zu anderen Familienmitgliedern keinen Kontakt. Ein Mann, der von 1939 bis 1950 im Kinderheim der Brüdergemeinde lebte, erzählte, sehr spät entsprechende Informationen erhalten zu haben. „Erst bei der Beerdigung meiner Mutter habe ich durch den Pfarrer erfahren, dass ich 15 Geschwister habe. Zwei habe ich noch kennengelernt. Eins war mit mir in Korntal, wir wussten nicht, dass wir Geschwister sind. Alle anderen Geschwister sind tot.“

Die Juristin Brigitte Baums-Stammberger hatte für den 408 Seiten umfassenden Aufklärungsbericht Interviews mit mehr als Hundert Opfern geführt. Die Schilderungen der ehemaligen Heimkinder sind in Auszügen in dem Bericht enthalten. Daraus entstanden ist eine Zusammenstellung der Gewalt, wie sie im Flattichhaus, vor allem aber im Hoffmannhaus angewandt worden ist.

20 Mitarbeiter namentlich benannt

Die Kinder mussten demnach unter anderem massive körperliche Gewalt erleiden. Auch mehrere Fälle unterschiedlicher Formen sexualisierter Handlungen von verbalen Belästigungen über unsittliche Berührungen im Intimbereich bis hin zu Vergewaltigungen sind dokumentiert. Aus dem Kreis des Personals haben die Betroffenen 20 Mitarbeiter namentlich benannt. Ein Drittel dieser Täter waren Erzieher oder Lehrer. Unter den anderen Mitarbeitern wurde laut den Aufklärern besonders häufig der Hausmeister genannt. „Den Hausmeister musste ich mit der Hand befriedigen. Zwei oder drei Mal. Genaueres weiß ich nicht mehr. Ich weiß, dass es eine ekelhafte Geschichte war“, erzählt ein Opfer. Eine Frau, die 1952 bis 1956 in Obhut der Brüdergemeinde war, wird sehr deutlich. „Da gab es einen Erzieher. Den musste ich oral befriedigen. Schon ein paar Mal. Der war nicht alt, circa 35 bis 40. Ich meine, er hat auch mit mir geschlafen und mich entjungfert. Das war bei ihm im Zimmer. Ich kann bis heute nichts Schleimiges sehen oder trinken oder essen, dann muss ich kotzen.“

Die Täter erkauften sich das Schweigen mit Belohnungen. In den Nachkriegsjahren, so Hafeneger, seien vor allem Süßigkeiten für die Kinder wertvoll gewesen. Zwei Brüder waren von ihrem Peiniger zum Analverkehr gezwungen worden. Einer berichtet: „Mein Bruder hatte Angst, dass ich was erzähle, weil er die Geschenke wollte.“

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